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Innocence of Muslims: Säkulare gespalten

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Mit dem Humanistischen Verband und der Giordano Bruno Stiftung haben sich zwei der größten säkularen Organisationen Deutschlands zu dem kritisierten Mohammed-Film geäußert, der weltweit zu gewalttätigen Protesten geführt hat. Die Giordano Bruno Stiftung verteidigt die Aufführung des von religiösen Fundamentalisten produzierten Films durch Rechtspopulisten, der HVD verurteilt sie deutlich.
Dienstag, 18. September 2012
Das Leben des Brian

Szene aus Monty Python's Bibel-Satire "Das Leben des Brian"

Was würden John Cleese, Eric Idle, Terry Gilliam und der Rest von Monty Python wohl sagen, wenn sie erführen, dass ihre legendäre Bibel-Satire Das Leben des Brian in einem Atemzug mit dem amateurhaften islamfeindlichen Film Die Unschuld der Muslime genannt wird? Man kann es nur mutmaßen. Diesen Vergleich gezogen hat die Giordano Bruno Stiftung bzw. ihr Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon in einer aktuellen Presseerklärung, in der er sich im Namen der Stiftung gegen ein Verbot des umstrittenen Mohammed-Films ausgesprochen hat:

Es wäre ein fatales Zeichen, würde die westliche Welt aus Rücksicht auf die verletzten Gefühle religiöser Fundamentalisten ihre eigenen Wertmaßstäbe verraten!

Damit kommentierte Schmidt-Salomon die Debatte, die die rechtsextreme Partei Pro Deutschland am Wochenende ausgelöst hatte, als sie bekanntgab, dass ihr Berliner Ableger den umstrittenen Mohammed-Film Die Unschuld der Muslime in voller Länge in Berlin zeigen wolle. Die Kunstfreiheit gelte selbstverständlich auch für schlechte Filme, sagte Schmidt-Salomon. Ein Verbot, so befürchtet der Philosoph, könnte „religiöse Fundamentalisten" ermutigen, „kritische Auseinandersetzungen mit dem Islam künftig noch brutaler zu verhindern."

Dass die Kunstfreiheit auch für „absoluten Unsinn und Provokantes gelte, betonte auch der Präsident des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg, Norbert Kunz am Wochenende. Seine Wortmeldung hatte aber eine völlig andere Zielrichtung. Er verurteilte die öffentliche Verbreitung des Films:

Natürlich steht es in einem demokratischen Land allen Menschen und Gruppierungen frei, im Rahmen der Gesetze auch absoluten Unsinn oder Provokantes öffentlich zu verbreiten. Während allerdings religionskritische Karikaturen aufklärenden Charakter haben und zugespitzt auf Menschenrechtsverletzungen hinweisen können, soll mit diesem Film ausschließlich zur Islamfeindlichkeit angestachelt werden. Das ist mit unseren Grundwerten von Toleranz gegenüber allen Welt- und Lebensauffassungen nicht vereinbar.

Ähnlich reagierte der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands Frieder Otto Wolf. Er sagte am Montag in Berlin:

Kulturen aufeinanderhetzen zu wollen oder so etwas auch nur zu billigen, ist aus meiner Sicht mit einer humanistischen Haltung nicht zu vereinbaren.

Es sei "erschütternd" zu sehen, wie Freiheitsrechte und Technologien benutzt würden, um Hass und Gewalt zwischen Menschen zu schüren, kommentierte Wolf die Debatte. Daran werde sichtbar, wie weit die planetare Gesellschaft von einer Zuwendung zu den wirklichen Problemen und Herausforderungen der Menschheit entfernt sei. Wolf blieb gegenüber den Muslimen aber nicht unkritisch. Er würde es "im Sinne der Humanität begrüßen, wenn der islamische Glaube überall so gelebt wird, dass er sich nicht von den schlecht gesinnten Herabwürdigungen seiner Gegner zu Akten der Gewalt verführen lässt", sagte er. Zugleich forderte er aber auch auf, die unterschiedlichen Strömungen im Islam zu erkennen.

Freiheit der Kunst?

Oskar Panizza: Das Liebeskonzil

Oskar Panizzas Theaterstück "Das Liebesspiel"

Die gbs sieht dies ganz anders. Wenngleich sie dem Film aufgrund seiner „unterirdischen Qualität" als Zumutung für jeden potenziellen Zuschauer bewertete, stellte sie den von religiösen Fanatikern produzierten Film in den Zusammenhang mit Beispielen gelungener künstlerischer Religionskritik, darunter die "Himmelstragödie" Das Liebeskonzil von Oskar Panizza, das Gemälde Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen von Max Ernst, den Roman Die satanischen Verse von Salman Rushdie sowie den eingangs erwähnten Film der britischen Komikergruppe. Dies alles seien Fälle,  in denen es den beteiligten Künstlern gelungen sei, den wunden Punkt einer Ideologie in überzeugender Weise herauszuarbeiten. Selbst den sogenannten Mohammed-Karikaturen, die 2006 zu gewalttätigen Protesten weltweit geführt haben, attestiert Schmidt-Salomon die Eigenschaft „künstlerisch wertvoll". Auf den umstrittenen Film treffe dies zwar nicht zu, ein Vorführungsverbot sei damit aber nicht zu rechtfertigen:

Schließlich kann es nicht von ästhetischen Kriterien und schon gar nicht vom Einverständnis religiöser Fanatiker abhängig gemacht werden, ob ein Film in Deutschland gezeigt werden darf oder nicht!

