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Sonderrechte von Religionsgemeinschaften: Wie zeitgemäß sind sie noch?

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Am Freitag diskutierten Andreas Fincke, langjähriger Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, und Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, wie es beim Streit um das Recht auf Religionsunterricht an staatlichen Schulen, die Bezahlung von Bischöfen durch allgemeine Steuermittel und ähnlichen Themen in Zukunft weitergehen soll.
Freitag, 16. November 2012
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Eine „schizoide“ Anspruchshaltung diagnostizierte Fincke in der Diskussionssendung im Deutschlandradio bei einem Teil der humanistischen Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland. Der promovierte Theologe, der derzeit als Pfarrer im Umland der deutschen Hauptstadt Berlin arbeitet, verwies dabei zur Begründung auf aus seiner Sicht unplausible Forderungen.

So beanspruche Wolfs Verband zwar die Gleichstellung mit anderen Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften, fordere gleichzeitig aber die Abschaffung von staatlichem Kirchensteuereinzug und die Einstellung der  Finanzierung von Bischofsgehältern aus dem allgemeinen Steuertopf.

Frieder Otto Wolf wies den Vorwurf zurück und betonte, dass es eine Frage sei, ob man für die Abschaffung historisch überholter Privilegien eintrete und eine andere, ob man gegen die staatliche Förderung von weltanschaulichen und religiösen Gemeinschaften sei. Religion dürfe einerseits nicht zur Privatsache gemacht werden. Doch es sei weiter zu klären, wie Religion im öffentlichen Raum und mit welcher staatlichen Unterstützung präsent sein solle.

Wolf plädierte deshalb dafür, dass frühere Privilegierungen der  großen christlichen Kirchen einerseits durch eine Gleichbehandlung anderer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften überwunden werde und andere gegenüber der Gesellschaft mehrheitlich nicht mehr vermittelbare Sonderrechte abgeschafft werden.

Dass die staatliche Finanzierung der Bezüge von Bischöfen und anderen hohen Geistlichen von der Mehrheit der Bevölkerung als unzeitgemäß und nicht nachvollziehbar beurteilt werden kann, bestätigte auch Andreas Fincke. Den staatlichen Einzug der Kirchensteuer verteidigte er jedoch und meinte, das könne nicht als Privileg der großen Kirchen gesehen werden. Knapp zehn Milliarden Euro jährlich nehmen die beiden großen Kirchen in Deutschland auf diese Weise ein. Da dieser Weg jedoch auch anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften offen stehe, könne hier keine ungerechtfertigte Privilegierung gesehen werden.

Zudem sei es auch gerechtfertigt, dass die christlichen Kirchen sogar in den Bundesländern, wo nur ein Viertel oder weniger Mitglieder der Bevölkerung noch zu den Kirchen gehören, diese deutlich stärker als etwa der Humanistische Verband Deutschlands gefördert werden. Der Verweis auf die große Zahl konfessionsfreier Menschen könne nicht gelten, sie seien als ein sehr „diffuser“ Anteil der Bevölkerung zu bezeichnen und könnten nicht wie Angehörige einer Organisation betrachtet werden.

Hier erinnerte Frieder Otto Wolf daran, dass es auch besonders in den evangelischen Kirchen große Mengen an Menschen gebe, die trotz ihrer mit der Kindertaufe erworbenen Mitgliedschaft tatsächlich atheistische, buddhistische oder auch esoterische Weltbilder besäßen.

Humanistische Ansichten unter Konfessionsfreien: Die Forschungsgruppe Weltanschauung in Deutschland (fowid) führte in den vergangenen Jahren eine Reihe von repräsentativen Untersuchungen durch, die sich auch mit der Verbreitung von humanistischen Haltungen unter den konfessionsfreien Menschen befassten. So wurden in einer forsa-Umfrage im Dezember 2007 rund 1.000 Menschen ab 18 Jahren befragt. Das Ergebnis zeigte, dass rund 56 Prozent der Befragten voll und ganz oder überwiegend der Aussage zustimmten: „Ich führe ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben frei von Religion und dem Glauben an einen Gott, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugen beruht.“ - Quelle

Bei der Frage des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen sprach Wolf sich aber dafür aus, diesen beizubehalten. Maßgeblich sei, dass die Teilnahme am Unterricht freiwillig ist. Das in Berlin bisher existierende Modell, bei dem die Teilnahme an einem staatlichen Religionsunterricht ein freiwilliges Angebot neben dem allgemeinen Pflichtfach Ethik sei, sollte auf alle Bundesländer ausgedehnt werden.

Grundsätzlich machte Wolf dabei erneut deutlich, dass die staatliche Beteiligung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu befürworten sei. Dies habe einen positiven Effekt, der das Entstehen und die Ausbreitung von fundamentalistisch-religiösen Bewegungen wie beispielsweise in den USA beschränken könne. Die Unterzeichnung eines Staatsvertrages mit islamischen und alevitischen Organisationen in Hamburg am vergangenen Montag hatte Wolf als ein „klares Signal für Konfessionsfreie“ bezeichnet.

So müsse es etwa bei der Frage des Religionsunterrichts an staatlichen Schulen bedacht werden, denn dass „Glaubensvorstellungen im öffentlichen Raum artikuliert und diskutierbar gemacht werden“, habe einen zivilisierenden Einfluss auf diese. Einig wurden sich Frieder Otto Wolf und Andreas Fincke in der auch online nachzuhörenden Diskussion aus der Reihe "Tag für Tag - Aus Religion und Gesellschaft" schließlich darin, dass eine differenzierte Betrachtung von Erwartungshaltungen und Forderungen notwendig ist.