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20 Jahre Humanistischer Verband Deutschlands: Ministerin Silke Krebs würdigte praktischen Humanismus

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Die Menschen im Humanistischen Verband Deutschlands liefern einen wertvollen Beitrag für eine starke und vielfältige Zivilgesellschaft. Das hat Silke Krebs, Ministerin im Staatsministerium Baden-Württemberg, bei einem Festakt zum Jubiläum des Bundesverbandes am Samstagabend in Stuttgart unterstrichen.
Dienstag, 16. April 2013
Foto: A. Platzek

Silke Krebs: „Sie vertreten in all ihrer Vielfalt eine gemeinsame Weltanschauung, den Humanismus.“ Foto: A. Platzek

„Wir freuen uns über eine religiöse und auch weltanschauliche Vielfalt in unserem Land“, sagte Silke Krebs in ihrer Festrede vor rund 80 Gästen im Humanistischen Zentrum Stuttgart. Mit dem Festakt wurde das Jubiläum des Humanistischen Verbandes Deutschlands gewürdigt, der am 14. Januar 1993 in Berlin als föderalistischer und demokratischer Bundesverband von mehreren Organisationen mit freidenkerischer und freireligiöser Tradition gegründet worden war.

Vor dem Beginn des Festakts hatte die 42. ordentliche Landesversammlung der Humanisten Württemberg eine mit dem Kultusministerium abgestimmte Verfassungsänderung beschlossen, nach der sie zukünftig auch offiziell unter dem Namen „Die Humanisten Baden-Württemberg“ als Weltanschauungsgemeinschaft die Interessen von konfessionsfreien Menschen im gesamten Bundesland vertreten werden.

Foto: A. Platzek

Treibende Kraft in der Arbeit für praktischen Humanismus in Baden-Württemberg: Andreas Heschel, Geschäftsführer des Landesverbandes.

Ministerin Krebs betonte in ihrer Rede, dass sich die Landesregierung als Partner der Kirchen verstünde. „Wir sind aber auch der Meinung, dass die große und wachsende Zahl der nichtreligiösen Menschen dabei nicht übergangen werden darf. Wir wünschen uns eine starke und vielfältige Zivilgesellschaft, die sich unabhängig und wenn nötig auch kritisch zu den Ansprüchen von Staat und Wirtschaft stellt“, so Krebs weiter.

Daher schätze sie den „Beitrag der Humanistinnen und Humanisten, die sich in wachsender Zahl zusammentun, um sich mit den Fragen der Zeit und des Lebens zu befassen, Gemeinschaft zu pflegen und sich gemeinsam zu engagieren.“ Krebs sagte auch, dass sie es als wichtige Aufgabe betrachte, deutlich zu machen, dass die Bildung von Werten und Orientierung an Werten, „nichts mit einer religiösen Orientierung zu tun hat und in der Realität jeder, ob gläubig oder nichtgläubig, im Alltag darum ringt, den Werten, die er sich gebildet hat, auch gerecht zu werden.“

Foto: A. Platzek

Links im Vordergrund: Dr. Florian Dort, Vorstandsmitglied des 2011 gegründeten HVD Hessen.

Darin unterschieden sich gläubige und nichtgläubige Menschen wenig. Auch dass sich der Wert und Sinn menschlichen Lebens nicht im beruflichen Erfolg oder gar Besitz erschöpfe, sei eine „gar nicht selbstverständliche Botschaft, die gläubige und nichtgläubige Menschen gemeinsam vertreten können und meines Erachtens auch vertreten sollen.“ So würden unter anderem die Jungen Humanistinnen und Humanisten für nichtreligiöse Menschen wichtige Entfaltungsmöglichkeiten, Orientierung und Diskussionsräume bieten. Die für September geplante Eröffnung der ersten ausgewiesenen humanistischen Kindertagesstätte in Stuttgart sei ein „wichtiger und spannender Beitrag zur Vielfalt in Baden-Württemberg“.

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Video Die gesamte Rede von Silke Krebs zum Festakt ist bei YouTube zu sehen

Die Ministerin erinnerte auch, dass sechs Mitglieder der Landesregierung nicht die Gottesformel bei der Vereidigung benutzten, darunter sie selbst. Daraus könne man schließen, dass diese eher der humanistischen Weltanschauung als einer kirchlich organisierten nahestehen. Zwar würde es sie selbst nicht drängen, ihren Nichtglauben in einer Organisation zu leben.

