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Religiosität schwächt Gesellschaften

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Auf die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält, ist Religion die falsche Antwort. Zu diesem Ergebnis gelangt die bemerkenswerte Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt – messen was verbindet“, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erarbeitet wurde. Aber wie lautet die richtige Antwort?
Dienstag, 3. September 2013
Radar_Titel II

Der Zerfall hoch entwickelter Gesellschaften scheint eine ausgemachte Sache zu sein: Globalisierung, Einwanderung, Zunahme der sozialen Ungleichheit, Erosion der traditionellen Familie, Arbeitslosigkeit, Individualismus und Raubtier-Kapitalismus – alles Faktoren, die das Gefüge einer Gesellschaft vermeintlich bedrohen und zum Knirschen bringen können. Außerdem wechseln in immer kürzeren Abständen Wirtschafts-, Banken-, Finanz- und Schuldenkrisen einander ab und stellen die betroffenen Gesellschaften vor kaum lösbare Probleme. So ist es nicht verwunderlich, dass 71 Prozent der Befragten in Deutschland der Aussage, „die Gesellschaft fällt eigentlich immer mehr auseinander“, zustimmen, wie die im Juli veröffentlichte Studie Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt eine repräsentative Befragung aus dem Jahr 2011 zitiert. Stimmt das alles eigentlich? Und: Was stärkt die Gemeinschaft der Gesellschaft?

Religion auf jeden Fall nicht. Im Gegenteil seien „die Wichtigkeit von Religion im Alltag (…) und der gesellschaftliche Zusammenhalt (…) deutlich negativ korreliert“, heißt es in der Studie unmissverständlich. Vergleicht man den Anteil religiöser Menschen mit dem Index für gesellschaftlichen Zusammenhalt, wird die Aussage noch verstärkt:"Je höher der Anteil von Menschen in einem Land ist, die sich als religiös bezeichnen, desto schwächer ist der gesellschaftliche Zusammenhalt."

Radar_Zusammenhalt Religion

Die Studie, die Daten aus den vergangenen knapp 25 Jahren für 34 Länder zu einem internationalen Ranking über den gesellschaftlichen Zusammenhalt verarbeitet, liefert klare Hinweise dafür, dass die landläufige Meinung, Religiosität sei ein Kitt der Gesellschaft, falsch ist. Gerade die gottlosesten unter den untersuchten Staaten - Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland -  führen die Rangliste klar an. Eine Ausnahme bilden insbesondere die USA und Irland. Hier scheint sich Religiosität und sozialer Zusammenhalt nicht zu widersprechen. Am unteren Ende der Skala befinden sich Rumänien und Griechenland, zwei stark religiös geprägte Gesellschaften.

Nun ist Korrelation nicht gleich Kausalität. Oder anders gesagt: Aus der Tatsache, dass mit wenigen Ausnahmen  religiöse Gesellschaften schwächer zusammenhalten, darf nicht gefolgert werden, dass die Religiosität den Zerfall einer Gesellschaft verursache. Trotzdem kann man die Studie als direkte Antwort auf den Religionsmonitor 2013 verstehen. Hatte dieser doch einen positiven Zusammenhang zwischen sozialer Kohäsion und zumindest christlicher Religiosität hergestellt. Tatsächlich liest sich der ebenfalls von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene Monitor wie eine Lobrede auf den Christen-Menschen.  So sollen insbesondere Christen über viel „soziales Kapital“ verfügen. Im Unterschied zum Radar reichen dem Monitor die zwei Kategorien „Vertrauen“ und gesellschaftliches Engagement aus, um seine These vom Segen des Christentums für eine Gesellschaft zu belegen.  Warum soziales Engagement und vor allem der diffuse Begriff „Vertrauen“ die entscheidenden Faktoren für gesellschaftlichen Zusammenhalt sein sollen, bleibt ein Rätsel und eine große Schwachstelle der Untersuchung.

