„Ich bleibe dabei: Die wenigen sprechen für viele“
Vor gut vier Jahren wurde in Berlin der Koordinierungsrat säkularer Organisationen gegründet. Der Rat wollte die Gleichbehandlung der Konfessionsfreien in Staat und Gesellschaft durchsetzen. Herr Fink, seit Dezember sind Sie der Vorsitzende des KORSO. Wo steht der Rat heute?
Der Rat steht am Anfang einer neuen Phase intensiverer Verständigung. Viele Vertreter sind neu im Vorstand. Es wird in der nächsten Zeit darum gehen, die Unterschiede zwischen den Mitgliedsorganisationen klar herauszuarbeiten und gegenseitig besser zu verstehen. Auf dieser Basis kann dann entschieden werden, wo eine intensivere Zusammenarbeit sinnvoll ist und wo nicht. Hier hat es sicher in der Vergangenheit zu hochfliegende Erwartungen gegeben, die dann enttäuscht wurden.
Was sind die maßgeblichen Gründe, die dazu geführt haben, dass der KORSO bisher fast bedeutungslos geblieben ist?
Der KORSO hat fast keine eigenen Mittel finanzieller, personeller und organisatorischer Art. Er ist aufgebaut wie ein Dachverband, der nur das nutzen kann, was seine Mitgliedsorganisationen ihm zukommen lassen. Und da ist erst einmal den meisten das Hemd näher als die Jacke... das ist ja auch nachvollziehbar: Wer nur für sich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit macht, kann sein eigenes Profil pflegen und muss keine Kompromisse eingehen.
Ich stelle dann gleich mal die Grundsatzfrage: Wird so ein Rat überhaupt noch gebraucht? Dem Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung etwa ist es in den letzten Jahren doch auch hin und wieder ohne den KORSO gelungen, auf eigene Thesen aufmerksam zu machen.
In der Tat wird der KORSO für alle Mitgliedsorganisationen einen Mehrwert bieten müssen, wenn er stärker als bisher handlungsfähig werden soll. Aber es ist irreführend, dabei nur an öffentliche Auftritte zu denken. Es gibt ja auch Erfahrungsaustausch im Hintergrund, Vermittlung von Rednern für Veranstaltungen und Kontakte zu Experten. Ich betone gerne, was der Name „KORSO“ wörtlich beinhaltet: Koordinierungsrat – also Koordination und Beratung.
Im Rat sind heute neun Organisationen versammelt, die in einem bestimmten Themenbereich einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Es gibt aber auch klar entgegengesetzte Ziele. So befürworten einige Mitglieder einen Abbau traditioneller kirchlicher Privilegien durch eine konsequente Abschaffung, z.B. in der Frage des Religionsunterrichts oder der Vertretung in Gremien des öffentlichen Rundfunks. Andere befürworten ein Ende der Diskriminierung mit Hilfe der Durchsetzung einer Gleichbehandlung. Wie soll da denn aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Zusammenarbeit entstehen können?
Klar gibt es programmatische Unterschiede und verschiedene Einzelinteressen. Aber darüber darf man doch den Blick für die großen Gemeinsamkeiten nicht verlieren. Vielleicht wird erst durch den Kontrast zu den beiden großen Lagern der Religiösen und der Gleichgültigen so richtig deutlich, was die Säkularen eint: Aufklärung, Selbstbestimmung, Gleichberechtigung! Das sind tragfähige Werte. Ich bin daher nicht so pessimistisch wie es in der Frage anklingt. Was übrigens die Gleichbehandlung säkularer Organisationen mit den Kirchen angeht: Da ist oft nur der Weg verschieden, nicht das eigentliche Ziel – nämlich die gesellschaftliche Emanzipation der religionsfreien Menschen und die volle Anerkennung ihrer Kultur und ihres ethischen Anspruchs.
