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Sex, Geld und … Gott? Religion als neuer Hype der Mittelschicht

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Wie viel Glauben erträgt und wie viel braucht unsere Gesellschaft? Welche normative und soziale Funktion kommt der Religion in unserer Gesellschaft zu? Taugen nicht allein nachmetaphysische Begründungen für politische Ordnungen in multiethnischen, multireligiösen Gesellschaften?
Dienstag, 18. Dezember 2012
 Foto: xtranews.de / Flickr / CC-BY-SA

SPD-Spitzen: Eintracht auch im Glauben. Foto: xtranews.de / Flickr / CC-BY-SA

Diese wichtigen Fragen diskutierte die ZEIT-Redakteurin Carolin Emcke in der Veranstaltungsreihe „Streitraum“ in der Berliner Schaubühne mit ihren Gästen, dem Soziologen Heinz Bude, dem ehemaligen Verfassungsrichter Dieter Grimm und dem ZEIT-Redakteur Jan Roß.

„Gott. Eine gute Idee?“ titelt das Philosophie Magazin in seiner jüngsten Ausgabe (diesseits.de berichtete). Und wenn es nach Jan Roß ginge, der die Kernthesen aus seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Verteidigung des Menschen“ zur Debatte stellte, sollte man diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Wir brauchen mehr Religion in Öffentlichkeit und Gesellschaft, denn Religiöse seien zu Außenseitern geworden und befänden sich in einer Minderheitenposition, so seine subjektive Diagnose der Rolle der Religion in der Gesellschaft. Trotz aller regionalen Verschiedenheiten sieht er eine religionskritische und teilweise religionsfeindliche Grundstimmung, die er als phobisch beschreibt. Nicht die religiös motivierte Gewalt, sondern der Wahrheitsanspruch der Religionen sei die tiefe Quelle des Missbehagens. Das eine hat nach Ansicht Roß‘ nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun. Denn der Glaube, im Besitz einer absoluten Wahrheit zu sein, sei auch heilsam, weil er ein erhebliches Widerstandspotential gegenüber staatlicher Machtausübung darstellen könne.

Wie stellten uns immer die Frage, ob Religion übergriffig wird. Wir sollten uns auch die Frage stellen, ob das Diesseits übergriffig werden kann. Was passiert in einer Gesellschaft, in der man nicht mehr das Gefühl hat, es gebe zwei Pole der Existenz, Himmel und Erde, sondern nur noch die Immanenz, die Erde?

kehrt Roß die Perspektive um und fordert eine „Präsenz des Andersseins“ im Wirklichen.

Leben wir in postreligiösen oder postsäkularen Zeiten?

Ja, was soll denn passieren? Können wir nicht froh sein, in postreligiösen Zeiten zu leben? Tun wir ja gar nicht, meint der Soziologe Heinz Bude. Im Gegenteil lebten wir in postsäkularen Zeiten - ein neues Schlagwort, das er nicht weiter klärte, aber durch die Popularität radikalreligiöser Strömungen wie der Evangelikalen oder Pfingstler belegte. „Das neue Interesse an Religion hat eine Klassensignatur. Die besser Gebildeten werden ganz merkwürdig über das Bildungsthema religiös“, behauptete er mit Blick auf die USA weiter und meinte aber Deutschland.

Foto: Töns Wiethüchter

Jan Roß, Carolin Emcke und Dieter Grimm (v.l.). Foto: Töns Wiethüchter

„Der Klassencharakter des Religiösen hat sich umgedreht“, pflichtete Jan Roß ihm bei. Dumme Atheisten und kluge Gläubige? Darauf schien es hinauszulaufen. Heinz Bude jedenfalls kennt nur zwei Sorten Atheisten, die ewig gestrigen, „verstockten Säkularisten“ und diejenigen, die sich mit ihrem Atheismus nicht wohl fühlten. Religion sei eine Frage der „Herzkammer der Gesellschaft“ und nicht nur der „Ausstaffierung der Innerlichkeit“, legte er sogleich nach.

