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Evolution ist kein Glaubensbekenntnis

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Evolution ablehnen und doch die Prüfung bestehen: An christlichen Bekenntnisschulen wird das leicht gemacht. Einspruch gegen die Vermischung von Fakten und Fiktion auf Kosten von Schülern erhebt der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera. Er betont, dass im naturwissenschaftlichen Unterricht biblische Erzählungen nichts verloren haben.
Sonntag, 17. Februar 2013
Bild: Screenshot

"Ganzheitliche Orientierung der Unterrichtsinhalte am Deutungsrahmen der Bibel" – sogar im Biologieunterricht. Bild: Screenshot

„Die These von der Evolution vom Einzeller oder gar der leblosen Materie zum Menschen ist wissenschaftlich nicht verifizierbar.“ Das erklärte das pädagogische Konzept des Verbandes evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS), welches bis vor einigen Monaten frei zugänglich war. Weiter hieß es dort: „Grundlage für das vermittelte Weltverständnis der Schule ist ein Universum, das in seiner Gesamtheit von dem Gott der Bibel geschaffen wurde, und das nach wie vor durch Ihn gelenkt und geleitet wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind vorläufig und in die biblische Weltdeutung einzuordnen.“  

Nach kritischen Medienberichten um den Jahreswechsel 2011/2012 verschwand das Konzept aus dem Netz und vor einigen Wochen veröffentlichte der VEBS eine neue Stellungnahme des Geschäftsführers der bibeltreuen „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, Reinhard Junker, zur Behandlung von Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen. Der VEBS, an dessen Schulen laut Eigenangaben rund 30.000 Schüler in 168 Schulen unterrichtet werden, empfiehlt diese zur Orientierung in den Fachkollegien sowie für Schulleiter und Vorstände.

Als unakzeptabel bezeichnet das Ulrich Kutschera, Professor für Evolutionsbiologie an der Universität Kassel sowie der kalifornischen Universität Standford und warnt vor der Indoktrination der Schüler in christlichen Bekenntnisschulen.

Herr Professor Kutschera, in der neuen Empfehlung des VEBS heißt es, eine Festlegung auf eine evolutionäre Weltsicht im Unterricht sei mit naturwissenschaftlicher Methodik nicht zu begründen. Der Logik der Ausführungen im  VEBS-Orientierungspapiers zufolge fordern öffentliche Schulen ein „Glaubensbekenntnis“ zur Evolution. Treffen solche Schlüsse zu?

Prof. Ulrich Kutschera: Der Autor dieser Empfehlung für christliche Bekenntnisschulen, Herr Dr. theol. Reinhard Junker, ist hauptamtlicher Mitarbeiter der kreationistischen „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, die über ein sogenanntes „Evolutionskritisches Lehrbuch“ unter anderen Medien in Deutschland den Junge-Erde-Intelligent-Design-Kreationismus verbreitet. Eine Kernthese dieser fundamentalistischen Sekte lautet, die Evolution sei, wie biblische Mythen, nur ein Glaube. Das ist unzutreffend: Evolution ist eine dokumentierte Tatsache, und Schöpfungserzählungen  sind biblische Mythen, ohne faktische Grundlage.

Das zur Orientierung der Lehrkräfte empfohlene Papier rückt die Naturwissenschaften bei „Fragen des Ursprungs“ in die Rolle eines Lieferanten von Indizien, welche in der Regel nicht eindeutig seien. Was sagen Sie zu dieser Einordnung der wissenschaftlichen Forschung?

Die christlich-fundamentalistische Studiengemeinschaft Wort und Wissen verbreitet den unzutreffenden Irrglauben, Evolutionsforschung sei, als historische Wissenschaft, nur auf unsichere Indizien angewiesen, die einer beliebigen Deutung unterlägen. Das ist falsch: Genau wie zum Beispiel die Astrophysik oder die Geologie basiert die Evolutionsbiologie auf Dokumenten sowie Experimenten. Auf Grundlage der erarbeiteten Fakten können nach dem Prinzip der historischen Rekonstruktion Ereignisse der fernen Vergangenheit, z. B. das Dinosaurier-Sterben vor ca. 66 Millionen Jahren, zuverlässig rekonstruiert werden (zum aktuellen Stand, s. Science 339, S. 656; 2013). Würde man dieser Ideologie folgen, so könnte man beliebige Glaubensinhalte, auch außer-christliche Dogmen, wie zum Beispiel die These von Kleinen grünen Männchen in unseren Körperzellen, mit wissenschaftlichen Fakten vermengen, was unsinnig ist.

Zur Person Ulrich Kutschera ist Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel, seit 2007 forscht und lehrt er zusätzlich als Visiting Professor an der Stanford University (USA). Außerdem ist er seit 2002 als Vorsitzender des Arbeitskreises Evolutionsbiologie im Verband Deutscher Biologen tätig sowie Mitglied im Beirat der Giordano Bruno Stiftung. YouTube-Kanal des AK Evolutionsbiologie, mit Videos zum Thema Evolution und Kreationismus: www.youtube.com/user/evolutionsbiologenDE

Gibt es überhaupt biblisch geprägte Schöpfungslehren, die aus wissenschaftlicher Sicht so fundiert sind, dass sie der Evolutionstheorie ebenbürtig sind?