Über den Rat Der Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) wurde im November 2008 in Berlin gegründet. Der Rat fordert seit damals in einer Grundsatzerklärung eine Gleichbehandlung der konfessionsfreien Menschen in der Gesellschaft sowie die Vollendung der Trennung von Staat und Kirche. Zuletzt rief er im November 2010 dazu auf, mit der Ablösung der historischen Staatsleistungen an die Kirchen einen fast 100 Jahre alten Verfassungsauftrag umzusetzen.
In der Grundsatzerklärung des KORSO ist die Rede davon, die Trennung von Staat und Kirche zu vollenden. Mit Blick auf einige Entwicklungen der letzten Jahre, etwa die Einrichtung von Lehrstühlen für islamische und jüdische Theologie sowie das Fach jüdische Studien, die Einführung von alevitischem Religionsunterricht, die Staatsverträge von Bremen und Hamburg mit den islamischen Verbänden: Ist die Programmatik des Rats nicht streckenweise überholt?
Trennung von Staat und Kirche kann auch heißen, dass der Staat seine historisch gewachsene, einseitige Verbundenheit mit religiösen Anbietern aufgibt, indem er die nichtreligiösen Weltanschauungen völlig gleichstellt. Darüber wird im KORSO zu reden sein. Ich möchte hier die Strategiediskussion unaufgeregt und ergebnisoffen führen. Selbstverständlich kann es dabei am Ende auch zu Änderungen im KORSO-Programm kommen. Wir haben ja keine heiligen Texte.
Der KORSO spricht auch von einer konsequenten weltanschaulichen Neutralität des Staates, dessen Aufgabe die Ermöglichung einer gesellschaftlichen Pluralität sein soll. Was für eine Neutralität ist da gemeint und an was für eine Pluralität denken Sie da?
Die Gesetze des Staates und die Regeln der Gesellschaft gelten für alle Bürger, aber die persönliche Wertebegründung kann individuell sehr verschieden sein. Mit diesem Pluralismus haben die Säkularen kein Problem, solange nicht eine Gruppe der anderen vorschreibt, wie sie zu denken hat. Das bedeutet dann allerdings auch, dass nicht eine spezielle Weltanschauung oder Religion faktisch eine Monopolstellung haben darf als Träger von Kindergärten, Schulen oder Krankenhäusern. Hier hat der neutrale Staat ein Wächteramt. Das fordern die Säkularen ein.
Weshalb ist der KORSO eigentlich auf die heutigen Mitglieder beschränkt geblieben? Gibt es keine weiteren säkularen Organisationen, die hier für eine Einbindung in Frage kommen?
Es gibt Organisationen, die der „säkularen Szene“ nahestehen, aber sich weder als nichtreligiöse Weltanschauungsgemeinschaft verstehen noch das Verhältnis von Staat und Kirche als politisches Hauptthema bearbeiten. Ich denke da an die Humanistische Union, bei der dieses Thema nur eines unter mehreren ist. Oder an die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, die als Skeptiker-Organisation wertvolle Arbeit leistet. Zu beiden bestehen gute Kontakte, aber sie gehören – bildlich gesprochen – zur Nachbarschaft, nicht zur Hausgemeinschaft.
Wie die Erfahrung zeigt, ist nur ein ganz kleiner Bruchteil der zig Millionen Konfessionsfreien, auf die sich die im KORSO versammelten Vereine berufen, auch bereit, für die Vertretung eigener Interessen auf dieser Ebene zu zahlen. Inwiefern wurde dieses grundlegende Defizit, das ja offenkundig alle Mitgliedsvereine gleichermaßen betrifft, im Rat bisher reflektiert?
Die geringen Mitgliederzahlen sind allen Funktionären bewusst. Wir leben nicht in Zeiten, in denen man gern politischen oder weltanschaulichen Vereinen beitritt. Vielleicht ist dazu auch der Leidensdruck bei diesem Thema nicht groß genug, wir leben ja nicht mehr im 19. Jahrhundert. Jeder kann heute ungläubig sein, ohne sich dafür extra organisieren zu müssen. Aber dass die „Organisierten“ einen harten Kern darstellen, der die Interessen viel breiterer Bevölkerungsgruppen artikuliert, wird man kaum bestreiten können.