Krebs könne aber gut verstehen, wenn sich Menschen gemeinschaftlich dafür einsetzen: „Es ist richtig und wichtig, dass es Organisationen gibt, die das wahrnehmbar und greifbar machen, was in nichtreligiösem Zusammenhang an wertvoller Arbeit für die Gesellschaft geleistet werden kann.“ Daher freue auch sie sich, dass es den Humanistischen Verband als eine Organisation von Menschen mit einer nichtreligiösen humanistischen Weltanschauung gibt.

Foto: A. Platzek

Blumen und Beifall für die Ministerin.

Für die Bereitschaft, die Ereignisse durch ihre Festrede zu ehren, dankte Gabriele Will, Vorstandssprecherin der Humanisten Baden-Württemberg, der Ministerin. Will erinnerte zunächst an die über 160 Jahre alte Verpflichtung des Verbandes zu solidarischen und demokratischen Traditionen. „Wir achten und respektieren alle religiösen und weltanschaulichen Orientierungen. Wir wenden uns aber gegen Positionen der Intoleranz und Verletzungen der Menschenrechte“, so Gabriele Will. In der eigenen und ganz überwiegend ehrenamtlichen Arbeit förderten die Humanistinnen und Humanisten im Verband „die weltliche Feierkultur mit Festen im Jahreslauf, sie gestalten individuell die Höhe – und Wendepunkte des Lebens.“

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Dr. Gabriele Will, Vorstandssprecherin der Humanisten Baden-Württemberg.

Jugendarbeit, Seniorenbetreuung und Hospizdienst zählten zu den praktischen Tätigkeiten schon heute, weitere Projekte seien in Vorbereitung. Will: „Die Aufgabe, in Zukunft in ganz Baden-Württemberg die Interessen von konfessionsfreien Menschen vertreten zu dürfen, wird für unseren Verband Ansporn und Herausforderung sein.“

Die für den neuen Landesverband Baden-Württemberg aktuellen Perspektiven und Chancen sind aber auch bundesweit von großer Bedeutung. Darauf wies Frieder Otto Wolf, Präsident des Bundesverbandes, in seiner Rede zum Festakt hin. „Dass damit hier jetzt in einem der großen Bundesländer ein neuer Verband entstanden ist, zeigt ganz eindeutig, dass wir auf dem richtigen Weg sind: Humanismus als Weltanschauung wirklich umfassend in praktischen Angeboten erlebbar und überprüfbar zu machen.“

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Prof. Dr. Frieder Otto Wolf: Anfeindungen, Diffamierungen und Diskriminierungsversuche haben Erfolg nicht verhindern können.

Es genüge nicht, sich tragfähige und überzeugende Positionen eines engagierten Humanismus einfach nur auszudenken: „Denn diese bedürfen immer wieder der Rückkoppelung mit humanistischer Praxis.“ Diese sei heute, 20 Jahre nach der Gründung des Bundesverbandes, in den vielfältigen Angeboten und Initiativen des Verbandes in ganz Deutschland vorzufinden. „Das geht von Namensfeiern, humanistischen Kitas, Kultur- und Bildungsangeboten, dem Humanistischen Lebenskundeunterricht an Schulen, Patientenverfügungen bis zu einer Hospiz-Initiative, wie sie die Stuttgarter Humanisten aufgebaut haben.“

Anfeindungen, Diffamierungen und Diskriminierungsversuche haben nicht verhindern können, den praktischen Humanismus im gesellschaftlichen Leben und im öffentlichen Diskurs „Fleisch werden zu lassen“, so Wolf weiter. Denn seit der Gründung des Bundesverbandes sei Deutschland weltanschaulich ins Offene getreten, erinnerte er. „Es bekennt sich zu seiner Vielfalt und lässt sich nicht mehr einreden, dass Kultur oder Moral ausschließlich auf religiöser oder gar nur christlicher Grundlage möglich sind.“ In diese Entwicklung sei der Verband eingebettet und habe aktiv zu ihr beigetragen. Und doch hätten die Humanistinnen und Humanisten im Verband erst „damit angefangen, unseren Grundgedanken des praktischen Humanismus in Initiativen und Projekten für alle Menschen in diesem Lande greifbar werden zu lassen.“

