Aktion von Bundeswehr und Bravo provoziert Kritik
Als die Jungen HumanistInnen aus ganz Deutschland Mitte September in Bremen über ein mögiches Sommercamp nach Vorbild des amerikanischen Camp Quest diskutierten (diesseits berichtete), konnten sie nicht wissen, dass die Themen Sommerreisen und Abenteuer so schnell in einer ganz anderen Angelegenheit auf sie zukommen. Denn kurz nach ihrem Treffen gingen die Jugendzeitschrift Bravo und die Bundeswehr gemeinsam mit einer Aktion an die Öffentlichkeit, die Jugendverbände, Kinderrechtsorganisationen und Medienexperten auf die Palme brachten. Mit einem lockeren Youtube-Video und zahlreichen Webbannern werben Bravo und das deutsche Militär für sog. Bundeswehr-Adventure-Camps.
Rekrutenmangel bei der Bundeswehr

Screenshot der Startseite für die Bundeswehrcamps, die einen hohen Funfaktor und wenig Drill suggeriert
Seit Jahren versucht die Bundeswehr, Jugendliche für das Militär zu begeistern. Das Bundesverteidigungsministerium investiert jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag für die sog. zivilmilitärische Zusammenarbeit. Jugendoffiziere und Wehrdienstberater der Bundeswehr bekommen Zugang zu Schulen, um über die Bundeswehr, ihren politischen Auftrag und die Ausbildungsmöglichkeiten beim Militär zu informieren. Nach Informationen der Kinderrechtsorganisation terre des hommes hat die Bundeswehr so allein im Jahr 2010 über 340.000 Jugendliche erreicht. Darüber hinaus organisiert die Bundeswehr Jugendevents und wirbt in Medien für sich als potentieller Ausbilder und Arbeitgeber. Die verfügbaren Haushaltsmittel für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr sind laut terre des hommes von neun Millionen Euro im Jahr 1998 auf 27 Millionen Euro im Jahr 2010 gestiegen. Erste Anlaufstelle für Jugendliche bei der Bundeswehr ist oft die "Jugendseite" treff.bundeswehr.de.
Seit 2005 veranstaltete die Bundeswehr gemeinsam mit der Bravo jedes Jahr sog. Adventure-Games, bei denen sich Jugendliche in sportlichen Wettkämfen miteinander messen konnten. Dabei steht das Leistungsprinzip deutlich im Vordergrund, ganz nach dem Motto: Wenn Du wer sein willst, beweise Dich. In diesem Jahr geht das deutsche Heer noch einen Schritt weiter und kündigte Anfang vergangener Woche "zwei Mega-Events" im In- und Ausland an. Jugendliche haben die Wahl zwischen einer "großen Team-Challenge" bei den Gebirgsjägern "in einer coolen Berghütte der Bundeswehr" oder der Beach-Challenge bei der Luftwaffe "mit Meer und Sonne". Dabei geht es nicht um lockere Jugendreisen, wie sie beispielsweise die Jungen HumanistInnen und andere Jugendverbände organisieren, sondern um ein Unterwandern jugendlicher Leichtigkeit mit militärischem Drill. Entsprechend liest man auf der Seite der Bundeswehr:
Du solltest allerdings sportlich und top fit sein. Denn bei den „Bw-Adventure Camps“ gibt es nicht nur Party und Fun. Bei den Team-Wettbewerben musst du zeigen was in dir steckt. Dabei ist nicht nur Durchhaltevermögen, Mut und Geschicklichkeit gefragt. Du solltest auch ein guter Team-Player sein und andere motivieren können.
Junge Humanisten sind entsetzt
Mit diesem kostenlosen Abenteuer-Camp-Projekt will die Bundeswehr junge Menschen für das Militär begeistern und an das Militär binden. Dass dies beim Humanistischen Verband und vor allem bei dessen Jugendorganisation, den Jungen HumanistInnen, nicht auf Begeisterung stößt, ist kaum verwunderlich. Der Jugendverband kritisierte "in höchstem Maße" den Versuch der Bundeswehr, über Ferienreisen Jugendliche "für Militarismus und Waffengewalt" zu begeistern. In der Erklärung des Jugendverbands des HVD heißt es:
Das Video zu den erstmals stattfindenden Bundeswehr-Adventure-Camps vermittelt den Eindruck, Abenteuer könne man nur mit Militarismus und Leistungsdruck erleben! Der Spaß-Faktor ist unserer Ansicht nach jedoch kein wesentlich prägendes Merkmal der Bundeswehr. Insofern vermittelt dieser Versuch der „Personalgewinnung“ Jugendlichen ein falsches Bild der Bundeswehr und dem Leben im Militär.