Zur Person Helmut Fink ist Physiker, Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands und der Humanistischen Akademie Deutschland sowie Vorsitzender des HVD Bayern. Fink ist ferner früherer Geschäftsführer des Nürnberger Wissenschaftsmuseums turmdersinne. Er ist Mitautor und (Mit-)Herausgeber mehrerer Fachbücher, darunter der 2010 im Alibri-Verlag erschienene Sammelband „Der neue Humanismus“. Zuletzt veröffentlichte er als Mitherausgeber im Oktober 2012 das Buch „Verantwortung als Illusion? Moral, Schuld, Strafe und das Menschenbild der Hirnforschung“
Das Argument dieses – ich nenne es mal so – mangelnden Engagements wird nicht nur von kirchlicher Seite immer wieder vorgebracht, auch im Bereich der Wissenschaft wird auf die Tatsache geringer Mitgliederzahlen hingewiesen. Man kann also den Vorwurf nicht einfach von der Hand weisen, dass man sich möglicherweise zu Unrecht auf die große Gesamtheit der Konfessionsfreien beruft, oder?
Es gibt ja Umfragen und Studien, die die zunehmende Säkularisierung und den Verlust religiöser Bindungen belegen. Es ist Aufgabe der säkularen Organisationen, diesen Bewusstseinswandel produktiv mitzugestalten. Das wird umso besser gelingen, je punktgenauer die Bedürfnisse der Konfessionsfreien bedient werden. Man muss sich das einmal aus Sicht der Leute vorstellen: Sind sie denn aus der Kirche ausgetreten, um gleich wieder woanders einzutreten? Wohl kaum. Aber sie nehmen Argumente auf, sie nehmen Dienstleistungsangebote wahr. Aktiv werden nur wenige, und die sind oft sehr engagiert. Das ist genau wie bei vielen anderen gesellschaftlichen oder politischen Themenfeldern auch. Aber ich bleibe dabei: Die wenigen sprechen für viele.
Zuletzt, was kann nun in der kommenden Zeit vom KORSO zu erwarten sein?
In den kommenden ein oder zwei Jahren wird die interne Koordination, Kennenlernen, Akzeptanz und eine geordnete Suche nach gemeinsamen politischen Forderungen im Vordergrund stehen, noch nicht so sehr das Auftreten in der Öffentlichkeit. Hierfür sind noch Vorarbeiten zu leisten.
Das bedeutet genau?
In den kommenden Wochen und Monaten werden wir alle Themenfelder, die die politischen und weltanschaulichen Interessen der Säkularen betreffen, der Reihe nach durchgehen. Daraus soll eine Prioritätenliste mit konkreten Forderungen an die Politik und ein Fahrplan für die künftigen Aktivitäten des KORSO entstehen. Das wird in Rücksprache mit den Mitgliedsorganisationen geschehen, nicht im KORSO-Vorstand alleine. Aber der Vorstand muss antreiben, sonst besteht die Gefahr, dass die Organisationen nur nebeneinander arbeiten und nicht miteinander.
Welchen gemeinsamen Anknüpfungspunkt sehen Sie darüber hinaus?
Anfang Mai findet in Hamburg der Humanistentag 2013 statt. Dort treffen sich Mitglieder aller beteiligten Organisationen, aber auch unorganisierte Säkulare, die sich für Aufklärung und kritisches Denken einsetzen. Auch Vertreter des KORSO werden dabei sein, sowohl im offiziellen Programm als auch im persönlichen Gespräch. Ich blicke diesen Tagen der Begegnung schon mit Freude entgegen!
Herr Fink, vielen Dank für das Interview.









