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Kirche in Medien: „Ein Kritiker gilt als voreingenommen“

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Wenn Journalisten nicht gerade ein breites Rückgrat haben, vermeiden sie kirchenkritische Inhalte lieber. Das hat der Journalist und Buchautor Ulli Schauen beobachtet. Journalismus sei zwar keine Glaubensangelegenheit, doch eine unabhängige Berichterstattung werde vom „kirchlich-medialen Komplex“ verhindert – vor allem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Dienstag, 28. Mai 2013
Foto: A. Platzek

Ulli Schauen bei einem Vortrag auf dem Humanistentag in Hamburg. Foto: A. Platzek

Im Interview spricht Schauen über die extensive Vernetzung leitender Personen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit hohen kirchlichen Gremien, den Einfluss der Rundfunkräte und die Bedeutung von „kirchlichem Geruch“ im Journalismus.

Herr Schauen, Sie beobachten seit mehreren Jahren die Einflussnahme der Kirchen auf die Programmgestaltung des Rundfunks. Bekannt sind ja die Übertragungen von Gottesdiensten oder das Wort zum Sonntag. Mehr nehme ich zunächst einmal nicht wahr. Wie groß ist der Einfluss wirklich, läuft da noch mehr?

Ulli Schauen:  Neben den so genannten „Verkündigungssendungen“, die Sie zitieren und zu denen die Politik den Rundfunk gesetzlich verpflichtet hat, läuft natürlich Berichterstattung über kirchliche und kirchennahe Fragen. Vieles davon ist nicht wirklich unabhängig von Einflussnahme. Ein Beispiel: Die sechsteilige ZDF-Serie „Te Deum – Himmel auf Erden“ über die Geschichte sechs katholischer Orden wurde von einer katholischen Produktionsgesellschaft hergestellt. Die richtete sich nach Fragestellungen wie „Was hat uns Ordensgründer Benedikt heute noch zu sagen?“ Also eine kirchenfromme Perspektive. Nun könnte man die Geschichte der Orden aber aus vielen Blickwinkeln schildern. Zum Beispiel kann man kritisch nach ihrer wirtschaftlichen und sozialen Macht fragen und darstellen, wie marode sie zur Zeit der Säkularisation schon aus sich selbst heraus waren. So aber wurde ein Sendeplatz für lange Zeit besetzt. Wer für das Fernsehen arbeitet, weiß, dass eine neue sechsteilige Serie über die Orden für mindestens zehn Jahre nach der alten nicht mehr in Auftrag gegeben wird. Dazu ist Fernsehen zu teuer. Man wiederholt also immer wieder die existierende fromme Serie. Und wenn nun jemand eine kritische Betrachtung der Ordensgeschichte vorschlägt, heißt es im: Da ist doch gerade eine Ordenserie gelaufen. Die liegt im Archiv und kann auch wiederholt werden. Genauso wichtig wie die Suche nach offener Manipulation im Sinne der Kirchen ist also die Frage, wie unabhängige, kritische Berichterstattung durch das blockiert wird, was ich den „kirchlich-medialen Komplex“ nenne.

Können Sie noch ein paar weitere Beispiele nennen?

Klar. Für die 1999 ausgestrahlte 13-teilige Serie „2000 Jahre Christentum“ hatten die evangelische Kirche und die katholische Kirche eigens eine gemeinsame Produktionsgesellschaft gegründet. Die Dokumentation „Johannes Calvin“ über diesen protestantischen Reformator wurde auf Vorschlag eines Evangelischen Kirchenfunktionärs von der evangelischen Produktionsgesellschaft EIKON gemacht – und der „Calvin-Beauftragte“ der Evangelischen Kirche hatte das Schlusswort darin. Derzeit produziert der öffentlich-rechtliche Rundfunk über dieselbe EIKON eine weitere Serie über die Orte der Reformation – für das „Reformationsjahr“ 2017. Man kann sich zwar vorstellen, dass es dabei auch einige kritische Töne gibt, aber sie werden sehr gedämpft ausfallen.

Man könnte also davon sprechen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk den kirchlichen Medienbetrieben solche Aufträge regelrecht zuschanzt?

Die für solche Sendungen verantwortlichen Redakteure würden das natürlich heftig bestreiten. Es würde heißen: Das ist eine gute, ganz normale Firma, die auch Tatorte und Vorabendserien produziert und die sich einfach mit Religionsthemen gut auskennt. Also dürfen sie auch das machen. Bei Kirchen werden eigene Maßstäbe angelegt. Doch man würde nie eine TV-Produktionsgesellschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes mit einem Filmporträt über Ferdinand Lasalle, Hans Böckler oder einer Doku zur Geschichte der Gewerkschaften  beauftragen. Und das zu Recht.

Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Sendern bei der Einflussnahme, lassen sich denn Unterschiede in der Redaktionspolitik erkennen?

Bisher hatte ich noch nicht den Ehrgeiz, einen Überblick in dieser Frage zu bekommen. Festgestellt habe ich aber, dass etwa das ZDF oder der Bayerische Rundfunk sehr stark katholisch beeinflusst sind.

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Wie sieht die Einflussnahme, mal abgesehen von der Beauftragung der kirchlichen Produktionsgesellschaften, aus?

ZDF-Intendant Thomas Bellut beispielsweise ist Berater der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und auch sein Nachfolger Norbert Himmler wird in diese Kommission berufen. Das heißt, hier gibt es organisiertes Networking auf höchster Ebene und eine PR-Beratung durch Top-Manager des Rundfunks. In der gleichen Kommission sitzen auch der WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz, RBB-Programmdirektorin Claudia Nothelle, und Peter Limbourg, demnächst Intendant der Deutschen Welle. Die Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien wirkt auch im Aufsichtsrat der GEP, einer protestantischen Holding, die alle evangelischen Medien auf Bundesebene beaufsichtigt. Sie spricht gleichzeitig als Chefredakteurin fromme Kommentare darüber, warum wir aus dem Reformationsjahr 2017 etwas lernen können – das ist derzeit exakt das Top-Propagandathema der evangelischen Medien. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, ist Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken. Frey moderiert aber wie selbstverständlich die Sendung über die Papstwahl. Und wenn der Papst nach Deutschland kommt, ist das natürlich ein Top-Ereignis, bei dem der Chefredakteur vor dem Mikrofon steht. Wenn so jemand also behauptet, er sei mit seiner Großhirnrinde unabhängig, tut sich wenigstens die Frage danach auf, ob es auch sein Kleinhirn ist, ob er seine katholische Funktion so einfach an der Senderpforte abgeben kann. Als ich ihn um eine Stellungnahme dazu gebeten habe, wollte er keine Interessenkollision erkennen und hat betont, dass er weiterhin unabhängig in seiner Berichterstattung sei.

Foto: ZDF/Jens Hartmann

Medienmensch, Katholik und einflussreicher Entscheidungsträger: ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Foto: ZDF/Jens Hartmann

Die breite Berichterstattung um Ereignisse wie eine Papstwahl wird regelmäßig damit begründet, dass es ein großes Interesse beim Publikum gibt. Halten Sie das für ein vorgeschobenes Argument?

Teilweise. Das könnte schon weniger ausufernd sein. Aber als Journalist sage ich auch, es ist wichtig, welcher Papst gewählt wird. Das ist schließlich nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine politische und kirchenpolitische Frage. Deshalb muss dem dann schon Raum zugemessen werden. Wenn demnächst etwa die britische Königin sterben würde, gäbe es natürlich auch ganz viel Platz dafür in den Medien und natürlich würden sich andere darüber aufregen, dass für dieses Ereignis das ganze Programm umgestellt wird.

Woher kommt es denn, dass in den höheren Leitungsfunktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so zahlreiche Kirchenmitglieder tätig sind?

Die Kirchen unterhalten selbst Journalistenschulen. Deren Absolventen sind nicht allein deshalb U-Boote der Kirchen, aber sie haben einen, sagen wir mal, „kirchlichen Geruch“. Wer sich lange in einem Raum aufhält, in dem ein Hundehaufen liegt, der riecht den nicht mehr. Die kirchlich Angehauchten kommen natürlich auch in Führungspositionen. Außerdem, wie bei Politikern, ist der Anteil der Kirchentreuen unter den Journalisten überrepräsentiert. Denn mit den frommen Funktionären haben Journalisten oft das Sendungsbewusstsein und das Mitteilungsbedürfnis gemein, oder positiv gesagt: die Neigung zu gesellschaftlichem Engagement. Außerdem ist es den Kirchen gelungen, sich auch bei den eigentlich laizistisch und nicht kirchlich orientierten Journalisten so zu verankern, dass sie die Kirche grundsätzlich als eine gute Sache betrachten. Dafür, dass dies so ist, tun die Kirchen viel. Viele Medienpreise sind beeinflusst von kirchlichen Gremien. Ein „Evangelischer Medienkongress“ findet im ZDF und WDR statt, im Hessischen Rundfunk gibt es eine evangelische Fachtagung zu Online-Medien. Dabei geht es stets darum, bei den Medienleuten die Kirchen als Experten für bestimmte Themengebiete zu verankern: für Ethik und „Werte“, soziale Gerechtigkeit, für Hilfe bei den Dramen des Lebens, den Tod und das so genannte „Spirituelle“. Es ist eine breit angelegte Dauerkampagne, die ziemlich wirkungsvoll ist. Dabei hilft auch, dass die „Fachredakteure“ solche dann als kirchennah angesehene Themen bei den Sendern meist studierte Theologen sind – und in ihren Sendungen genau die genannten Themengebiete besetzen.

