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Ethikunterricht als Ersatzfach: „Das muss dringend aufhören, denn das ist diskriminierend“

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Religion für alle und Ethik für niemanden oder Ethik für alle und Religion für keinen? Das frühere Monopol der Kirchen auf dem Markt von Religion und Weltanschauung in Deutschland löst sich auf. Wie sollen die Schulen auf diesen Umbruch reagieren? Ein Gegenmodell zu den Parallelgesellschaften schaffen, sagt Werner Schultz.
Samstag, 30. März 2013

Im Interview spricht der Abteilungsleiter Bildung und Kultur beim Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg über die Benachteiligung von Konfessionsfreien, Elternrechte und religiöse Selbstbestimmung.

Dreißig Prozent der Bevölkerung sind laut Umfragen der Ansicht, dass Religionsunterricht nicht an öffentliche Schulen gehört. Gibt es denn da überhaupt noch gute Gründe für so einen Unterricht an den Schulen?

Werner Schultz: Nach dem Grundgesetzartikel 7 Absatz 3 muss Religionsunterricht an den Schulen angeboten werden, weil es ein ordentliches staatliches Schulfach ist. Das sind die Rahmenbedingungen. Die Frage ist, ob diese Rahmenbedingungen noch aktuell sind oder ob man nicht über das Grundgesetz neu nachdenken muss. Die beiden großen Kirchen können nicht mehr von sich behaupten, dass sie die religiöse Bevölkerung allein repräsentieren. Wir haben Versuche, den Islamunterricht an den Schulen zu organisieren und in einigen Bundesländern wird der Weltanschauungsunterricht Humanistische Lebenskunde angeboten. In drei weiteren Bundesländern laufen darüber hinaus Anträge auf Einführung der Humanistischen Lebenskunde. Auf die multikulturelle Gesellschaft haben die Schulen noch nicht adäquat reagiert. Und das ist noch viel wichtiger: Die Gesellschaft wird säkularer. Die immer größer werdende Gruppe der konfessionsfreien Menschen, von denen wir wissen, dass sie weitgehend humanistisch denken, bekommt kein eigenes Angebot – außer in Berlin und Brandenburg.

Es gibt schon länger unter anderem den Vorschlag, ein Schulfach wie Religionskunde für alle einzuführen. Wäre das gleichwertig zu dem Modell des Ethikunterrichts, wie es ihn in Berlin gibt?

Religionskunde würde sich nur auf einen Teilbereich des Ethikunterrichts beziehen. Der Ethikunterricht ist breiter angelegt. Es geht nicht nur darum, die Philosophiegeschichte zu vermitteln und ethische Urteilsformen zu erlernen, sondern auch auf die interkulturelle Situation einzugehen und soziales Lernen zu organisieren. Ethikunterricht findet ja nicht nur in der 12. Klasse des Gymnasiums statt, wo es um Kant oder Sartre geht, sondern in jeder Schule. Und da muss natürlich auch soziales Lernen im Mittelpunkt des Unterrichts stehen, nämlich die Fragen: Wie verhalte ich mich in Gemeinschaften, welche Verantwortung muss ich übernehmen? Welche Rechte, aber auch welche Pflichten habe ich in der Schule und in der Gesellschaft?

Foto: T. Hummitzsch

Schultz: „Berliner Diskussion hat sehr viel Nachdenken in Bundesländern und in Fachkreisen hervorgerufen.“ Foto: T. Hummitzsch

Gerade da wo es um so etwas wie ein religiöses Bekenntnis und einen konfessionell gebundenen Unterricht geht, kommt auch immer wieder das Argument auf, dass es keine christlichen Kinder oder muslimischen Kinder gibt. Tatsächlich nehmen die Kinder aufgrund des elterlichen Erziehungsrechts an dem jeweiligen Religionsunterricht teil. Wie lässt sich so ein Spannungsfeld von Elternrecht und Selbstbestimmung auflösen?

