Direkt zum Inhalt

Beschneidung: Verbände und Experten fordern Runden Tisch und offene Debatte

Druckversion
Die Unterstützer der Petition der Deutschen Kinderhilfe haben heute noch einmal für ihre Forderung eines zweijährigen Gesetzesmoratoriums und der Einrichtung eines Runden Tisches zur Regelung religiös motivierter Beschneidungen geworben. Unterstützt wurden Sie dabei von Experten aus dem In- und Ausland. Der HVD Bayern hat parallel dazu einige Antworten aus dem Bundestag zur Beschneidungsfrage veröffentlicht. Ausgelöst hatte die Diskussion ein Urteil des Kölner Landgerichts, dass in einem Einzelfall entschied, dass die Beschneidung eines vierjährigen Knaben eine einfache Körperverletzung dargestellt hatte. Humanisten fordern seither eine ergebnisoffene Debatte.
Mittwoch, 12. September 2012
Beschneidung

Ausschnitt vom Hochaltar (1466) von St.Jakob in Rothenburg. Beschneidung Christi von Friedrich Herlin | Foto: Wolfgang Sauber via Wikimedia Commons

Die Organisationen und Experten, die hinter der Petition der Deutschen Kinderhilfe stehen, betonten heute in einer eigens anberaumten Pressekonferenz die Notwendigkeit einer sachlichen Debatte über die religiös motivierte Beschneidung von Jungen unter Einbezug der Kinderrechte, insbesondere des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit. Um dies zu ermöglichen, haben sie in der am 23. Juli 2012 beim Deutschen Bundestag eingereichte Petition mit der Nummer 26078 ein zweijähriges Moratorium für eine gesetzliche Lösung sowie die Einrichtung eines Runden Tisches gefordert. Bislang wurden beim Bundestag jeweils eine Petition für und eine gegen Beschneidungen angenommen. Der Status der auch vom HVD mitgezeichneten Petition ist unklar. Bislang ist sie noch nicht zugelassen, angeblich weil bereits eine weiterreichende Petition, die ein Verbot von Beschneidungen anstrebt, vorliegt. Eine schriftliche Begründung, warum die vor Wochen eingereichte Petition immer noch nicht im System ist, liegt jedoch nicht vor.

Die Anzeichen mehrern sich, dass hier eine offene und transparente Debatte, die die Gesellschaft mitnimmt, verhindert werden soll, denn die von der Deutschen Kinderhilfe und anderen Verbänden sowie von Einzelpersonen unterstützte Debatte hat zum Ziel, einen gesellschaftlichen Kompromiss zu finden, indem alle Argumente mit allen Beteiligten in einem angemessenen Zeitraum offen diskutiert werden – Ausgang offen. Die Petition lässt sich daher weder als Forderung für ein Beschneidungsverbot noch für eine generelle Freigabe religiös motivierter Beschneidungen verstehen. Sie würde somit eine dritte Wahloption darstellen, im Bundestag will man sich dieser Lesart aber mutmaßlich nicht anschließen. Stattdessen baut man eine Ausschlussoption auf: Entweder man hat als Bürger offenbar für Beschneidungen zu sein oder dagegen; Meinungsbildung nicht vorgesehen.

Petenten und Experten fordern Moratorium

Davon unbeeindruckt machten sich einige Vertreter der Petenten sowie Experten aus dem In- und Ausland noch einmal für die Petition stark. In der zweifelsohne belasteten und schwierigen Debatte zeige sich,

ob Kinderrechte nur in Sonntagsreden und an Kindertagen zelebriert werden oder ob die Gesellschaft es mit dem Schutz von Kindern ernst meint,

sagte der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe Georg Ehrmann. Diese Kinderschutzperspektive wurde von Stellungnahmen und Positionen aus ärztlicher Sicht ergänzt. Zahlreiche Mediziner hatten in den vergangenen Wochen erklärt, dass die Beschneidung einen bedenklichen, gefährlichen und mit Schmerzen verbundenen Eingriff darstelle. Nicht zuletzt deshalb hatte der Ethikrat in seiner Sitzung vor wenigen Tagen der religiös motivierten Beschneidung enge Grenzen gesetzt.