Auf die Bedeutung von historischen Weichenstellungen wies auch Helmut Fink in seinem Grußwort als Vorsitzender des Koordinierungsrates säkularer Organisationen (KORSO) hin. Im KORSO vereinigten sich zweierlei Anliegen, erklärte er. So stünde eine Art von Organisation „unter dem Eindruck einer ungerechtfertigten Privilegierung der Kirchen. Sie verfolgen einen Abbau dieser Privilegien und kritisieren die zahlreichen Verflechtungen zwischen Kirche und Staat.“

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Helmut Fink: „War die Religion nicht seit Jahrhunderten ein bequemes Mittel der Obrigkeit zur Ruhigstellung der Untertanen?“

Diese Sichtweise sei historisch wohl begründet, so Fink mit einem Verweis darauf, dass das Bündnis von Thron und Altar einst „Gift für die Freiheit des Bürgers und für die Freiheit des Glaubens“ gewesen ist: „War Toleranz nicht stets begrenzt auf die Vielfalt der religiösen Konfessionen, bestenfalls, und fand ihr Ende dort, wo jedes religiöse Bekenntnis verweigert wurde?“ Diese Zeiten seien jedoch vorbei, seit die Weimarer Reichsverfassung der negativen Religionsfreiheit zur Anerkennung verholfen habe. Auch wenn es bis heute in einigen Bereichen Ungleichbehandlungen gebe.

„Eine zweite Gruppe säkularer Organisationen zieht jedoch andere Schlüsse. Sie nimmt die Gleichstellung der Weltanschauungsgemeinschaften mit den Kirchen beim Wort – denn auch das steht in der Weimarer Reichsverfassung und gilt im Grundgesetz fort“, so Fink weiter. Das gültige Religionsverfassungsrecht gebe die volle Gleichbehandlung nichtreligiöser Bürger mit den religiösen Bürgern vor. Es stehe dem Humanistischen Verband als gesellschaftliche Aufgabe zu, ethische Werte und weltanschauliche Orientierungen dort zu organisieren und anzubieten, wo die Menschen ein weltlich-humanistisches Angebot wollen.

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Besuch aus dem hohen Norden: Alexander Rabe, HVD Mecklenburg-Vorpommern.

Helmut Fink: „Das aktuelle Projekt einer Humanistischen Kinderkrippe zeigt die Bereitschaft der Stuttgarter Humanisten, pädagogische und soziale Verantwortung zu übernehmen. Ein weiterer Schritt wäre die Einrichtung eines humanistischen Wertebildungsfaches an öffentlichen Schulen in Analogie zum konfessionellen Religionsunterricht, zumal wenn es nicht in allen Jahrgangsstufen Ethikunterricht gibt. Ich denke, wenigstens eines von beiden wird eines Tages kommen müssen.“

Schließlich erinnerte Daniel Nette, Vorsitzender der Jungen Humanistinnen und Humanisten in Deutschland, in seinem Grußwort: „Nur da wo Jugend ist, ist Zukunft.“ Nette verwies auf die vielfache Beteiligung der Humanistinnen und Humanisten in Baden-Württemberg bei der Wiederaufstellung des Jugendverbandes in ganz Deutschland. So habe es in den vergangenen Jahren immer wieder „Beispiele der guten und auch unverzichtbaren Zusammenarbeit“ zwischen dem Bundesverband, dem Württembergischen Landesverband und dem Jugendverband gegeben.

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„Nur da wo Jugend ist, ist Zukunft", erinnerte Daniel Nette aus Hannover.

Nette hoffe deshalb, dass es den Menschen in den Landesverbänden weiter erfolgreich gelingt, „sich und anderen Menschen dauerhaft eine Heimat auf weltanschaulicher Basis zu geben. Denn ohne diese Grundlage verlieren auch die Jungen Humanistinnen und Humanisten in Deutschland einen wichtigen Teil ihrer Identität als Gemeinschaft und als humanistisch aktiver Jugendverband.“ Ziel der eigenen Arbeit sei jedenfalls auch in Zukunft, „zu einer toleranten und gleichberechtigten Gesellschaft beizutragen und dabei die Belange junger Menschen zu fördern.“