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Religionsmonitor: Der Einfluss des Religiösen nimmt ab

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Die Religiosität nimmt in Deutschland tendenziell ab, religiöse Erziehung geht generationsübergreifend zurück und Familie, Schule und Freundeskreis sind die prägenden Wertevermittler in der modernen Gesellschaft. Die Trennung von Religion und Politik wird hierzulande als hohes Gut anerkannt. Dies sind zentrale Ergebnisse des Religionsmonitors 2013, den die Bertelsmann-Stiftung am Sonntag vorgestellt hat.
Montag, 29. April 2013
Religionsmonitor 2013: Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche

Abbildung 1: Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche nach Altersgruppen | Religionsmonitor 2013 der Bertelsmann-Stiftung

Die religiöse Vielfalt in Deutschland hat in den letzten 60 Jahren deutlich zugenommen. Zugleich ist der Anteil der Religiösen aber deutlich gesunken. Dies geht aus dem Religionsmonitor 2013 der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach ist der Anteil der evangelisch und katholisch eingestellten Menschen deutlich zurückgegangen und der der Konfessionsfreien (im Monitor wird von „Konfessionslosen“ gesprochen) sowie anderweitig Religiösen deutlich gestiegen. Waren 1950 lediglich 4,4 Prozent der Bevölkerung in beiden deutschen Teilstaaten konfessionsfrei oder jüdisch, hinduistisch, buddhistisch, esoterisch, orthodox, freikirchlich bzw. muslimisch religiös, stieg der Anteil der Konfessionsfreien bis zum Jahr 2010 auf 30,3 Prozent und der der anderweitig Religiösen auf 10,1 Prozent. Die Anzahl der evangelischen Menschen ging am stärksten zurück, von knapp 59 Prozent 1950 auf 29,2 Prozent im Jahr 2010. Der Anteil der Katholiken in der Gesamtbevölkerung sank von 36,7 Prozent auf 30,2 Prozent.

Religiosität und Spiritualität sind von allen abgefragten Lebensbereichen mit Abstand die unwichtigsten. Die Bereiche Familie, Freunde, Freizeit, Arbeit/Beruf und Politik sind alle deutlich wichtiger, in den alten Bundesländern in ähnlichem Maße wie in den neuen Bundesländern. Es wird auch deutlich, dass die Wichtigkeit beider Bereiche vor allem aufgrund ihrer Bedeutung in der älteren Generation relevant bleibt. Unter jüngeren ist die Bedeutung von Religion und Spiritualität deutlich geringer, in den neuen Bundesländern noch stärker als in den alten Bundesländern (Abbildung 1).

Da liegt die Frage nahe, welche Lebensbereiche oder Instanzen dann für die Wertevermittlung von entscheidender Bedeutung sind. Dies sind konfessionsübergreifend vor allem die eigene Familie, die Schule und der Freundeskreis. Insbesondere die familiäre Bindung nimmt eine Schlüsselrolle in der Vermittlung der eigenen Unabhängigkeit und der Einhaltung von Regeln ein. „Die Familie spielt die wichtigste Rolle in der Vermittlung von Werten“, heißt es im Religionsmonitor. Entsprechend ist es auch keine Überraschung, wenn in dem Bericht festgestellt wird, dass die religiös-weltanschauliche Sozialisation ausschlaggebend für die eigene religiös-weltanschauliche Haltung ist.

Religionsmonitor 2013: Einstellung zu ethisch-moralischen Fragen

Abbildung 2: Einstellung zu ethisch-moralischen Fragen | Religionsmonitor 2013 der Bertelsmann-Stiftung