Auf die Kunstfreiheit berief sich auch die selbsternannte rechtsextreme Splitterpartei Pro Deutschland. Der HVD stellte diesen Versuch der Inanspruchnahme der Religionsfreiheit in seiner Erklärung infrage. Wenn selbst die für den Film engagierten Künstler von der Vortäuschung falscher Angaben sprechen würden und erklärten, dass sie weder das Ergebnis der Dreharbeiten gutheißen, noch die islamfeindliche Intention des Filmes unterstützen, und wenn nach Abschluss der Dreharbeiten offenbar auch die gesprochenen Dialoge von menschenverachtenden und islamfeindlichen Texten ersetzt worden sein sollen, dann sei die Frage angebracht, welche Freiheit der Kunst hier verteidigt werden solle. Den Biedermännern gehe es im Namen der Meinungsfreiheit augenscheinlich nicht um die Verteidigung von Grundrechten, sondern einzig um Provokation.

Dieser Provokation will auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) Einhalt gebieten und kündigte an, die Aufführung des Films mit „allen rechtlich zulässigen Mitteln" verhindern zu wollen. Grundlage dafür könnte Paragraf 166 StGB zur Beschimpfung von Bekenntnissen bieten, in dem es heißt, dass mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei jahren oder mit Geldstrafe bestraft wird, wer öffentlich "den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören".

Ein pauschales Verbot des Filmes, das Friedrich ursprünglich erwogen hatte, inzwischen von politischer Seite aber nahezu ausgeschlossen wird, kritisierte Schmidt-Salomon ebenfalls. Friedrich habe bei seiner Argumentation einen „mangelnden Respekt für die produktive Streitkultur der Aufklärung" gezeigt, kommentierte Schmidt-Salomon. HVD-Präsident Frieder Otto Wolf warnte davor, auf extreme Meinungen und Ansätzen stets mit extremen Meinungen oder Lösungsvorschlägen zu reagieren. Er sieht in der Kontroverse vor allem eine Angelegenheit, mit der sich die Zivilgesellschaft auseinandersetzen müsse und plädierte für eine entsprechende Reaktion:

Die Kontroverse, auch um eine solche Vorführung durch Rechtspopulisten, muss zunächst die Sache der deutschen Zivilgesellschaft sein. Humanistisch denkende Menschen, die sich hier wirklich gegen eine Verbreitung und das Wachstum von Hass zwischen den Menschen stark machen wollen, könnten ihre ernstgemeinte Ablehnung unter anderem durch Boykotte und andere öffentlich sichtbare Demonstrationen der Ablehnung ausdrücken.

Zu einem Verbot des Films hatte sich der HVD Berlin-Brandenburge nicht geäußert, plädierte stattdessen aber für mehr Dialog und Austausch. Dazu gehöre auch das Grundrecht zur Kritik an religiösen und weltanschaulichen Positionen, „erst recht, wenn diese fundamentalistischen Charakters sind", teilte der Verband mit. Die Provokation hält der Verband jedoch für keinen sinnvollen Weg. Nichts trage zum gegenseitigen Verständnis und zur gesellschaftlichen Toleranz besser bei, als das Gespräch, liest man in der Meldung.

Fraglich ist, ob Pro Deutschland überhaupt einen Veranstaltungsort für die Vorführung des Films wird finden können. Berlins Senatorin für Integration Dilek Kolat (SPD) rief am Montag Berlins Kinobetreiber zu einem Boykott des Films auf:

Antimuslimische Agitation ist inakzeptabel. Ich rufe die Berliner Kinobetreiber dazu auf, antimuslimischer Hetze keinen Raum zu bieten.

Wohl um nicht gänzlich zu scheitern, veröffentlichten die Rechtspopulisten heute kurzzeitig den kompletten Film auf ihrer Homepage. Sollte sich kein Kino finden, wolle man in eine Lagerhalle oder ähnliches ausweichen, kündigte die islamfeindliche Partei an.

Für die Meinungsfreiheit?