Jan Gabriel, der Vorsitzende der Jungen HumanistInnen in Berlin, die jedes Jahr zehn Kinder- und Jugendreisen ins In- und Ausland organisieren, kommentierte die Aktion von Bundeswehr und Bravo folgendermaßen:
Ich stelle mit Entsetzen fest, dass eine der ältesten und größten Jugendzeitschriften sich daran beteiligt, durch die Bundeswehr-Adventure-Camps zu suggerieren, dass der Militärdienst ein großes Abenteuer sei, und somit Jugendlichen falsche Vorstellungen über den Dienst bei der Bundeswehr vermittelt. Abenteuer muss niemals einen militärischen Hintergrund haben. Im Gegenteil: Erst durch friedliches Miteinander und Kooperation werden viele Abenteuer erst möglich. Ein gutes Beispiel dafür liefern die Erlebniscamps, wie sie Jugendverbände und -organisationen wie die Jungen HumanistInnen ausrichten.
Marieke Prien von den Jungen HumanistInnen in Niedersachsen, die jedes Jahr eine Ferienfreizeit für Kinder und Jugendliche organisieren, sagte, dass sie im ersten Moment erschrocken sei über die Dreistigkeit der Bundeswehr, Jugendliche auf diese Art für das Militär zu begeistern. Als Mitglied des Bundesvorstands der Jugendorganisation ist sie der Ansicht, dass der Bundeswehr verboten werden sollte, Werbung zu machen, "denn dadurch wird gleichzeitig Werbung für Waffengewalt gemacht". Das Ziel der Camps liege aus ihrer Perspektive in einer Art "Gehirnwäsche" der Jugendlichen:
Hier sollen spielerisch etwa Mut und körperliche Fitness trainiert werden - alles Eigenschaften, die für Soldaten wichtig sind. Dabei werden die Teilnehmer stark beeinflusst, weil alles im Bundeswehr-Umfeld geschieht, wenngleich es als Spaß und - etwas gezwungen - als cool verpackt wird. Diese Scheinheiligkeit und Gehirnwäsche widerspricht unseren humanistischen Werten. Die Teilnehmer können so ihren freien Willen nicht mehr ausleben.
Kritik anderer Jugend- und Kinderrechtsorganisationen

Auf dieser Sonderseite wirbt das Jugendmagazin Bravo weiterhin ungerührt für die Bundeswehr-Adventure-Camps | Screenshot
Auch andere Jugendverbände und -organisationen kritisieren die Aktion von Bundeswehr und Bravo deutlich. Christin Bernhold, eine der Sprecherinnen des Bundesarbeitskreises Antimilitarismus und Frieden (BAK AuF) von Linksjugend ['solid] und DieLinke.SDS erklärte:
Der Mangel an RekrutInnen ist nicht der einzige Grund für solch' dubiose Kooperationen. Es geht z.B. auch darum, Akzeptanz und Unterstützung für die Auslandseinsätze der Bundeswehr in Afghanistan und die Institution Bundeswehr an der 'Heimatfront' zu generieren.
Laut Christin Bernhold seien Gespräche mit Soldaten über Auslandseinsätze „integraler Bestandteil“ der Camps. In der Erklärung von BAK AuF heißt es weiter, dass die Adventure-Camps der Bundeswehr nur ein Teil der vielfältigen Versuche darstellten, mit deren Hilfe das Bundesverteidigungsministerium Jugendliche für die Bundeswehr begeistern will. Bei zahlreichen Besuchen sog. Jugendoffiziere an Schulen, den Vorträgen von Wehrdienstberatern an Berufsinformationszentren und in Jobcentern sowie in den Fernseh- und Radiospots würde den Jugendlichen ein Bild der Bundeswehr als "Unternehmen für Abenteuerreisen" vermittelt.
terre des hommes hat inzwischen eine Protestaktion gestartet. Sie fordert Bravo und die Bundeswehr auf, ihre Werbung bei Minderjährigen unverzüglich zu beenden, weil diese gegen die Kinderrechtskonvention verstößt, nach der Minderjährige grundsätzlich nicht für den Militärdienst angeworben werden dürfen und Kinder zu Frieden, Toleranz und Völkerverständigung erzogen werden sollen.