Radar_Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Der Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt verwendet einen komplexeren Begriff Zusammenhalt und kommt zu differenzierteren und  dem Monitor teilweise entgegengesetzten Ergebnissen. Sah der Religionsmonitor in der zunehmenden Diversität vor allem eine Gefahr, so der Radar eine Quelle für eine positive Entwicklung von Gesellschaften, die keinen negativen Einfluss auf die Gemeinschaft der Gesellschaft habe. Neigt der Religionsmonitor noch zu der Vorstellung einer positiven und religiösen Leitkultur, so erteilt der Radar gleich zu Beginn einer solchen Idee eine klare Absage. „Einen (…) Homogenitätsansatz halten wir für ein veraltetes Konzept, das der Lebenswirklichkeit differenzierter und komplexer Gesellschaften nicht gerecht wird“, schreibt die stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Bertelsmann Stiftung Liz Mohn im Vorwort der Studie.  Gesellschaftlicher Zusammenhalt sei die Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen und setzt sich aus belastbaren sozialen Beziehungen, einer positiven emotionalen Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und einer ausgeprägten Gemeinwohlorientierung zusammen“, definiert die Studie und fächert diese drei Bereiche in jeweils drei Unterkategorien auf.

Geld, Gerechtigkeit und Google - alles, was eine Gesellschaft braucht

Die schlechte Nachricht ist, dass Deutschland nur im Mittelfeld des Länderrankings liegt und weit hinter den skandinavischen Ländern zurück bleibt. Die gute Nachricht lautet, dass Deutschland immerhin im Mittelfeld liegt, vor Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Italien, die eigentlich nicht als besonders zerstritten gelten. Auffällig ist, dass das allgemeine Ranking der Länder ein erstaunlich klares geografisches Muster ergibt, das laut Studie aus anderen internationalen Vergleichen zur Lebensqualität oder zum subjektiven Wohlbefinden bekannt sei: Angeführt von den unvermeidlichen Spitzenreitern aus Skandinavien und Nordeuropa folgt ein angloamerikanischer Block aus Ozeanien und Nordamerika. Daran schließt sich Westeuropa mit Deutschland im Mittelfeld an. Süd- und ost-mitteleuropäische Länder liegen leicht dahinter. Die Länder aus Süd-Ost-Europa (Bulgarien, Griechenland, Rumänien) liegen abgeschlagen am Tabellenende.

Der Monitor erstellt jedoch nicht nur eine Rangliste. Tatsächlich vermag er herauszuarbeiten, was eine Gesellschaft stärken kann, nämlich Geld, Gerechtigkeit und Google. Wenig überraschend ist die erste auffällige und positive Korrelation mit dem von der Studie erstellten Index für Zusammenhalt, die sich aus Vergleich mit dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt ergibt -je reicher eine Gesellschaft, desto ausgeprägter die Kohäsion. Als ebenso wichtig erweist sich jedoch, wie das Vermögen einer Gesellschaft verteilt ist -je größer die Einkommensunterschiede desto geringer der Index. Auch der These, „dass Modernisierung die sozialmoralischen Ressourcen einer Gesellschaft (…) eher schwäche“, widerspricht die Studie. Gemessen am Knowledge Index der Weltbank, der Informationen unter Anderem zum Bildungsstand und zur Infrastruktur an Informationstechnologie erfasse, ergibt sich eine „ausgeprägte positive Korrelation“. Je innovativer eine Gesellschaft, desto größer die soziale Kohäsion, lautet das so nicht zu erwartende Ergebnis der Studie. 

Radar_Lebenszufriedenheit

Damit sind die  „drei günstigen Bedingungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ benannt. Dies sind vor allem Wohlstand, eine ausgeglichene Einkommensverteilung und technologischer Fortschritt hin zur Wissensgesellschaft. (…) Ein hoher Grad von Religiosität (scheint) eher hinderlich zu sein.  Globalisierung, ethnische Diversität und eine kompetitive Kultur unterminieren den Zusammenhalt demgegenüber (…) nicht.“

Der Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt liefert teilweise überraschende Ergebnisse. So mancher sollte sich veranlasst sehen, sich von liebgewordenen Vorurteilen wie dem bösen Kapitalismus oder der guten Religion zu verabschieden. Was aber noch wichtiger ist: Die Resultate der Studie schaffen eine empirische Basis jenseits ideologischer Grabenkämpfe. Denn letztlich geht es bei der Frage, was eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält, vor allem um eines: um das Glück der Menschen.