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Mutige Vorkämpferin

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Jessica Ahlquist war gerade 15 Jahre alt geworden, als sie gegen ein Schulgebet protestierte. Heute ist sie die jüngste Heldin der Humanisten in den USA.
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Foto: Im Juni wurde Jessica Ahlquist von den US-amerikanischen Humanisten als „humanistische Pionierin“ geehrt. Foto: © American Humanist Association

Foto: Im Juni wurde Jessica Ahlquist von den US-amerikanischen Humanisten als „humanistische Pionierin“ geehrt. Foto: © American Humanist Association

„Erwachsen – das ist eine Bezeichnung, die Menschen sich erst verdienen müssen“, findet Jessica Ahlquist. Seit 2010 wurde die junge US-Amerikanerin unzählige Male beschimpft, man drohte ihr mit Mord und Vergewaltigung. Denn sie wagte es, die in der US-Verfassung festgelegte Trennung von Staat und Religion einzufordern.

Ahlquist ist Schülerin und besucht die Cranston High School West. Die Schule liegt im Bundesstaat Rhode Island, an der Ostküste der Vereinigten Staaten, weit weg vom so genannten Bibel Belt, dem „Bibelgürtel“. Ihre Heimat zählt zu den Gegenden, in denen extrem fromme Menschen selten sind. Doch auch die Cranston High School West besaß etwas, was es an vielen US-Schulen gibt: Ein Credo mit Glaubensbekenntnis, ein so genanntes Schulgebet.

In dem Text wurde Gott um mentales und moralisches Wachstum gebeten, an Höflichkeit und Aufrichtigkeit appelliert. Das Gebet hing in der Aula aus und fand sich gedruckt auf Geschenken für die Absolventen.

Doch Jessica hing keinem religiösen Glauben an und wunderte sich, dass ihre Schule dafür warb. Sie fand es nicht richtig, dass dabei die von der US-Verfassung festgeschriebene Trennung von Staat und Religion einfach ignoriert wurde. Sie stellte dies infrage und musste erfahren, wie vermeintliche Selbstverständlichkeiten auf teils erschreckenden Widerstand stoßen können.

Die öffentliche Empörung über ihre Kritik war riesig. Unzählige Hassbriefe erhielt sie, nach dem sie begonnen hatte, das Ende der Zurschaustellung des Schulgebets in der Cranston High School West zu fordern und in den sozialen Netzwerken um Unterstützung für ihr Anliegen warb.

Zuspruch bekam sie von einigen Freunden und ihrer Familie. Außerdem, sagt sie, sei sie eine optimistische und fröhliche Person. So ging sie, nachdem ein Abgeordneter sie im Radio als ein „böses kleines Ding“ bezeichnet hatte, als Hexe verkleidet zur Halloween-Party. Für sie ein Scherz, für andere eine Provokation. Im November 2010 musste sie erstmals von einer Eskorte aus Polizeibeamten in die Schule begleitet werden.

Nachdem die Schulleitung ihre Beschwerde ablehnte, reichte sie im April 2011 mit Unterstützung ihres Vaters und einer US-Bürgerrechtsorganisation eine Klage ein, um dem Verfassungsprinzip neu Geltung zu verschaffen. „Schockierend war schon für mich, dass die Sache überhaupt ein Problem war“, sagte Jessica diesseits. „Auch die Morddrohungen oder den Polizeischutz hatte ich nicht erwartet.“

Kurz nach ihrem 15. Geburtstag musste sie feststellen, dass die Welt um sie herum viel weiter zurückgeblieben war. Die Beschimpfungen und Drohungen, sogar von Klassenkameraden und aus Bekanntenkreis, hätten ihr damals eine „wirklich harte Zeit“ bereitet.

Ich denke heute, da draußen sind viele Personen, die man zwar als volljährig, aber nicht als erwachsen bezeichnen kann.

Ganz andere Reaktionen löste sie bei der nichtreligiösen Minderheit in der US-Bevölkerung aus. diesseits verriet sie, dass die Entdeckung einer säkularen Community sie in den vergangenen zwei Jahren am meisten begeistert habe. Plötzlich häuften sich Anfragen der US-Organisationen von Humanisten, Freidenkern und Skeptikern. Sie hielt Dutzende Vorträge bei Konferenzen im ganzen Land, nationale und internationale Medien berichteten über ihr Anliegen.

Am 11. Januar 2012 gab das Bezirksgericht ihrer Klage statt. In der Aula der Cranston High School West wurde das Schulgebet abgehängt. Doch das habe sie nicht als den größten Erfolg empfunden, sondern die Möglichkeit, ihre Geschichte erzählen zu können.

„Absolut phantastisch“ sei es außerdem gewesen, als sie im Frühjahr vor 20.000 Besuchern der Reason Rally in Washington D.C. sprach. Zuletzt verlieh ihr im Juni die American Humanist Association für ihren Mut zum Widerspruch den Humanist Pioneer Award.

„Good without god“, sagte Jessica, dieser Satz passe perfekt zu ihr. Doch herumzusitzen und das einfach nur zu behaupten, hingegen nicht. Sie wolle es durch ihr Tun beweisen. Auf welche Weise genau, das ließ sie noch offen.

Viele erwarten nun, dass ich Anwältin oder Richterin werde. Und das ist nicht unwahrscheinlich. Vielleicht bleibe ich aber auch mein Leben lang eine Aktivistin. Ich möchte, dass sich die Welt verändert.

Klar sei ihr, „dass wir uns dabei nicht auf einen Gott, sondern nur auf uns verlassen können.“ Aber bevor sie über ihr weiteres Leben entscheide, müsse sie erst noch eine andere schwierige Wahl treffen.

In diesem Jahr weiß ich wirklich nicht, als was ich an Halloween gehen soll. Engel oder Teufelin? Ich kann mich nicht entscheiden, was ironischer ist.