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Auf der Suche nach dem C

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Aktuelle Umfragen belegen, dass die Religiosität weltweit abnimmt. Vor allem in bildungsnahen und einkommenssicheren Gesellschaftsschichten verliert Religiosität an Rückhalt. Die CDU-nahe „Konrad-Adenauer-Stiftung“ sucht daher nach neuen Wegen, ihre Wähler zu erreichen. Eine aktuelle Studie macht deutlich, dass die klassischen C-Positionen der Partei in der deutschen Gesellschaft an Zustimmung verlieren.
Montag, 20. August 2012
Leere Kirchbänke

Kirche und Glauben verlieren weltweit an Rückhalt | Foto: Thomas Hummitzsch

Über 50.000 Menschen in 57 Staaten hat das Meinungsforschungsinstitut Gallup für seinen Religion and Atheism Index befragt, um herauszufinden, wie viele Personen sich selbst als religiös, nicht religiös oder überzeugte Atheisten beschreiben würden. Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Religiosität weltweit abnimmt, während der Anteil der bekennenden Atheisten wächst. Von 2005 bis Anfang 2012 nahm der Anteil derjenigen, die sich selbst als religiös bezeichnen, um neun Prozent ab. Es sind aber immer noch fast zwei Drittel aller Menschen weltweit religiös (59 %). Knapp ein Viertel der Befragten sagte, dass sie nicht religiös seien (23 %). Der Anteil der Atheisten stieg seit 2005 um drei Prozent und liegt nun bei knapp einem Sechstel (13 %).

Am stärksten nahm die Religiosität seit 2005 in Vietnam (-23 %), Irland (-22 %), der Schweiz und Frankreich (beide -21 %) und in Südafrika (-19 %) ab. In Deutschland entspricht der Rückgang der Religiosität exakt dem globalen Durchschnitt, also neun Prozent. Dies ist aber nicht gleichbedeutend mit der Zunahme an Atheismus. Dieser ist seit 2005 am stärksten in Frankreich (15 %), der Tschechischen Republik (10 %), Japan (8 %) sowie den Niederlanden und Irland (7 %) gewachsen. Deutschland folgt mit einer Zunahme um fünf Prozent auf Rang sechs.

Die Staaten mit der höchsten Zustimmung an Religiosität sind Ghana (96 %), Nigeria (93 %), Armenien und Fidschi (jeweils 92 %) sowie Mazedonien (90 %). Die atheistischsten Staaten sind China (47 %), Japan (31 %), die Tschechische Republik (30 %), Frankreich (29 %) sowie Südkorea und Deutschland (jeweils 15 %).

Aus der Gallup-Umfrage geht hervor, dass Religiosität mit steigendem Einkommen abnimmt. Während im unteren Einkommensfünftel zwei Drittel der Befragten angaben, sie seien religiös (66 %), sagten dies weniger als die Hälfte der Befragten im oberen Einkommensfünftel (49 %). Auch mit steigendem Bildungschancen und -abschlüssen geht die Abnahme von Religiosität mit Aufklärung und Bildung einher. Diejenigen ohne Bildungsabschluss sind zu 68 Prozent religiös und zu sieben Prozent atheistisch, während jene mit Universitätsabschluss zu 52 Prozent religiös und zu 19 Prozent atheistisch sind. Anders herum könnte man aber auch sagen, dass Religiosität weiterhin ein spiritueller Rettungsanker für alle jene ist, die in relativer oder absoluter Armut leben. Der Kampf gegen die weltweite Armut und für Bildungsgerechtigkeit sollte daher eines der Kernanliegen der humanistischen Bewegung weltweit sein.