Die deutschen Kreationisten arbeiten mit subtilen Methoden, um ihre christliche Dogmatik, mit der Biologie vermengt, an Laien zu vermitteln. So benutzt man bei Wort und Wissen zum Beispiel den Begriff „Evolutionslehre“, oder auch das Wort „Evolutionsanschauung“, um zu suggerieren, naturwissenschaftliche Erkenntnisse seien mit biblischen Mythen auf eine Stufe zu stellen. Eine ernstzunehmende „Schöpfungslehre“, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, gibt es nicht. Man hat daher das sogenannte „Grundtypen-Modell“ eingeführt, eine Art „Theo-Biologie“, die alles und somit nichts erklärt – Pseudowissenschaft unter dem Deckmantel der Biologie.

Würden Sie somit sagen, die Pädagogik an diesen Schulen fällt hinter einen Erkenntnisstand zurück, den es schon zu Lebzeiten von Charles Darwin gegeben hat?

Wir Biologen begehen seit einigen Wochen das Wallace-Jahr 2013. Die britischen Naturforscher Darwin und Wallace haben in ihren Werken christliche Schöpfungsmythen als Scheinerklärungen offengelegt und durch naturwissenschaftliche Fakten, zum Beispiel das Prinzip der natürlichen Selektion in Populationen von Organismen, ersetzt. Die Pädagogik von Wort und Wissen basiert auf einer christlich-fundamentalistische Weltanschauung, bei der die Erde nur 10.000 Jahre jung ist, und nach dem Adam- und Eva-Modell so genannte „Grundtypen“ erschaffen worden sein sollen. Diese kreationistische Pseudobiologie sollte an keiner Schule im naturwissenschaftlichen Unterricht verbreitet werden. Darwin und Wallace würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass biblische Mythen, die sie durch Fakten ersetzt haben, noch 2013 an deutschen Bekenntnisschulen im Bio-Unterricht verbreitet werden.

Cover

Mehr zum Thema Ulrich Kutschera veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Evolution contra Kreationismus, mit einer ausführlichen Widerlegung der Argumente von Wort und Wissen: U. Kutschera (2008), Evolutionsbiologie. 3. Auflage, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart sowie U. Kutschera (2010), Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. 3. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München

Im Grundgesetz heißt es über die Genehmigung privater Schulen, diese sei zu erteilen, wenn die Schulen „in ihren Lehrzielen (…) nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen“. Warum werden christliche Bekenntnisschulen mit solchen Konzepten zugelassen?

Webtipp
Kennen Sie schon? humanistisch.net – Unser neuer News- und Community-Service.

In den USA, wo die evangelikalen Kollegen der deutschen Wort-und-Wissen-Glaubensbrüder, also Christen mit fundamentalistischer Grundeinstellung, den Biologen große Probleme bereiten, gibt es ein National Center for Science Education in Oakland, Kalifornien. Mit diesen Wissenschaftlern stehe ich im stetigen Kontakt und treffe sie persönlich anlässlich meinen regelmäßigen Forschungsaufenthalte in Stanford, Kalifornien. Beim NCSE ist man darüber entsetzt, dass es in Deutschland keine Instanz gibt, die sich hauptamtlich diesem Problem annimmt. Es wäre die Aufgabe der Schulbehörden, zu überprüfen, was an derartigen „Bekenntnisschulen“ gelehrt wird, aber die Behörden schlafen wieder einmal, das kennen wir ja auch aus anderen Zusammenhängen.

Umfragen zum Schöpfungsglauben In Großbritannien, Heimatland des britischen Naturforschers und Begründers der Evolutionstheorie Charles Darwin, glaubt laut Umfragen nur weniger als die Hälfte der Menschen an eine Evolution. In den USA glauben laut einer Gallup-Umfrage von 2012 nur 15 Prozent an die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Auch hierzulande ist der Schöpfungsglaube weit verbreitet, wie eine im Auftrag der Forschungsgruppe Weltanschauungen erstellte repräsentative Umfrage 2005 herausfand: Die Entstehung des Lebens ohne Einwirken einer höheren Macht in einem natürlichen Entwicklungsprozess hielten rund 60 Prozent der Befragten für wahr, deutlich mehr als ein Drittel ging von einem biblischen Schöpfungsakt oder einer göttlich gesteuerten Entwicklung aus. Eine von der TU Dortmund 2008 durchgeführte Umfrage unter Studienanfängern zeigte, dass unter angehenden Biologielehrern jeder Achte nicht von der Evolution der Arten überzeugt war.

Welche Auswirkungen hat es, wenn die Vermittlung religiöser Erklärungsmodelle auf Kosten einer wissenschaftlichen Evolutionstheorie an den Bekenntnisschulen gefördert wird?

Zunächst sei vermerkt, dass die Evolutionsbiologie ein System von Theorien aus den Bio- und Geowissenschaften darstellt, das heißt eine Theorie zur Erklärung aller bekannten Evolutionsprozesse existiert nicht. Die Zulassung einer Gleichsetzung biblischer Schöpfungsmythen mit evolutionsbiologischen Fakten und Theorien führt zu einem kompletten Realitätsverlust der kreationistisch indoktrinierten Schüler. Diesen bemitleidenswerten Heranwachsenden wird suggeriert, beliebige Glaubensinhalte ohne Faktengrundlage seien mit wissenschaftlichen Erkenntnissen gleichsetzbar. Ich habe das an anderer Stelle als „verantwortungslose Volksverdummung“ bezeichnet und möchte diese Aussage hier präzisieren: Die Verbreitung einer christlich-fundamentalistischen „Theo-Biologie“, eine Erfindung der bibeltreuen Sekte Wort und Wissen, an so genannten „Bekenntnisschulen“ widerspricht dem Gebot der Trennung von Wissen und Glauben. Den Schülern wird das Erlernen unserer naturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweise verwehrt, und das ist unakzeptabel.

Herr Professor Kutschera, vielen Dank für das Interview.