Spannend ist weiterhin die Erkundung der Einstellungen zu ethisch-moralischen Fragen in der weltanschaulich vielfältigen Gesellschaft. So fragten die Wissenschaftler nach den Zustimmungsraten die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Sterbehilfe (Abbildung 2) und kommen zu dem Schluss, dass die wesentlichen Konfliktlinien zwischen der „liberalen“ Position der säkular bzw. christlich geprägten Mehrheitsbevölkerung (mit Ausnahme des Schwangerschaftsabbruchs bei den Katholiken) und der „rigideren“ Einstellung der muslimisch geprägten Bevölkerung bestehe. Zugleich offenbart der Religionsmonitor die Kluft zwischen der offiziellen Haltung der katholischen Kirche in diesen Fragen und der Haltung der einfachen Katholiken. Eine ähnliche Kluft zwischen der religiösen Bevölkerung einerseits und der Kirche bzw. den kirchennahen Parteien andererseits hatte im vergangenen Herbst auch die Konrad-Adenauer-Stiftung konstatiert. Der Religionsmonitor zeigt daher einmal mehr, dass sich liberale Positionen in diesen Fragen gesellschaftlich gegenüber den religiösen Dogmen zunehmend behaupten. Und dennoch bleibt es für Humanisten unablässig, die gesellschaftliche Debatte in diesen Fragen zu begleiten und mitzugestalten.

Gefragt nach der Wichtigkeit der Werte „Tradition“, „Sicherheit“, „Hilfsbereitschaft“ und „Hedonismus“ ergaben sich kaum relevante interkonfessionelle Unterschiede. Die Traditionsverhaftung und Sicherheitsorientierung unter den Konfessionsfreien ist zwar niedriger als bei katholischen, evangelischen oder muslimischen Personen, hilfsbereit und dem Hedonismus zugeneigt sind dann aber wieder alle vier Personengruppen in nahezu gleichem Maße. Zugleich stellen die Wissenschaftler im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung fest, dass mittel religiöse (35 Prozent) und sehr religiöse Menschen (49 Prozent) stärker freiwillig engagiert sind als religionsfreie Menschen (29 Prozent). Dies heiße aber nicht, dass nicht auch andere Faktoren einen positiven Einfluss auf freiwilliges soziales Engagement ausüben. Verglichen mit Bildung und sozioökonomischem Status sei die Religion „nicht unbedingt der wichtigste“, wenn es darum geht, warum Menschen einander vertrauen und sich freiwillig engagieren.

In Deutschland wird religiöse Vielfalt eher als Bereicherung gesehen (60 Prozent), mit Blick auf den Islam herrschen aber deutliche Vorbehalte. 51 Prozent sehen in der islamischen Religion eine potentielle Bedrohung. Dass diese Wahrnehmung vor allem eine gefühlte ist, machte der Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Integration und Migration in seinem ersten Jahresgutachten 2011 deutlich. Medien und die Art ihrer Medienberichterstattung würde (insbesondere muslimische) Migranten vorwiegend in Problemkontexte rücken, positive Berichterstattung kommt oft zu kurz. Hier gilt es also noch gesellschaftlich Hausaufgaben zu machen. Populistische Positionen werden hier kaum weiterhelfen.

Religionsmonitor 2013: Wahrnehmung von Religionen

Abbildung 3: Wahrnehmung unterschiedlicher Religionen | Religionsmonitor 2013 der Bertelsmann-Stiftung

Auf welchen Umstand die beachtlichen Vorbehalte gegenüber dem Atheismus und dem Judentum zurückgeführt werden können, ist unklar. Fest steht aber, dass auch diese beiden Weltanschauungen deutlich mehr Bedrohungswahrnehmungen auslösen als das Christentum, der Buddhismus und der Hinduismus. Insgesamt herrscht in den neuen Bundesländern eine religionskritischere Haltung als in den alten Bundesländern. Hier wird auch der Atheismus eher als Bereicherung wahrgenommen und deutlich weniger als Bedrohung. In den alten Bundesländern überwiegt das Bedrohungsgefühl noch leicht dem Gefühl einer Bereicherung (Abbildung 3).

Die Offenheit gegenüber Religionen und Religiosität korreliere mit Bildungsgrad und sozialer Lage, aber auch mit der eigenen Religiosität, heißt es in der Studie. Wer seine Religion allerdings dogmatisch lebt und davon ausgeht, dass in religiösen Fragen nur die eigene Glaubensgemeinschaft Recht habe, der neigt kaum dazu, offen für andere Religionen zu sein. Der Humanismus mit seinem toleranten und kommunikativen Ansatz scheint hier perspektivisch gute Karten zu haben.