Ich würde da Vorsicht empfehlen. Aus den Reihen der Giordano-Bruno-Stiftung kommt öfter mal so eine Position. Wir haben eine religiöse Selbstbestimmung ab einem Alter von 14 Jahren, dann kann jeder Jugendliche selbst entscheiden, was er oder sie glauben will. Davor gilt das elterliche Erziehungsrecht. Jedes Kind wird in eine soziale Situation hineingeboren, welche die Eltern entscheidend mitbestimmen. Und das ist ein Freiheitsrecht, das sehr hoch zu bewerten ist. Es gab Diktaturen, die mit Gewalt versuchten, den Eltern jegliches Erziehungsrecht zu entziehen. Und daher wird das Erziehungsrecht der Eltern – auch wenn es einem persönlich manchmal nicht gefällt, was manche Eltern machen – als Freiheitsrecht verteidigt. Man braucht sich nur einmal das Gegenteil vorstellen: Wenn der Staat beschließen würde, dass meine Kinder religiös erzogen werden müssen, würde mich das als Humanist empören. Und genauso würde es religiöse Eltern empören, wenn der Staat ihre Kinder gegen ihre familiäre Religion sozialisieren will. Ich denke, hier gibt es Freiheitsrechte, die der Staat schützen muss.

Das heißt aber nicht, dass der Staat nicht andere Informationen an die Kinder vermitteln soll, wie Wissenschaftlichkeit, vernünftige Urteilsbildung und durchaus auch skeptisches Denken gegenüber irrationalen, dogmatischen, fundamentalistischen und religiösen Positionen. Die Kinder sollen schon lernen, Wissen von Glauben zu unterscheiden. Aber das ist ein gesellschaftlicher Diskurs, den ich nicht mit Verboten führen würde. Eine Aussage wie „Kein Kind gehört seinen Eltern“ kann missverständlich sein.

Ließe sich denn die Humanistische Lebenskunde auch ohne die Bezugnahme auf die Gleichstellung mit dem konfessionellen Religionsunterricht begründen? Wenn es keinen Religionsunterricht, so wie wir ihn kennen, gäbe: Würde es trotzdem Sinn machen, ein Schulfach wie Humanistische Lebenskunde anzubieten?

Das ist eine sehr hypothetische Frage. Wir leben in bestimmten Rahmenbedingungen und die bestehen in Deutschland und anderen europäischen Staaten darin, dass Religionsunterricht an den Schulen angeboten wird. Und aus dieser Tradition heraus haben viele humanistische Verbände, insbesondere in Westeuropa, die Entscheidung getroffen, eine Alternative für nichtreligiöse, humanistisch denkende Kinder anzubieten. Das ist die historische Begründung. Wenn eine Gesellschaft entscheiden würde, keinen Religionsunterricht mehr an den Schulen anzubieten, würde das auch für den weltanschaulichen Unterricht gelten. Dann müssen beide raus aus den Schulen und am Nachmittag oder am Wochenende in der Privatsphäre vermittelt werden. Aber man sollte nicht denken, das werde in den nächsten Jahrzehnten passieren. Daher ist das Angebot eines humanistischen Lebenskundeunterrichts für die immer größer werdende Gruppe der konfessionsfreien Kinder sehr begründet und notwendig.

Programmtipp Quo vadis Religionsunterricht? Die aktuelle Ausgabe von PISAplus im Deutschlandfunk fragte: Welchen Zweck verfolgt Religionsunterricht im Jahr 2013? Erziehung im Glauben oder kritische Auseinandersetzung mit allen Weltreligionen? Ist bekenntnisorientierter Religionsunterricht an Schulen noch zeitgemäß oder sollte er eher Privatsache sein? Und: Welchen Beitrag kann eine "Religionskunde für alle" für den interkulturellen und interreligiösen Dialog leisten? In der am 30. März ausgestrahlten Sendung diskutierte Moderator Manfred Götzke mit Werner Schultz und Gothart Magaard, Bischofsbevollmächtigter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland sowie Winfried Verburg, Schulabteilungsleiter der katholischen Kirche im Bistum Osnabrück und Annett Abdel-Rahman, Lehrbeauftragte der islamischen Religionspädagogik an der Uni Osnabrück und Lehrerin für islamische Religion an der Drei-Religionen-Schule. Nachhören unter http://www.dradio.de/rss/podcast/sendungen/pisaplus/

Wir bewegen uns nun mal in historisch gewachsenen Strukturen und der Humanistische Verband entscheidet sich hier für die Gleichbehandlung und ein Angebot für die konfessionsfreien Kinder, denn dann kann auch nicht mehr so einfach gesagt werden: „Ihr Nichtreligiösen habt ja keine Werte, weil ihr euch damit nicht beschäftigt.“ Der Humanistische Verband vermittelt eine eigenständige Werteorientierung und eine ethische Lebensorientierung, die sehr wohl jeder religiösen Orientierung standhalten kann.