Dr. Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte sagte heute auf der Pressekonferenz, dass die

rituelle Beschneidung den Körper des Kindes irreversibel verändere, ohne dass dafür eine medizinische Indikation vorliegt. [...] Sofern dieser Eingriff nach mosaischem und nach klassischem muslimischem Ritus traditionell ohne Analgesie durchgeführt wird, ist diese Art der Beschneidung ein mit erheblichen Schmerzen verbundener Eingriff, der damit sogar in die Nähe der schweren Körperverletzung rückt.

Auch der stellvertretende Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Düsseldorf und Vorsitzende des Instituts für Seelische Gesundheit und Prävention Düsseldorf e.V., Prof. Dr. Matthias Franz, vertrat diesen Standpunkt. Auf der Pressekonferenz erklärte er:

Dieser äußerst schmerzhafte und irreversible Eingriff geht mit bedeutsamen körperlichen, sexuellen und psychischen Schädigungsrisiken einher, über die viele Eltern vor der Beschneidung ihres Sohnes nicht aufgeklärt werden. [...] Aus Sicht des Kindes und aus ärztlicher Sicht existiert jedenfalls kein Grund dafür einem gesunden Jungen seine gesunde Vorhaut abzuschneiden. Sämtliche immer wieder angeführten medizinisch-prophylaktischen Begründungen (z.B. Prävention sexuell übertragbarer Infektionen) lassen sich – wenn vom Betroffenen gewünscht – durch eine Beschneidung in einwilligungsfähigem Alter realisieren. Durch die Genitalbeschneidung wird das grundgesetzlich verbriefte Recht des Kindes auf Unversehrtheit verletzt.

Jüdische Organisationen unterstützen offene und kritische Debatte

Unterstützung erfuhren die Mediziner und Kinderschützer vom Gründer der israelischen Organisation Protect the child. Der aus Israel angereiste Eran Sadeh, selbst Jude, Israeli und Vater forderte Bundeskanzlerin Merkel auf, die Bewegung zur Zwangsbeschneidung von Minderjährigen als globale Bewegung wahr- und ernstzunehmen. Deutschland könne eine globale Vorreiterrolle in Sachen Kinderrechte einnehmen:

Überall auf der Welt richten Männer, die wie ich durch die Amputation ihrer Vorhaut verletzt sind, Mütter und Väter, die gegen ihren Willen aufgrund von Religion, Tradition und  gesellschaftlichem Druck ihre Kinder verletzen müssen, Eltern, die tapfer genug sind, sich nicht anzupassen, Wissenschaftler aus allen Disziplinen und gewöhnliche Bürger ihre Augen auf Sie und auf Deutschland, damit es eine Vorreiterrolle beim Schutz der Menschenrechte von Kindern übernimmt.

Dr. Avshalom Zoossmann-Diskin, Vorsitzender von Ben Shalem (Organisation „Intakter Sohn") aus Israel, dankte der Deutschen Kinderhilfe für ihren Einsatz für die Kinderrechte, ohne dabei aug „religiöse und ethnische Orientierungen zu schauen. Die Petition wird auch von TERRE DES FEMMES unterstützt. Der Vorsitzenden der Frauenrechtsorganisation Irmingard Schewe-Gerigk geht es dabei um etwas Grundlegendes:

Die körperliche Unversehrtheit von Kindern ist ein Menschenrecht und muss für alle Kinder gleichermaßen gelten, egal welcher Herkunft, Religion und welchen Geschlechts sie sind. Wir machen uns stark dafür, dass irreversible Eingriffe in die Unversehrtheit von Kindern – mit Ausnahme medizinisch notwendiger Behandlungen – generell verboten werden. Sie dürfen weder mit Religion noch Tradition gerechtfertigt werden. Menschenrechte sind nicht teilbar – auch nicht zwischen Mädchen und Jungen.

Informationen zur Petition und ihrem Status finden Sie ab sofort hier.