Bild: Screenshot

KiKA-Serie „Chi Rho“: „Das derzeit innovativste Vorhaben, Kinder mit der Bibel vertraut zu machen“ – Udo Hahn, Leiter des Medienreferats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bild: Screenshot

Bisher haben wir vorwiegend über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesprochen. Ist die Einflussnahme darauf begrenzt? Wie sieht es bei den privaten Medien aus?

Ähnlich, aber nicht so leicht erkennbar. Die „Verkündigungssendungen“, zu denen auch die Privatsender gesetzlich verpflichtet wurden, sind anders verpackt, die Grenze zum anderen Programm fließend. Da läuft also kein Wort zum Sonntag, sondern es läuft ein Filmtipp mit einem Bibelspruch als Kommentartext. Oder man macht eine Reportagereihe darüber, wie Promis den Sonntag verbringen. Und, simsalabim, kommt dabei Religion affirmativ ins Spiel. So laufen die Kirchenspots bei den Privaten. Auf den TV-Seiten der Kirchen im Internet kann man sich dazu einen wunderbaren Überblick verschaffen, denn dort wird das meiste gesammelt und online gestellt: www.kirche.tv ist die katholische Seite und rundfunk.evangelisch.de die Seite der evangelischen Kirche.

Ein anderes Beispiel: Der Sender RTL produziert kaum eigene Dokumentationen – das meiste läuft in Spiegel TV und anderen externen Programmfenstern. Doch seit ein paar Jahren laufen zwei, drei Dokus pro Jahr, die von RTL selbst bezahlt und verantwortet werden – aber maßgeblich auch von der Kirche beeinflusst sind – was nur aufmerksamen Lesern des Abspann klar wird. Ein Schwerpunkt der evangelischen Dokumentationen in der letzten Zeit war die Rolle der Kirchen in der DDR, in dem klaren Bewusstsein – und das wurde mir vom Redakteur Dieter Czaja auch telefonisch bestätigt – dass man da die Kirche in das „rechte Bild“ rücken will. Czaja stammt selbst aus der DDR und weiß natürlich, dass die Kirchen da nicht nur eine positive Rolle gespielt haben. Aber in dieser Dokumentation kommen nur Aspekte vor, die für die Kirche positiv sind. Sie sind eigentlich „Verkündigungssendungen“ wie ein Gottesdienst.  

Welche Rolle spielen hier die Rundfunkräte, die ja auch mit Vertretern der Kirchen besetzt sind. Haben diese hier einen großen Einfluss oder ist das eher zu vernachlässigen?

Natürlich haben sie Einfluss, sie wählen das Sendermanagement und sitzen in den Programmbeiräten. Sie können laut werden und Ärger bereiten. Ich habe selber mal einen Film gemacht über die gesellschaftliche Rolle der katholischen Grundschulen in Nordrhein-Westfalen. Da gab es dann eine Beschwerde vom katholischen Elternverband an den Rundfunkrat. So etwas kommt dann von der Intendanz runter zur Redaktion und zum Filmautoren. Man konnte dem Film nichts. Aber man versucht es eben immer und immer wieder. Wenn die Journalisten im Sender nicht ein breites Rückgrat haben, dann vermeiden sie solche Kämpfe und meiden kirchenkritische Inhalte. Und wenn ein profilierter Kirchenkritiker für einen Sender bei der Kirche recherchiert, dann ruft auch schon mal ein Kirchenrat bei einem Programmdirektor an.

Können evangelikal orientierte oder – ihren öffentlichen Bekundungen nach – offenbar ziemlich fromme Menschen überhaupt einen unabhängigen, neutralen und distanzierten Journalismus machen? Wie soll das gehen, wenn man fest von bestimmten Glaubenswahrheiten überzeugt ist?

