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„Am Geld hängt letztlich alles!“

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In Kooperation mit der Humanistischen Akademie veranstaltete die Friedrich-Naumann-Stiftung im September in den Räumen des Tagesspiegels in Berlin eine Tagung zum Zusammenhang von Liberalismus und Religionen. Unter dem Titel „Freie Kirche im freien Staat“ ging es vor etwa einhundert Teilnehmern um die Frage, welche Rolle die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in einem säkular verfassten Staat spielen können und sollen – und am Ende doch nur ums Geld.
Freitag, 19. Oktober 2012
Horst Groschopp bei FDP

Der ehemalige HVD-Präsident Dr. Horst Groschopp bei der Veranstaltung der FDP | Foto: Töns Wiethüchter

Freie Kirche im freien Staat – so lautet auch der Titel eines Papieres, mit dem die FDP Ende der 60-er und Anfang der 70-er Jahre ihr Verhältnis zu den Kirchen neu zu bestimmen versuchte; ein Dokument der kirchenkritischen Tradition der Liberalen. Und das mit teilweise erstaunlichem Inhalt: Die FDP forderte damals nichts weniger als die Abschaffung der Kirchensteuer, die Aberkennung des Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts, die Streichung des religiösen Bezugs in Eidesformeln, die Aufhebung der Staatskirchenverträge und die Einführung eines neutralen Religionskundeunterrichts als Alternative zum Religionsunterricht.

Brisanter Stoff, der für reichlich Diskussion sorgen würde, könnte man meinen. Dass es im Verlauf der Tagung anders kam, lag nicht an der ehemaligen Bundesministerin Irmgard Schwaetzer, die die Teilnehmer in die Tagung einführte. Weltweit sei

die Frage nach der Stellung der Religionen in der Gesellschaft und der Beziehung der Religionen und verfassten Kirchen und Religionsgemeinschaften zum Staat ein Thema, um das heiß gestritten würde.

Dass aber nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird, konnte man im Fortgang Tagung beobachten. Kirche und Staat bekämpften nicht mehr einander. Sie könnten aber auch nicht ohneeinander, so das Mitglied der Synode der EKD. Irmgard Schwaetzer sieht ein

Verhältnis fördernder Neutralität. Der Staat stellt die Spielregeln auf, an die sich die Kirchen, aber auch alle anderen Akteure zu halten haben. Das bedingt Toleranz und Offenheit in der Pluralität religiöser, areligiöser und atheistischer Haltungen.

Sollten die Kirchenprivilegien also abgeschafft oder für alle geöffnet werden? Und wie neutral ist der Staat, wenn er vor dem Hintergrund einer multiethnischen und multikonfessionellen Gesellschaft Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften fördert? Sind kirchliche Privilegien angesichts der Erosion der Mitgliederzahlen überhaupt noch vermittelbar?

Die Fragen standen im Raum, doch die Zeichen auf Harmonie. Denn die Redebeiträge bemühten sich vor allem um Eines: Sich von der kirchenkritischen Tradition der Liberalen zu distanzieren oder sie zumindest als historisch überwunden darzustellen.

Kirchenkritik = Kirchenfeindschaft?

Dr. Tabea Esch

Dr. Tabea Esch erklärte das FDP-Kirchenpapier "Freie Kirche im freien Staat" von 1974 | Foto: Töns Wiethüchter

So auch Dr. Jürgen Frölich, dessen Vortrag sich mit dem Verhältnis Friedrich Naumanns zu der Kirchenfrage beschäftigte. Gerade Friedrich Naumann, immerhin Namensgeber der Stiftung, steht für ein wechselvolles und kritisches Verhältnis des organisierten Liberalismus zu den Kirchen. Trat dieser doch zwischenzeitlich für eine rigide Trennung von Kirche und Staat ein, für die weltliche Schule und die Abschaffung des obligatorischen zugunsten eines fakultativen Religionsunterrichts. Am Ende habe sich Naumanns Einstellung zu den Kirchen und zum Katholizismus entspannt, wusste Jürgen Frölich zu berichten.

Ebenso entspannt beschrieb der Historiker Dr. Michael Feldkamp die Stellung der Religionen und Konfessionen im Grundgesetz. Er lieferte ein erstaunliches Beispiel dafür, wie man den aktuellen Bezug eines Themas durch historisierende Beschreibungen ausblenden und damit verschenken kann. Schließlich ging es um das eigentlich spannungsreiche Verhältnis von Glauben und Grundgesetz, von Staat und Kirche, das durch die Beschneidungsdebatte und Blasphemieverbotsforderungen in jüngster Zeit für sprichwörtlich explosiven Gesprächsstoff sorgte. Nein, der Historiker bot eine Rede aus dem Elfenbeinturm akademischer Forschungen. Am Schluss schien Michael Feldkamp es zu bedauern, dass es nicht die FDP gewesen sei, die bei der Diskussion um das Grundgesetz religiös motivierte Anträge eingebracht hätte. Die Kirchen hätten sich so der CDU und CSU bedienen müssen.