Humanistische Positionen

Ebenfalls am heutigen Tag veröffentlichte der HVD Bayern einige Resultate eines groß angelegten E-Mailings, dass Paul Nash als Präsidiumsmitglied des HVD Bayern zusandte. Darin machte er den Bundestagsabgeordneten noch einmal klar, dass es bei Beschneidungen nicht nur um religiöse Rechte, sondern besonders um die körperliche und psychische Unversehrtheit der Kinder gehe.

Die angeschriebenen Abgeordneten reagierten recht positiv auf die E-Mail-Aktion: 21 antworteten und gingen meist spezifisch auf die vorgetragenen Argumente ein. Auch wenn sich der Bundestag im Juli mehrheitlich sowohl für die Berücksichtigung des Kindeswohls als auch der Religionsfreiheit aussprach, nahmen die Mitglieder der verschiedenen Parteien unterschiedlich Stellung. Der SPD-Parteivorstand hat sich in einem individuellen Schreiben für die Rechte und Traditionen der Religionsgemeinschaften ausgesprochen und verwies gleichzeitig darauf, dass „...eine zukünftige Regelung den Schutz von Kindern als den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft garantieren muss." Bundestagspräsident Norbert Lammert von der CDU sprach sich für eine „sensible und zielführende" Klärung dieser Frage aus. Der integrationspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Serkan Tören, geht dagegen eher von der freien Ausübung der religiösen Rechte aus. Beschneidungen müssten allerdings mit Narkose und medizinisch absolut korrekt durchgeführt werden, so Tören. Die Grünen zeigten sich in ihren Antworten unentschieden, wogegen die Argumente der Linken am stärksten denen der Beschneidungsgegner ähnelten.

Frank Stößel, ebenfalls Mitglied des Präsidiums beim HVD Bayern, forderte in einer persönlichen Stellungnahme die Entwicklung neuer Initiationsrituale zugunsten des gesellschaftlichen Friedens.

Dazu sollten Humanisten das Gespräch und die Solidarität mit den Willigen suchen, um sich von verzichtbaren Ritualen zu verabschieden und neue Formen auch des gemeinsamen Feierns zu entwickeln. Das Abschneiden alter Zöpfe ist letztlich allemal schmerzloser und humaner als das Beharren auf einer mitleidlosen Beschneidungstradition.

Das offene Gespräch forderte in der vergangenen Woche auch der Präsident der Humanisten in Beriin und Brandenburg Norbert Kunz, nachdem der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) religiös moivierte Beschneidungen mitteilte, dass man in Berlin von einer Strafverfolgung absehe, bis eine gesetzliche Lösung gefunden sei, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt seien. Dazu gehört, dass der Engriff medizinisch fachgerecht und unter größtmöglicher Schmerzfreiheit durchgeführt werden muss. Jüdische und muslimische Organisationen hatten die Regelung kritisiert, weil diese Regelung eine traditionelle Beschneidung unmöglich macht.

Kunz kritisierte die Regelung aus einem ganz anderen Grund:

Statt einer überstürzten verwaltungsrechtlichen oder gesetzlichen Lösung wäre nun allerdings ein breiter gesellschaftlicher Dialog wichtig, wie ihn die Deutsche Kinderhilfe, der Bund Deutscher Kriminalbeamten, der Humanistische Verband Deutschlands sowie zahlreiche andere Organisationen und Einzelpersonen in einer Petition an den Deutschen Bundestag fordern.

Diese Berliner Lösung sowie die von der Bundesregierung angestrebte gesetzliche Lösung seien deutliche Zeichen, dass Berlin und die Bundesrepublik von der Praxis anderer europäischer Staaten abweiche. In den skandinavischen Ländern, Großbritannien, Italien oder den Niederlanden seien einer Regelung der Beschneidungsfrage stets intensive gesellschaftliche und politische Debatten vorausgegangen. Argumente zu möglichen alternativen Ritualen und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung über das Zusammenleben in einer zunehmend säkularen Gesellschaft würden hierzulande mit voreiligen Beschlüssen verhindert, heißt es in der Erklärung des Verbands.

Auch der Bundesverband der Humanisten erklärte heute noch einmal, dass er die Schnellschuss-politik dieser Tage unsinnig finde und stellte sich voll und ganz hinter der Petition der Deutschen Kinderhilfe.