Hassprediger Terry Jones

Pastor Terry Jones (rechts im Bild) protestiert mit seinen Anhängern in Washington DC | Foto: Mark Taylor via wikimedia commons

Dass die gbs nun indirekt das Ansinnen der Rechtsextremen verteidigt, indem sie in die gleiche Kerbe der Kunstfreiheit schlägt, ohne sich zugleich von Pro Deutschland zu distanzieren, passt in das Bild all jener, die seit der Sarrazin-Debatte rechtspopulistische Tendenzen im Umkreis der Stiftung kritisieren. Seit geraumer Zeit befasst sich die säkulare Szene immer wieder mit Einzelfällen von rechtspopulistischer Argumentation oder mit Bezügen auf solche. Im vergangenen Jahr sorgte die Facebook-Gruppe Generation Giordano für Aufsehen, weil in ihr immer wieder Posts zu Beiträgen mit rechtspopulistischen und wertkonservativen Äußerungen aufgefallen sind. Die Frage, wie etwa die extremen Tendenzen im Islam kritisiert werden können, ohne in pauschale Muslimkritik auszuarten, treibt die Szene um. Verbissen bilden sich radikale Lager auf beiden Seiten, die Spaltung der Bewegung schwebt als worst-case-Szenario in den Hinterköpfen von so manchen Säkularen.

Ein ungutes Gefühl macht darüber hinaus die Veröffentlichung des Trailers des antimuslimischen Streifens auf der Seite der Stiftung. Wenngleich mit einem Kommentar versehen ("…man sollte sich selbst ein Bild von der „Qualität“ dieses Films machen, wobei sich die bange Frage stellt, wie viel heftiger die Proteste wohl bei einem wirklich überzeugenden Mohammed-kritischen Kunstwerk ausgefallen wären…"), trägt die gbs so zum Verbreiten des Videos bei. Dies erinnert an die Affäre um das anti-islamischen Fitna-Video des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders beim Humanistischen Pressedienst (hpd). Dieser hatte das Video Ende 2007 auf seine Homepage als religionskritisches Werk vorgestellt. Der Humanistische Verband, damals noch Mitfinanzier des Pressedienstes, wollte, dass das Video von der Seite heruntergenommen wird, weil es "Religionen und ihre Gläubigen allesamt in eine fundamentalistische Ecke" stellt und "populistisch selbst Hass Schürenden ein Forum" bietet, erklärte damals der Verband. Auch der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) kritisierte damals die redaktionelle Entscheidung des hpd als "schwere politische Minderleistung". Die Redaktion des hpd wollte mehrheitlich, dass das Video dort bleibt, weil die "Aussagen und Darstellungen des Films […] in der Sache richtig" und "keine erfundenen Parolen von Herrn Wilders, sondern Zitate, Bilder und Fakten über fanatisierte Prediger und Gläubige" seien. Auch damals beriefen sich die Befürworter des Films auf die Kunst- und Meinungsfreiheit, die im eigenen Kopf beginne. Die unterschiedliche Auffassung im Umgang mit Wilders anti-islamischem Film führte zur Trennung des HVD von dem mit ins Leben gerufenen Humanistischen Pressedienst und infolge zur intensiven Annäherung von hpd und gbs. Bis heute belastet diese Affäre das Verhältnis der beiden säkularen Organisationen und den ihnen nahe stehenden Medien hpd und diesseits.

Es gibt aber auch einen Grund, warum die Verteidigung der Pläne von Pro Deutschland durch die gbs selbst die Kritiker der Stiftung stutzig machen muss. Die rechtsextreme Bürgerbewegung hat ihren vermeintlichen Einsatz für die Freiheit der Kunst mit der Einladung des fundamentalistischen US-Pastors Terry Jones verbunden. Kaum einer schießt aus der eigenen extremreligiösen Haltung derart intensiv in die Richtung der Muslime in aller Welt, wie der selbst von den etablierten Kirchen ausgeschlossene Hassprediger. Im vergangenen Jahr wollte Jones am Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center sogar öffentlich den Koran verbrennen, sagte die Aktion aber kurz vorher ab. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat Medienberichten zufolge bereits ein Einreiseverbot für Jones bei den zuständigen Behörden erwirkt. Zumindest dies scheint ein leiser Erfolg in der überhitzten Diskussion zu sein.

Was bei allem Beharren auf die extremen Positionen aus den Augen geraten ist, ist die Frage, was unsere Gesellschaften voranbringt? Ist es weltanschauliche oder religiöse Häme? Ist es die Provokation bis aufs Äußerste? Ist es das Drehen des Messers in der ohnehin schon offenen Wunde? Wohl kaum. All jenen moderaten Muslimen erweist der Film und dessen Verteidiger im Namen der Kunst- und Meinungsfreiheit einen Bärendienst, weil er den wenigen Radikalen und Fundamentalisten die Vorlage dafür bietet, ihren ideologischen Unsinn der grundsätzlichen Ablehnung des Islam in der westlichen Welt in die Köpfe der Unbedarften und leicht zu Beeinflussenden einzupflanzen. Wozu das führt, wird in den Filmen von Monty Python übrigens vorgeführt. Nur bleibt einem da das Lachen nicht im Hals stecken.