Wir haben in Deutschland immer noch die Regel, dass Kinder bereits ab der ersten Klasse mit dem Religionsunterricht konfrontiert sind. Dort, wo es begleitende Angebote gibt, kommen diese erst später dazu. In Berlin gibt es den Ethikunterricht ab der 7. Klasse. Wäre es nicht auch ein Schritt, dass der schulische konfessionelle Religionsunterricht und ein Angebot wie Religionskunde oder Ethik ab dem gleichen Schuljahr vermittelt werden?

Es gibt Bundesländer, in denen Ethikunterricht ab der ersten Klasse stattfindet, in der Regel aber beginnt er ab der 5. Klasse. Ein besonderes Problem beim Ethikunterricht besteht in der Bezeichnung als Ersatzfach. Das muss dringend aufhören, denn das ist diskriminierend. In Berlin existiert eine viel weiter gehende Lösung: Es gibt den für alle Schüler verpflichtenden Ethikunterricht, in dem die Schülerinnen und Schüler motiviert werden, gemeinsam ethische Fragen zu reflektieren und die Position der Anderen kennenzulernen. Sie sollen verstehen, was andere glauben und sollen lernen, darüber zu sprechen. Sie können miteinander reden statt übereinander. Deshalb halte ich das Berliner Modell für viel besser als die Regelungen mit einem Wahlpflichtfach, wo man sich zwischen Religion und Ethik entscheiden muss. Auch in Berlin wird weiterhin Religionsunterricht und die Humanistische Lebenskunde angeboten. Man kann also sehr wohl einen gemeinsamen Unterricht für alle haben und zusätzlich ein freiwilliges Angebot in einem Bekenntnisfach.

Humanistische Lebenskunde Was ist das? In Berlin, Brandenburg und Bayern gibt es das Schulfach Humanistische Lebenskunde, in dem die Grundsätze einer humanistischen Lebensauffassung vermittelt werden. Am Unterricht nehmen derzeit über 53.000 Schülerinnen und Schüler teil. Anschauliche Eindrücke von Inhalten und Gedanken der Schüler vermittelt anhand von fünf Beispielen ein 15-minütiger Vorstellungsfilm auf YouTube.

Zwischen den radikalen Forderungen nach einer kompletten Abschaffung des schulischen Religionsunterrichts und der in der Praxis vielleicht ziemlich illusorischen Vorstellung, den Religionsunterricht für alle Konfessionsgemeinschaften gleichermaßen zu öffnen: Was wäre denn ein realistisches Szenario, falls sich die Politik vernünftig entscheidet?

Ich erlebe, dass die Berliner Diskussion sehr viel Nachdenken in anderen Bundesländern und insbesondere in Fachkreisen hervorgerufen hat. Wir haben die Situation, dass in fast allen Großstädten Deutschlands die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr religiös oder konfessionell gebunden ist. Sie sind konfessionsfrei und wir wissen, sie denken eher humanistisch. In Berlin sind noch 28 Prozent in einer der beiden großen Kirchen organisiert. Selbst in München sind es nur noch etwa 50 Prozent. Wenn man will, dass die Kinder gemeinsam lernen, muss man ein Fach haben, in dem zusammen über ethische Orientierungen, Moral und Werte diskutiert wird, sonst wird die Schule ein Teil der Parallelgesellschaften, die wir ja schon haben. Schule aber muss ein Gegenmodell zu der Trennung schaffen. Schule muss dazu beitragen, dass das gegenseitige Verständnis besser wird und gemeinsame Werte entwickelt werden können, die eine Gesellschaft tragen. Das wird nicht in Parallelgesellschaften möglich sein.

Herr Schultz, vielen Dank für das Interview.