Gallup Grafik

Ist ein geringer Grad an gesellschaftlicher Religiosität beunruhigend oder warum hat das amerikanische Gallup-Institut diese Grafik derart tendenziös gestaltet? | Gallup

Was an der Umfrage irritiert ist die grafische Aufarbeitung der Daten. So findet man in dem 25-seitigen Dokument ein Diagramm, das den Zusammenhang von Religiosität und Einkommen veranschaulichen soll (siehe Abbildung). Dabei stechen die Alarmfarben rot und grün ins Auge, die jedoch nicht das Einkommen auf einer Skala von gering (rot) bis hoch (grün) veranschaulichen, sondern den Grad der Religiosität in den einzelnen Staaten. Im grünen Bereich sind die Staaten, in denen ein Grad der Religiosität von 50 Prozent aufwärts herrscht, im roten Bereich die weniger religiösen Staaten. Der Autor plädiert nicht für eine Umkehrung des Farbverhältnisses, aber Gallup sollte überlegen, ob es nicht zur grafischen Veranschaulichung zu neutraleren Farben greift.

Ein Schwerpunkt der Umfrage liegt auf den irischen Verhältnissen, die vor dem Hintergrund des Cloyne-Reports und dem damit in Verbindung stehenden Bedeutungsverlusts der katholischen Kirche in der Bevölkerung besonders interessant sind. Der weltweit zweitgrößte Rückgang derjenigen, die sagen, sie seien religiös ((2ßß5: 69 %; 2011: 47 %) sowie der viertgrößte Anstieg der bekennenden Atheisten (2005: 3 %, 2011: 10 %) scheinen direkte Folge des Skandale um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Irland. Entsprechend erhalten die irischen Humanisten aktuell eine Menge Rückenwind.

Gibt es noch die Stammwählerschaft?

Die weltweiten Trends schlagen sich auch in Deutschland nieder. Auf der Liste der 57 untersuchten Länder der Gallup-Studie liegt Deutschland bei der Religiosität auf Rang 42 und beim Atheismus auf Platz sechs. Der Trend, dass die konfessionell gebundene Wählerschaft abnimmt und die konfessionsfreien Wähler zunehmen und dies auch perspektivisch weiter tun, bringt insbesondere die CDU zum Nachdenken, deren parteinahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in einer soeben veröffentlichten Umfrage nach den Interessen und Bedürfnissen der Wählerschaft fragte. Ziel der 2009 (vor dem Missbrauchsskandal) durchgeführten Befragung von etwa 3.000 Personen war es, herauszufinden, inwiefern die typischen C-Positionen der Partei noch mehrheitsfähig sind.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die Partei umdenken muss. Von einer weltanschaulich-religiösen besonderen Prägung lasse sich „nicht uneingeschränkt sprechen", liest man etwa. So glauben 42 Prozent der Unionswähler nicht an die christliche Vorstellung eines Lebens nach dem Tod, ein Drittel der Unionsanhänger hat ein negatives Verhältnis zu den Kircheninstitutionen, 26 Prozent haben mit Kirche und Religion gleich gar nichts im Sinn und 23 Prozent sind der Ansicht, dass die Welt ohne Religion friedlicher wäre und ein Viertel aller Unionswähler plädiert dafür, den Religionsunterricht in den Schulen abzuschaffen.

KAS Schwangerschaftsabbruch & Sterbehilfe

Pro Choice: Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe sind gesellschaftlich längst akzeptierte Wirklichkeit. Die Politik behandelt beide Themen wie die letzten Tabus unserer Zeit | KAS

Bei den in den Unionsparteien umstrittenen Themen Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe ist die Partei weit von ihrer Wählerschaft weg. Mehr als drei Viertel der Unionswähler widersprechen der Forderung nach einem grundsätzlichen Abtreibungsverbot und fast drei Viertel sind für die Freigabe der Sterbehilfe auf Verlangen. Darüber hinaus rücken Umweltverschmutzung und die soziale Ungerechtigkeit immer stärker in den Fokus der Unionswählerschaft.

Die Befragung zielt auch auf die Analyse der Wählerschaft der anderen Parteien, möglichen Überschneidungen einerseits und potentiellen Alleinstellungsmerkmalen andererseits. Dabei kann man einiges zur konfessionellen Gebundenheit der Stammwähler erfahren. Dass die Linke mit 56 Prozent Konfessionsfreier als „Partei der Konfessionslosen" beschrieben ist, überrascht da nicht. Dass aber jeweils ein Viertel der eigenen Wählerschaft bei SPD, Grünen und FDP ebenfalls gut ohne Gott und Kirche leben können, sollten sich diese doch einmal vor Augen führen, bevor sie das nächste Mal den Kirchenlobbyisten das Wort reden. Auch die Tatsache, dass sich jeweils um die zwei Drittel aller Wählergruppen gegen religiösen Lobbyismus und gegen mehr Menschen mit starker religiöser Überzeugung in öffentlichen Ämtern aussprechen, sollte den Parteistrategen von SPD, Grünen, FDP und Linken Anlass geben, darüber nachzudenken, wie sie sich künftig weltanschaulich positionieren.