Auch Dr. Tabea Esch mühte sich in ihrem interessanten und profunden Vortrag über die Geschichte des Kirchenpapieres darum, die FDP vom „Odium einer kirchenkritischen Partei" reinzuwaschen. Die teilweise radikalen Forderungen der jungen Liberalen seien nur dem Zeitgeist der 1960-er und 70-er Jahre geschuldet, der die Kirche einseitig ideologiekritisch betrachtet hätte. Besonders verblüffend geriet die Gegenüberstellung zweier Fassungen des Kirchenpapieres. Bezeichneten die Liberalen noch anfänglich das Wirken der Kirchen als „sozialschädlich", so forderten sie in der verabschiedeten Endfassung von 1974, dass „das Wirken der Kirchen nicht nur im innerkirchlichen Bereich, sondern vor allem in der Gesellschaft gesichert" sein solle. Ein Spiegel des ambivalenten Verhältnisses der Liberalen zur Kirche.

Keine Erkenntnis ohne Bekenntnis

Dabei verwechselte Tabea Esch wie zuvor schon Dr. Feldkamp Kirchenkritik mit Kirchenfeindschaft, was vermutlich mit der Kirchenlastigkeit der Redner zu tun hatte: Schließlich ist Irmgard Schwaetzer ein Mitglied der Synode der EKD und Dr. Tabea Esch eine Pfarrerin z. A. Michael Feldkamp ließ es sich nicht nehmen, sich den Teilnehmern als „Katholik und Mitglied der CDU" vorzustellen. Dieser Hang zum Bekenntnis übertrug  sich auf das Publikum: Als Mitglied des Humanistischen Verbandes oder als Humanist stellten sich Fragesteller vor, bevor sie ihr Anliegen vorbrachten.

FDP-Podium

Auf dem Podium diskutierten Horst Groschopp, Stefan Ruppert, Dr. Gérard Bökenkamp, Karl Jüsten und Wolfgang Lüder (v.l.n.r.) das Verhältnis von Staat und Kirche kontrovers | Foto: Tpns Wiethüchter

Die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche kontrovers und überkonfessionell zu diskutieren, oblag der Podiumsdiskussion, an der Dr. Horst Groschopp, Tabea Esch, Prälat Dr. Karl Jüsten, der ehemalige Bürgermeister und Gründungsmitglied des HVD Wolfgang Lüder und der Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der FDP Dr. Stefan Ruppert (MdB) teilnahmen.

Ich kann die Geschichte auch aus der Perspektive der Konfessionsfreien erzählen. Dann ergibt sich natürlich eine etwas andere Betonung,

störte Horst Groschopp die Harmonie. Endlich. Und trat vehement für eine stärkere Förderung der Nichtkonfessionellen und Humanisten ein. Immerhin gehörten in Deutschland 35 Prozent der Menschen keiner Konfession an. Dieser Tatsache muss der Staat Rechnung tragen.

Wie gehe ich mit den Glaubenslosen um? Was mache ich mit denen?

Als 1997 der Humanistische Verband die Humanistische Akademie gründete, waren wir so vermessen, die hiesige Senatsverwaltung zu fragen, ob wir genauso wie die katholische, die evangelische Akademie ausgestattet werden können. Die Antwort lautete: Herr Dr. Groschopp, sie kommen 200 Jahre zu spät. Die Sache ist 1803 entschieden worden.

Damit spielte er auf den sogenannten Reichsdeputationshauptschluss aus dem Jahr 1803 an. In Folge dieses Beschlusses muss der Staat auch heute noch Ausgleichszahlungen für Verluste der damaligen Reichskirche zahlen, sogenannte Dotationen. Laut Spiegel belief sich die Summe dieser Zahlungen allein im Jahr 2010 auf 459 Mio. Euro. Die Gesamtsumme aller Leistungen erreichte laut Dr. Carsten Frerk 2009 19,9 Milliarden Euro, wie faz.net berichtete.

Wo liegt denn eigentlich die Gleichberechtigung bei den Nichtgläubigen? Die Gleichbehandlung ist noch längst nicht da,

so Wolfgang Lüder und klagte auch für die Humanisten das anfänglich definierte Verhältnis fördernder Neutralität ein. Gleichberechtigung zeigt sich in der Gleichbehandlung. Und am Ende geht es ums Geld.

Es gibt in diesem Land des Humanismus nicht eine Professur für Humanismus,

fasste Horst Groschopp die Benachteiligung der Nichtkonfessionellen zusammen. Doch auch er konnte nicht verhindern, dass eine fragende Haltung, eine Haltung, die an einem Dialog, dessen Ausgang offen ist, interessiert ist, nicht zu erkennen war. Bekenntnis folgte auf Bekenntnis. Credo auf Credo. Und es ist zu vermuten, dass alle Beteiligten genau so schlau wie zuvor die Veranstaltung verließen.