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Mediation – Humanistischer Ansatz der Konfliktlösung?

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Unter dem anspruchsvollen Motto "Konfliktkultur gemeinsam gestalten" hatten sich Mitte November 2012 Vertreter aller Mediationsrichtungen in Ludwigsburg zu einem zweitägigen Kongress getroffen. Erstmalig luden die drei führenden deutschen Berufsverbände gemeinsam ein. Etwa 700 Teilnehmer – vorrangig Mediatoren, Trainer, Wissenschaftler und Studenten – nahmen an dem Kongress mit über 50 Vorträgen, Workshops, Foren sowie einer Begleitausstellung teil. Das langfristige Ziel ist es, das selbstverantwortliche Lösen von Konflikten durch Mediation zu etablieren.
Donnerstag, 3. Januar 2013
Mediationskongress 2012

Etwa 700 Teilnehmende verfolgten aufmerksam die Beiträge zur Zukunftsfähigkeit der Mediation als Konfliktlösungsansatz | Foto: Kongressbüro

Mit Inkrafttreten des neuen Mediationsgesetzes Ende Juli 2012 hat ein Umbruch im deutschen Rechtsverständnis stattgefunden. Die prozessfreudigen Deutschen sollen nun mehr und mehr dazu gebracht werden, ihre Konflikte nicht mehr vor Gericht durch Urteil, sondern selbstverantwortlich durch Mediation oder Schlichtung zu lösen. Die damit eingeleitete Förderung außergerichtlicher Konfliktbeilegung durch Justiz und Politik wird nach Ansicht von Kongress-Geschäftsführer Siegfried Rapp „der Mediationslandschaft in Deutschland weiteren Aufschwung und weitere Akzeptanz verschaffen“. Sie wird allerdings auch den Berufsstand des Mediators und seine Berufsverbände, also den Bundesverband Mediation (BM), den Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt (BMWA) und die Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation (BAFM), vor neue Herausforderungen stellen.

Insofern standen Themen rund um die gesetzlichen Vorgaben, die den rechtlichen Rahmen von Mediation bestimmen, gerade am Eröffnungstag im Zentrum der Debatten. Einig waren sich mit der Bundestagsabgeordneten Ingrid Hönlinger (Bündnis 90 /Die Grünen) alle Vertreter der Verbände, dass der gemeinsame Gedankenaustausch zwischen Ministerien, Legislative und Berufsverbänden im Rahmen der vorbereitenden Arbeiten an einem Gesetzesentwurf effektiv und konstruktiv verlaufen sei. Um auch in Zukunft mit einer vereinheitlichten Strategie und damit auch größerer politischer Handlungskompetenz agieren zu können, wurde in den Podien intensiv darüber diskutiert, wie die Verbände trotz unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Schwerpunktsetzung und abweichenden Wertvorstellungen ihre Zusammenarbeit auf institutioneller Ebene vertiefen und so professionelle Strukturen und eine vereinheitlichte Qualitätssicherung gestalten können. Auf den Punkt formulierte es die BAFM-Sprecherin Jutta Lack-Strecker: „Lassen wir die Konkurrenz untereinander, lasst uns gemeinsame Ziele verfolgen.“

Mediation

Wir wollen nicht streiten - Mediation als Weg zum Ziel
Zwei Schwestern stritten um eine Orange. Ihre Mutter mischte sich ein und richtete gütig: Jede erhielt eine halbe Orange. Sieht doch auf den ersten Blick nach einer gerechten Lösung aus. Wenn man aber genauer hinschaut, erkennt man schnell, dass (ge)recht nicht immer richtig sein muss. Denn wenn beispielsweise die eine Tochter aus der streitigen Orange Saft pressen und die andere die Schale als Gewürz reiben wollte – dann ...? Wer hätte die richtige Lösung besser finden können als die beiden Töchter selbst?

Ohne einen Vortrag von Prof. Friedrich Glasl, dem Salzburger Konfliktforscher und Grand Seigneur der Mediationsbewegung, gibt’s kaum eine Zusammenkunft von Mediatoren im deutschsprachigen Raum. So problematisierte er auch in Ludwigsburg das immer wieder aktuelle Spannungsverhältnis von „Anspruch und Wirklichkeit in der Mediation“. In seinem zweiten Beitrag über Diagnosen von Konfliktsituationen, beschrieb er – mit viel Erfahrungswissen geschmückt – die unterschiedlichen Probleme, die durch ‚heiße‘ (offene) und ‚kalte‘ (verdeckte) Konflikten in Organisationen entstehen können und stellte die Anforderungen, die sie hinsichtlich Diagnose und Bearbeitung dem Mediator stellen, heraus. Glasls Resümee – „die Kunst ist, hinter dem vordergründigen Konflikt, das Hintergründige zu finden.“ – war dem nicht sonderlich konflikttheoretisch geschulten Zuhörer allerdings keine umwerfend neue Erkenntnis.