Das C in den Köpfen?

Das C spielt in den Köpfen der Unionswählerschaft zwar weiterhin eine größere Rolle, „doch ist die Bedeutung für die Wahlentscheidung rückläufig wie dies auch für andere sozialstrukturelle Merkmale gilt", so das Fazit der Leiterin der Empirischen Forschung bei der KAS, Dr. Viola Neu. Dass die Kirchenpositionen an Rückhalt in der Unionswählerschaft verlieren, belegen die Daten. Waren 2002 noch 36 Prozent der Unionswähler der Ansicht, dass Standpunkte der Kirchen in der CDU ein stärkeres Gewicht haben, waren 2009 nur noch 27 Prozent der Ansicht. Dies ist entweder ein Beleg dafür, dass Kirchenpositionen zunehmend an Bindung an ein Christlichkeitskonzept verlieren, dass den Bürgern vorschwebt oder aber das C in den Unionsparteien von den drängender werdenden gesellschaftlichen Herausforderungen zunehmend verdrängt wird.

Für den Fall, dass sich die CDU weiterhin auf eine Wählerschaft mit einer starken Identifizierung mit Glaube und Kirche zufriedengeben will, dann sieht es düster aus:

Bei über 60-Jährigen, dort vor allem bei den Frauen, Befragten mit einem eher niedrigen Bildungsniveau und insgesamt einem eher schwächeren ökonomischen Status, bei Bewohnern von kleineren und mittleren Gemein­den sowie Mitgliedern größerer Familien (mehr als vier Kinder) sind religiöse Einstellungen überdurchschnittlich präsent.

Das Konfessionsfreie und religiös ungebundene nicht zwangsweise religionsfeindlich sind, zugleich aber das politische Feld nicht unwidersprochen den religiösen Lobbyisten überlassen wollen, scheint nun auch bei der KAS angekommen zu sein:

Auch bei konfessionell ungebundenen Befragten lassen sich kaum Ressentiments gegenüber Religion(en) festmachen. Doch werden Einflussversuche der Kirchen auf die Politik eher kritisch gesehen. Gleichermaßen sind die Christen gegenüber anderen Religionen tolerant.

KAS Religiöses Lobbying

Religiöses Lobbying stößt der deutlichen mehrheit der Befragten sauer auf | KAS

Dies scheint aber auch daran zu liegen, dass sich entsprechende Aussagen in allen Wählergruppen finden und sich Unionswähler nicht wesentlich von denen der anderen Parteien unterscheiden. Der Wunsch nach einem säkular geordneten Staat scheint keiner von säkularen Atheisten und Humanisten zu sein, sondern vielmehr Konsens in der demokratischen Gesellschaft. Dies zumindest lässt sich aus den Umfrageresultaten ebenfalls ableiten.

Wenn die Unionsparteien aus dieser Feststellung nun Konsequenzen ziehen, ist dies nur folgerichtig. Wer die Debatte der letzten Jahre verfolgt, weiß aber, dass nicht nur die Unionsparteien ihr Verhältnis zu Religion, Kirche und Gesellschaft kritisch unter die Lupe nehmen sollten. Der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche, der moralisierende Umgang der Kirchen mit ihren Angestellten, der auf immer stärkeren Widerstand stößt, sowie das selbstgerechte Vortragen der lebensfernen Kirchenargumente in den Debatten um die Präimplantationsdiagnostik oder Sterbehilfe tragen zur päpstlich geforderten „Entweltlichung" der Kirche und damit zu ihrem Bedeutungsverlust für den politisch-gesellschaftlichen Dialog weiter bei.