Insgesamt ergebe sich aus den Daten das Bild einer „zunehmenden Pluralisierung des religiösen Feldes“, auf dem allerdings weiterhin die großen christlichen Kirchen dominieren, heißt es abschließend in der Studie. Diese verlieren aber an Ausstrahlungs- und Anziehungskraft, so dass man insgesamt von einem Abschmelzen gewachsener religiöser Milieus sprechen müsse. Die Pluralisierung des Religiösen führe ferner vor allem zur Wahrnehmung der Konflikthaftigkeit von Religionen, insbesondere in Bezug auf den Islam. Dass hierzulande in diesem Kontext immer wieder vom Mythos der (jüdisch-)christlichen Leitkultur gesprochen werde, scheint lediglich eine „Aufwertung des Christentums auf sprachlicher Ebene“ zum Zwecke der Abgrenzung und Selbstbehauptung zu sein.

Religionsmonitor 2013: Religiöse Selbsteinschätzung im internationalen Vergleich

Abbildung 4: Religiöse Selbsteinschätzung im internationalen Vergleich | Religionsmonitor 2013 der Bertelsmann-Stiftung

Religiöse Zugehörigkeit und Religiosität behalten aber trotz der Säkularisierungs- und Entkirchlichungsprozesse „eine grundlegende Bedeutung“ für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, fasst die Stiftung zusammen. Sie führt dies vor allem auf die höhere Bedeutung von sozialem Engagement und der größeren Bereitschaft zu zwischenmenschlichem Vertrauen unter Gläubigen zurück. Inwiefern sich dies bewahrheiten lässt, bedarf einer vertieften Überprüfung, in der zum einen verstärkt sozio-ökonomische Rahmendaten berücksichtigt werden und zum anderen „soziales Engagement“ klar definiert wird. Die Einordnung der Ergebnisse in einen internationalen Kontext lässt vermuten, dass die Verbindung von Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt, wie ihn die Bertelsmann-Stiftung hier zieht, zumindest mit Vorsicht zu genießen und differenzierter zu betrachten ist. Denn während Religion und religiöse Einstellungen in Europa eine relativ geringe Rolle spielen, sind sie in Nord- und Südamerika sowie in Indien und der Türkei von größerer Bedeutung (Abbildung 4). Die internationale Auswertung des Religionsmonitors hat ergeben, dass die Zentren hoher Religiosität außerhalb Europas liegen, nämlich in der Türkei (82 Prozent), in Brasilien (74 Prozent), in Indien (70 Prozent) und in den USA (67 Prozent). Dies wiederum sind aber Gesellschaften, die von sozialer Spaltung und einem nicht zu knappen Maß sozialer Konflikte geprägt sind. Wenn Religiosität und gesellschaftlicher Zusammenhalt tatsächlich einfach positiv korrelieren würden, dann dürften diese Gesellschaften kaum so starken sozialen Konflikten ausgeliefert sein. In Schweden (28 Prozent) und Israel (31 Prozent) herrscht die geringste religiöse Bindung in der Gesellschaft und zumindest für Schweden kann man von einer weitgehenden sozialen gesellschaftlichen Balance sprechen. Es lohnt sich also, genau hinzuschauen.

Religionsmonitor 2013: Cover

Für den Religionsmonitor wurden 14.000 Menschen in Brasilien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Israel, Kanada, Schweden, Schweiz, Spanien, Südkorea, Türkei und den USA befragt. 2008 schuf die Bertelsmann-Stiftung mit dem Monitoring von religiösen und weltanschaulichen Einstellungen erstmals ein Instrument, um Religiosität international vergleichend zu analysieren. Mit der neuerlichen Analyse will die Stiftung nicht nur die Daten zur Religiosität vorlegen, sondern auch soziopolitisch deuten. Hier kann der Religionsmonitor 2013. Religion und Zusammenhalt in Deutschland heruntergeladen werden.