Was Mediatoren an Kompetenzen mitbringen müssen und welchen aktuellen Herausforderungen sie gegenüberstehen, ließ sich auf dem Kongress an den Inhalten der zahlreichen Workshops ablesen. Sie allein hier alle zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen; dennoch seien einige aufgeführt, um die vielfältigen und vielseitigen Möglichkeiten von Mediation aufzuzeigen. Ein gelungenes Beispiel für interkulturelle Konfliktklärung bot die interessante Präsentation einer „Mediation in einem afghanisch-deutschen Kindschaftskonflikt“ von Sosan Azad und Christoph Paul. Erhellend und erfrischend war, wie Prof. Ansgar Marx zeigte, dass ein „Palaverzelt“ Kindern helfen kann, spielerisch und selbstbestimmt zu lernen, wie sie Konflikte lösen und Streit vermeiden können.

Mediation

Was ist Mediation?
Mediation hilft streitenden Parteien, selbst eine Lösung für ihren Konflikt zu finden. Es handelt sich dabei um ein strukturiertes Gesprächsverfahren, das meist in fünf definierten Phasen abläuft. Der Mediator (es kann ein Richter sein, ein Anwalt oder ein sonstiger Experte) richtet nicht. Er urteilt nicht zu Gunsten des einen und zu Lasten des anderen. Er macht, anders als ein Schlichter, auch keine eigenen Vorschläge. Vielmehr hilft er den Konfliktparteien, Lösungen zu finden, die beide Seiten zufrieden stellen. Dabei ist er allen Parteien gleichermaßen verpflichtet. Indem Mediatoren einen Rahmen zur Konfliktbearbeitung schaffen, können die Parteien freiwillig eine faire und sachgerechte Lösung erarbeiten. Bis zuletzt steht es jedem Beteiligten frei, einer Vereinbarung zuzustimmen oder auch nicht. Mit dem Verhandlungsergebnis lässt sich dann auch juristisch etwas anfangen: Es kann, wie ein Urteil, vom Gericht oder Notar „für vollstreckbar erklärt“ werden. "Man kann damit also zum Gerichtsvollzieher gehen", erklärte Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung.

Die Möglichkeiten aber auch Grenzen von Mediation stellten die Berliner „Streit-Entknoterinnen“ am Beispiel des Konflikts um nächtliche Party, Lärm und Müll auf der Kreuzberger Admiralbrücke plastisch vor. Über dieses Verfahren wurde von den Berliner Medien intensiv und kontrovers berichtet und manche fragten, ob Mediation überhaupt eine sinnvolle Methode sein kann, um solche Streitfälle im Gemeinwesen anzugehen. Wie auch immer man es letztlich bewertet, inzwischen ist es wieder so ruhig und sauber an der Brücke, wie es eben in Kreuzberg üblich ist. Trug dazu vielleicht die Mediation bei?

Ganz so martialisch wie der Titel zunächst vermuten ließ, war der Vortrag von Thomas Robrechtüber „Knallhartes Management und Mediation zur Gestaltung der Konfliktkultur in Organisationen“ dann doch nicht. Sein Anliegen war es vielmehr, gerade Wirtschaftsbetriebe anzuregen und innerbetriebliche Konflikte als Chance für Entwicklung zu begreifen. In diesem Zusammenhang stellte er die Mediation als ein Verfahren zur Konfliktregelung unter vielen anderen vor, das zwar nur für bestimmte und genau definierte Arten von Konflikten in Organisationen sinnvoll einsetzbar sei, dann aber mit guten und nachhaltigen Erfolgen aufwarten könne.

Mediation

Mediation in den unterschiedlichsten Bereichen des täglichen Lebens
Mediation eignet sich u.a. in familiären Kontexten, etwa bei Trennung, Scheidung oder Erbschaftsstreitigkeiten; auf der Arbeit bei Mobbing, Teamkonflikten und Vertragsunstimmigkeiten; in der Nachbarschaft bei Mietstreitigkeiten oder Lärmbelästigungen sowie in Politik, Wirtschaft, Kultur, Ökologie, Kirche, im Strafrecht (Täter-Opfer-Ausgleich) und bei interkulturellen Konflikten.

Genau diesen Paradigmenwechsel in der Bewertung von innerbetrieblichen Konflikten diskutierten Vertreter von SAP, Porsche; IBM Deutschland und Areva NP im Podium „Wirtschaft und Mediation“. Gestaltet wurde es vom Round Table Mediation und Konfliktmanagement der deutschen Wirtschaft (RTMKM). Es handelt sich dabei um einen Arbeitskreis von Unternehmensvertretern, die sich in einem kooperativen Rahmen zum Thema Konfliktmanagement austauschen und gemeinsam lernen mit Konflikten umzugehen, statt sie zu vermeiden. Exemplarisch zeigte Jürgen Briem vom Softwareproduzenten SAP auf, wie in dem Walldorfer Unternehmen ein in den letzten Jahren systematisch aufgebautes Konfliktmanagementsystem geholfen hat, ein für Konflikte offenes Betriebsklima zu schaffen. Ziel von SAP war von Anfang an, nicht nur entstandene Konflikte im Nachhinein aufzuarbeiten, sondern präventiv Konflikte möglichst früh mediativ zu begleiten. Neben der Reduzierung von Konfliktkosten wirkte sich die Mediation schon bald auch positiv auf die Unternehmenskultur und das Branding von SAP aus.

Victor Hugo spricht man das Bonmot zu: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. Scheinbar ist die Zeit für Mediation in Deutschland gekommen. Dieser Kongress hat mit anregenden Veranstaltungen, interessanten Debatten und vielfältigen Impulsen zur Reflektion sicherlich dazu beigetragen.