Journalismus ist Handwerk, keine Glaubensangelegenheit. Da gibt es gewisse Grundregeln, wie zum Beispiel das Befragen der anderen Seite. Je nach Medium halten sich auch religiös orientierte Journalisten daran. Doch ihre Grundhaltung hat natürlich Auswirkungen. Ein Beispiel: Bei jedem Fernsehbericht wird ein Drehort, ein Beispiel benötigt. Wenn also die kirchlich orientierten Redakteure der rbb-Sendung „Himmel und Erde“ über Prostituierte auf der Kurfürstenstraße berichten, wählen sie ohne großes Überlegen das christlich orientierte „Café Neustart“ als Drehort. Die säkulare Beratungsstelle von Olga e.V. gleich nebenan lassen sie links liegen, obwohl deren Arbeit viel umfangreicher ist. Diese Journalisten entscheiden dafür, das kirchlich riechende Projekt zu porträtieren und das säkulare nicht. So stärkt der kirchlich-mediale Komplex auch das Image von Diakonie und Caritas.

Zur Person Ulli Schauen (56) ist Buchautor und Journalist (u.a. für Deutschlandfunk und WDR). Er lebt in Köln und setzt sich besonders gerne – für alle Medien – mit Themen abseits des journalistischen Mainstreams auseinander, vom politischen „Kampf um den Straßenstrich“ über die amerikanische Besatzungszeit Koreas bis zur Rolle von Privatschulen in Deutschland. Nach vielen journalistischen Erfahrungen mit dem nach seiner Ansicht grenzüberschreitenden Einfluss der Kirchen schrieb Schauen im Jahr 2010 „Das Kirchenhasser-Brevier“. Zuletzt veröffentlichte er im Mai 2013 in der taz mehrere Artikel über die Medienmacht der Kirchen. Außerdem bietet er Schulungen für Wissenschaftler im Umgang mit Medien an und ist Autor eines Beratungsbuchs für freie MitarbeiterInnen beim WDR: www.wdr-dschungelbuch.de

Welche Möglichkeiten haben denn säkular eingestellt Menschen mit einem Interesse daran, dass es so eine massive Einflussnahme auf die Medien nicht gibt?

Die Säkularen sind divers. Sie haben keine schlagkräftigen Organisationen. Das ist logisch, denn religionsfrei zu sein ist für sich gesehen keine Ausrichtung sondern ein natürlicher Zustand, macht aber Gegenmaßnahmen schwer. Sie haben, anders als die Kirchen, nicht überall ihre Vertreter, die sich in ihrem Namen einmischen und zu Wort melden können. Es hilft also nur, dass die Säkularen als Individuen aktiv werden. Wo ihnen mangelnde Unabhängigkeit und der kirchliche Geruch der Sendungen auffallen, sollten sie sich melden. So etwas wird zur Kenntnis genommen.

Und politisch muss der Zug in eine andere Richtung fahren als bisher: Statt nun den Muslimen im Rahmen der „Gleichbehandlung“ dieselben medialen Privilegien einzuräumen, was derzeit eine Art Konsens zu sein scheint, müssen die Privilegien und der Einfluss der Kirchen insgesamt zurück gefahren werden.

Haben Sie eigentlich Benachteiligungen aufgrund ihrer kritischen Beschäftigung mit diesen Themen erlebt?

Ja, ich bin als Kirchenhasser verschrien und das nicht nur aufgrund des Titels meines Buches. Als Experte bin ich verbrannt für viele Themen. Talkshows hätten mich vielleicht lieber als enttäuschten Pfarrerssohn denn als journalistischen Kirchenkritiker präsentiert. Markus Lanz hatte mich im Mai 2010 einmal bereits eingeladen, dann aber wieder ausgeladen, weil sich kein Kirchenvertreter neben mich ins Studio setzen wollte. Einige Monate später, im August, war ich dann da. Aber mittlerweile hatte die Redaktion wohl entschieden, das Thema auf kleiner Flamme zu kochen – entgegen früherer Zusagen. Lanz, der für meine Begriffe ebenfalls „kirchlich riecht“, hatte sich etwas zu recht gelegt, um mich einzunorden. Doch sein Argument war nicht korrekt. Daraufhin wurde diese Passage des Gesprächs rausgeschnitten. Am Ende haben mich Bekannte gefragt, warum ich überhaupt eingeladen wurde. Kirchenexperten, die schwärmerische Bücher geschrieben haben, wie Matthias Matussek vom SPIEGEL oder Andreas Englisch von BILD werden zum Thema gerne befragt. Ein Kirchenkritiker hingegen gilt als voreingenommen.

Herr Schauen, vielen Dank für das Interview!