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Guluwalk 2013: Hopp, hopp, hopp – Kindersoldaten stopp!

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Trotz strömenden Regens fanden sich 100 Demonstranten am 25. Mai am Kollwitzplatz in Berlin ein, um gegen den weltweiten Missbrauch von Kindern als Soldaten zu protestieren – darunter einige Schüler und Schülerinnen des Schulfachs Humanistische Lebenskunde.
Mittwoch, 26. Juni 2013
Guluwalk 2013

Trotz Dauerregen kamen etwa 100, die gegen den Missbrauch von Kindern als Kindersoldaten demonstrierten | Foto: Töns Wiethüchter

„Hopp – hopp – hopp- Kindersoldaten Stopp!“ Unermüdlich skandieren die Schülerinnen ihre Parole. Mittlerweile kleben ihre Haare klatschnass an den Köpfen und ihre Kleidung und die Schuhe sind durchnässt. Anstatt bei diesem Wetter zu Hause auf dem Sofa abzuhängen und mit Freunden zu chatten, sind sie lieber nach Berlin-Mitte gekommen. Wer heute hier ist, der hat etwas zu sagen, der will Gehör finden. Ihre Trillerpfeifen übertönen den Regen, der ihnen nichts auszumachen scheint. „Ich protestiere gegen Kindersoldaten. Das ist nicht gut. Kinder haben schließlich Rechte“, antwortet die 11-jährige Samantha aus der Ludwig-Heck-Grundschule in Tempelhof auf die Frage, warum sie heute am Guluwalk teilnehme. Auf ihrem selbst gestalteten Plakat sieht man eine mit dickem Stift durchgestrichene Waffe.

Eine sichtlich beeindruckte Passantin fragt auf Drängen ihres Kindes die Schüler der Bornholmer Grundschule, wogegen sie protestierten. „Kindersoldaten?“ fragt sie noch einmal nach, so als könne sie nicht glauben, dass so etwas tatsächlich existiert. Doch nach Schätzungen der UNICEF dienen 250.000 Kinder in bewaffneten Gruppen oder Armeen. Einige kämpfen mit billigen, leichten Kleinwaffen wie den Kalaschnikows. Andere dienen ihren Kriegsherren auf andere Weise: als Lastenträger, Köche oder Späher. Mädchen werden nicht selten als Sexsklavinnen gehalten. Laut einer UNICEF-Studie von 2007 sind etwa 40% derjenigen „Kinder oder Jugendliche, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden oder wurden, egal in welcher Rolle oder Funktion“, wie die offizielle Definition von Kindersoldaten lautet, weiblich!

Fakten, mit denen die Schülerinnen und Schüler der Lebenskundegruppe aus der Bornholmer Grundschule bestens vertraut sind. „Jedes Kind hat eine schöne Kindheit verdient. Wir sind hier, um nicht nur zuzugucken, sondern auch zu helfen“, diktieren die 12-jährigen Joanne und Amal-Sarris ins Mikrofon. Sie berichten von dem Besuch eines ehemaligen Kindersoldaten im Lebenskundeunterricht, der sich wohl wegen seiner dunklen Hautfarbe „Mister Chocolate“ genannt habe. Er habe ihnen aus seinem Leben erzählt, wie er entführt, seine Schwestern geschändet und wie seine Eltern vor seinen Augen getötet worden seien.

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"Wir sind hier, um nicht nur zuzugucken, sondern auch zu helfen" | Foto: Töns Wiethüchter

Die Lebenskundeschülerin Lotte verneint die Frage, ob das Thema für Kinder nicht zu grausam sei. Sie fühle sich ernster genommen, wenn ihr das Grausame der Welt nicht verschwiegen werde. Es war „total emotional“ und alle hätten auch ein wenig geweint, beschreiben die Schülerinnen einhellig die Unterrichtsatmosphäre. „Mister Chocolate“ heißt eigentlich Yookie Albert Mangenge, ein ehemaliger Kindersoldat, der in Kooperation mit dem Schulfach Humanistische Lebenskunde Schulen besucht, um ihnen von seinem Leben zu berichten und für die Solidarität mit den Kindersoldaten zu werben. Man müsse kein Politiker sein, um etwas zu ändern, sagt Yookie Albert Mangenge auf der abschließenden Kundgebung im Monbijoupark.

Es gibt heute viele Kinder in Afrika, die nicht in der Lage sind, auszusprechen, was sie fühlen, weil sie durch all diesen Schmerz hindurchgegangen sind. Sie können nicht nach Europa kommen und den Mund aufmachen, um nach Hilfe zu fragen.

Mangenge forderte, sich lautstark gegen den Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten einzusetzen. Wie an diesem Tag auf dem Guluwalk. „Guluwalk ist klasse!“ meint die Lebenskundeschülerin Samantha. Der Name des Protestmarsches verweist auf die Provinzhauptstadt Gulu in Uganda. Hier demonstrierten zum ersten Mal im Jahr 2005 Kinder und Erwachsene gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten. Täglich fanden tausende Kinder aus der Umgebung, die Night Commuters, nachts in den Straßen der Stadt Schutz vor der LRA (Lord’s Resistance Army). Die LRA überfiel die umliegenden Dörfer, tötete die Bevölkerung und machte die Kinder zu Sklaven ihrer Armee. In Erinnerung an diese Wanderungen entwickelte sich ein weltweiter Protestmarsch - der Guluwalk.

Am Ende der Veranstaltung greift das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Klaus Lederer (Die Linke) eine weitere Forderung des Guluwalks auf: Keine Werbung für das Militär an deutschen Schulen. Die Bundeswehr versuche, den Jugendlichen „Krieg als Abenteuer zu verkaufen, Minderjährigen wohlgemerkt, in der Hoffnung, dass sich junge Menschen für den Beruf Krieger entscheiden. Das, was die Bundeswehr dort macht, ist verharmlosend. … Aber Krieg verbindet sich immer mit Konsequenzen. Und zwar nicht nur für diejenigen, die den Krieg erleiden müssen, sondern auch für diejenigen, die in den Krieg ziehen.“ Die Bundeswehr hat an Schulen nichts zu suchen.

„Kinder brauchen Spielzeug / Keine Waffen“  und „Statt Blut an den Händen, spielende Hände“ ist auf den Plakaten der Lebenskundeschülerinnen, die über einem Meer aus Regenschirmen zu tanzen scheinen, zu lesen. Nein, es ist nicht zu erwarten, dass sich diese Lebenskundeschüler einmal von der Werbung der Bundeswehr an Schulen werden einwickeln lassen.