Dieter Grimm, ehemaliger Verfassungsrichter und 1995 am Kruzifixurteil beteiligt, sieht das anders:

Eine Demokratie kann nicht ausschließlich vom Mehrheitsbildungsprozess leben. Sondern es gehören auch Wertvorstellungen, Gesinnungen und Tugenden (…) dazu, unter denen das überhaupt nur gelingen kann. (… ) Nun bin ich aber weit davon entfernt zu sagen, dass die Voraussetzungen nur aus dem religiösen Bereich kommen können. Sondern dafür gibt es unterschiedliche Angebote. Und wir sehen, dass in diesem Spiel von kommunizierenden Röhren, die religiösen Angebote im Moment im Steigen begriffen sind und andere vielleicht im Sinken. Wenn dieses Bedürfnis allein durch Religion zu decken wäre, dann hieße das, dass man einen erheblichen Teil der religiös indifferenten Bevölkerung ausschließt und nicht teilhaben lässt. Religion, ja natürlich, aber nicht allein.

Auch Heinz Bude vertrat die Ansicht, dass „religiöse Sprachspiele“ nicht die einzigen sein dürften. Doch wir bräuchten sie, um uns über Werte zu verständigen. Als er auf Einladung des Goethe-Instituts in Karachi die westlichen Werte verteidigen sollte, habe er etwas hilflos den Zuhörern unterstellt, dass sie alle glaubten, uns im Westen ginge es nur um Sex und Geld - was die Anwesenden bejaht hätten.

Die Bindungen (in der Gesellschaft) sind unklarer geworden. Und über Bindungen muss man neu verhandeln. (…) Und zwar nicht nur als eine Frage der privaten Orientierung in der Welt, sondern als Fragen einer öffentlichen Diskussion über legitime Bindungen in unserer Gesellschaft. Und damit haben wir eigentlich zu tun. Ich sehe das alles ganz positiv. Über die Religionsfrage findet im Augenblick eine (…) Revitalisierung öffentlicher Diskussionen (statt).

Religion vs. Verfassungspatriotismus

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Sex und Konsum? Oder doch mehr? Die Antworten fielen an diesem Tag verblüffend konventionell aus: Die Religion oder die Sprachspiele des Religiösen auf der einen und auf der anderen Seite? Der Verfassungspatriotismus, den Dieter Grimm als Alternative zur exkludierenden Religion beschwor: In der alten Bundesrepublik sei

die Verfassung zu einer Art Identitätsquelle und Bindungsgehalt geworden. Und das wirkt fort. (…) Der Erfolg hängt (…) gerade damit zusammen, dass Personen und Gruppen von sehr unterschiedlichen Überzeugungen sich in der Verfassung wiederfinden können und sie in ihrem Sinne deuten können. (…) Die Verfassung hat das Potential die unterschiedlichen Strömungen aufzunehmen.

Immerhin war sich das Podium darin einig, dass der Staat absolut neutral zu sein habe. Doch in welcher Gesellschaft wir leben und welche Rolle religiöse Überzeugungen spielen sollten und dürfen, blieb strittig.

Postsäkular oder postreligiös? Es sind nur scheinbar sich widersprechende Alternativen, denn die Säkularisierung und die Sichtbarkeit des Religiösen in der Öffentlichkeit schließen sich nicht aus. Als Jürgen Habermas im Jahr 2002 in einer Rede unsere Gesellschaft als postsäkular bezeichnete, meinte er damit keine neue Lust am Religiösen, sondern ein anderes Verständnis von der Rolle der Religionen in der Gesellschaft. Und mit manchem hat er Recht: Wer glaubte, im Prozess der Säkularisierung werde das Religiöse wie von selbst verschwinden, hat sich getäuscht. So viel muss empirisch festgestellt werden.

Das heißt aber nicht, dass es eine Renaissance des Religiösen gebe. Religionen werden wieder und neu als Ressource für die ethische Selbstverständigung einer Gesellschaft verstanden. Das ist der eigentliche Sinn des Wortes postsäkular. Denn, wie Jürgen Habermas feststellte, ist eine postsäkulare Gesellschaft eine solche, „die sich auf das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Gesellschaft einstellt“. Immer noch säkular, nur mit einem anderen Verständnis von der gesellschaftlichen Funktion der Religionen. Und was ist mit den Kirchen? Sie werden sich mit ihrem zunehmenden Bedeutungsverlust abfinden müssen. Auch das ist eine empirische Tatsache, die an diesem Tag niemand bezweifeln konnte.