Anne Geschonneck, eine weitere Sprecherinnen des BAK AuF und Mitglied des Vorstands von DieLinke.SDS erklärte
Wir begrüßen alle Protestinitiativen gegen diese perfide Indoktrinations- und Rekrutierungscamps: z.B. die Onlinepetition von Terre des Hommes und den Protestaufruf bei Facebook.
Institut für Medienverantwortung informiert Bundesarbeitsstelle Jugendschutz
Die Aktion sorgt aber nicht nur bei Jugend- und Menschenrechtsorganisationen für negative Reaktionen, sondern auch beim Institut für Medienverantwortung (IVM). Dieses bezeichnet die Aktion von Bravo und Bundeswehr in einem Schreiben an den Werberat und der Bundesarbeitsstelle Jugendschutz "als bewusste Verharmlosung von Krieg" und als groben Täuschungsversuch. Die Bundeswehr/Bravo-Spots seien "vorsätzlich so gestaltet" worden, um für den Beruf des Soldaten - ob mit oder ohne Uniform - zu werben. Dieser habe aber nicht im Entferntesten mit dem zu tun, was der Bundeswehr/Bravo-Werbespot der Zielgruppe zu verkaufen versucht:
Im weitesten Sinne sind die aktuellen Werbefilme der Bundeswehr zusammen mit BRAVO für die 12-19 jährigen eine Form des vorsätzlichen Betruges. Es wird in keiner Silbe auf die Gefahren des Soldatenberufes hingewiesen oder wird mit authentischen Bildern des klassischen Soldatenalltags, ob in Kaserne oder im Krisengebiet, ein ehrliches Berufsbild vermittelt.
Die Gewerkschaft für Wissenschaft und Erziehung (GEW) sowie andere Organisationen haben für diese Woche eine bundesweite Aktionswoche gegen den Einfluss der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie auf das Bildungswesen ausgerufen. Gefordert wird die sofortige Kündigung der bestehenden Kooperationsvereinbarungen zwischen Kultusministerien und der Bundeswehr sowie die flächendeckende Einführung von Zivilklauseln, um eine Lehre und Forschung an Hochschulen zu garantierten, die ausschließlich zivilen Zwecken dient. Auch der Deutsche Bundesjugendring (DBJR) hat sich gegen die verstärkte Präsenz der Bundeswehr an deutschen Schulen ausgesprochen. Die Kooperationsvereinbarungen einiger Bundesländer mit der Bundeswehr seien nicht tragbar und müssten aufgekündigt werden, weil sie Grundsatz und Anspruch der staatlichen neutralität verletzten. Der DBJR forderte, dass an Schulen keine Werbung für den Militärdienst stattfinden darf. Wenn über sicherheitspolitische Themen informiert würde, müsse dies ausgewogen erfolgen. In diesem Zusammenhang dürfe die Bundeswehr nur dann ihre Positionen vor den Minderjährigen darlegen, wenn auch Vertreter von Friedensinitiativen anwesend sind, um Alternativen zu Kampfeinsätzen aufzuzeigen.
Bislang haben sich weder die Bundeswehr, noch das Biundesverteidigungsministerium zur Sache der Adventure-Camps geäußert. Auch der Verlag des Jugendmagazins Bravo, die Bauer Media KG, hat die Kritik bislang offiziell kommentiert. Einzig ein Bericht in der Tageszeitung Die Welt spricht davon, dass die Bundeswehr an der Aktion weiter festhalte. Darin erklärt der Leiter des Dezernats Personalwerbung der Bundeswehr in Köln, Steffen Stoll, dass er keinen Grund sehe, das Video zurückzuziehen. Es sei "in Sprache, Musik und Bildern natürlich auf Jugendliche zugeschnitten, weil die Bundeswehr in der Medienwelt sonst nicht wahrgenommen würde, wird Stoll in dem Beitrag zitiert. Nachgefragt, warum der Werbespot auf Youtube nicht mehr zu sehen sei, erklärte Ludger Terbrügge vom Pressezentrum der Bundeswehr, dass ihn weder Bundeswehr noch Verteidigungsministerium haben sperren lassen. Er könne sich daher nicht erklären, warum das Video nicht mehr zu sehen ist. Seltsam! Denn versucht man das Video auf dem Onlinekanal noch zu sehen, erhält man folgende Nachricht: "Dieses Video wurde vom Nutzer entfernt. Das tut uns leid."







