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UN-Sonderberichterstatter Heiner Bielefeldt: „Wir brauchen breite Allianzen“

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Wenn Humanistinnen und Humanisten beim Streit um Religions- und Weltanschauungsfreiheit vorankommen wollen, sollten sie auf breite Allianzen setzen und ihre Anliegen nicht auf ein Thema beschränken. Das empfiehlt Heiner Bielefeldt, UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, im Interview.
Samstag, 13. August 2011
Foto: A. Platzek

World Humanist Congress: Heiner Bielefeldt mit David Pollock, Präsident der European Humanist Federation (v.l.) Foto: A. Platzek

Herr Professor Bielefeldt, wie sehen Sie die Rolle von Humanisten und Humanisten beim Kampf um die Religionsfreiheit?

Der Begriff Religionsfreiheit ist im Kontext der UNO und auch des Europarats als Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu verstehen, der englische Begriff „Freedom of Religion and Belief“ wird im Deutschen oft falsch als Religions- und Glaubensfreiheit übersetzt. Es geht aber tatsächlich sowohl um Religions- wie Weltanschauungsfreiheit. Deshalb sind auch Atheisten, Vertreter des Agnostizismus, Kritiker der etablierten Religionen oder des Religiösen überhaupt von diesem Freiheitsrecht geschützt. Dabei geht es ganz entscheidend um die geistige Freiheit, die kommunikative Freiheit oder die Verhaltensfreiheit in Fragen von Religion und Weltanschauung. Und es ist oft überhaupt nicht präsent, dass auch humanistische Organisationen oder solche, die sich ausdrücklich als Atheisten verstehen, hier ihre ganz genuinen Freiheitsrechte haben. Mir scheint das vor allem in Deutschland wenig präsent zu sein. Hier in Norwegen ist die Lage eine völlig andere als in Deutschland. In der UNO habe ich erlebt, dass humanistische Organisationen in einschlägigen Debatten präsent sind. Da ist es überhaupt nichts Neues, aber in Deutschland scheint es ziemlich ungewöhnlich zu sein. Da ist das entsprechende Bewusstsein wahrscheinlich noch wenig entwickelt.

Auf welchen Seiten ist das Bewusstsein noch wenig entwickelt? Es gibt dort verschiedene Interessengruppen.

In der allgemeinen Öffentlichkeit erlebt man Überraschungseffekte, wenn man sagt: Religionsfreiheit ist auch die Freiheit der Atheisten. Und zwar nicht, wie manche meinen, die negative Religionsfreiheit, sondern es gibt hier auch eine positive Weltanschauungsfreiheit. Es ist ebenfalls ein Freiheitsrecht der Nichtreligiösen. Mich hat erstaunt, wie viele Menschen davon überrascht werden. Es ist also eine Selbstverständlichkeit, wenn man Freiheit ernst nimmt. In Deutschland wird die Religionsfreiheit aber sehr mit den klassischen großen Religionen assoziiert. Wir reden natürlich mit Recht über Christenverfolgung im Nahen Osten oder Islamophobie in Europa. Aber es fehlt ein Stück der gesamten Szenerie, die sich für die allgemeine Öffentlichkeit in Deutschland überhaupt nicht auf unserem Schirm befindet. Ich denke, das kann man hier so sagen.

Wo sehen Sie als UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit für Humanistinnen und Humanisten die besten Anknüpfungspunkte, um ihre Interessen in der Debatte und im Streit zur Geltung zu bringen? Was wäre eine sinnvolle Vorgehensweise?

Ich glaube, eine sinnvolle Vorgehensweise besteht darin, sich mit anderen Organisationen zusammenzuschließen. Dass man Menschenrechte, hier eben das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit, wirklich breit versteht und nicht nur lobbyistisch. Ein positives Beispiel sind die Bahai, welche in der UNO oder auch anderen internationalen Gremien sehr präsent sind. Natürlich haben sie auch das Interesse, dass ihre eigenen Angehörigen sowie Glaubensfreundinnen und –freunde, die ja im Iran und auch anderen islamischen Staaten brutal verfolgt werden, von der Religionsfreiheit profitieren. Aber die Bahai interessieren sich immer sehr breit für das Thema. So ist es eben nicht nur Lobbyismus für die eigene Gruppe und genau das finde ich vorbildlich. Ich finde vorbildlich, dass es hier nicht nur um die Befürwortung von Gruppenegoismen geht. Natürlich ist Lobbyismus für die eigenen Anliegen legitim. Besser noch ist aber ein breit angelegtes Menschenrechtsengagement. Dabei können interessante Allianzen entstehen und hier ist auch Norwegen ein sehr faszinierendes Beispiel. Denn in der kritischen Auseinandersetzung mit der noch existierenden lutherischen Staatskirche haben sich Allianzen gebildet, die man sich in Deutschland und vielen anderen europäischen Staaten kaum vorstellen kann.

Heiner Bielefeldt ist seit Mai 2010 UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit bei den Vereinten Nationen. Beim World Humanist Congress 2011 unter dem Thema „Humanismus und Frieden“ referierte er am Samstag zum Themenkomplex „Die Rolle supranationaler Organisationen“. Der 53-jährige Theologe, Philosoph und Historiker ist Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und engagiert sich im interreligiösen Dialog.

Wüssten Sie ein konkretes Beispiel?

Ich habe es im Februar erlebt, als hier eine Vertreterin der Heilsarmee, Vertreter eines atheistischen Humanismus und kopftuchtragende muslimischen Frauen sich zusammengeschlossen haben. Das fand ich toll. Ich finde also breite Allianzen sinnvoll. In denen die humanistische Stimme da ist, aber in einem breiteren Konzert. Ich glaube, das brauchen wir. Der Menschenrechtsdiskurs steht in der Gefahr, allzu sehr fragmentiert zu werden. Wir brauchen da breite Allianzen und hier sollten sich auch Humanisten einbringen.

Hat der Diskurs über und um die Religionsfreiheit an Bedeutung gewonnen oder sind solche Wahrnehmungen eher subjektiv?

Eventuell bin ich selber so tief drin, dass mein Eindruck selber auch nicht mehr ganz repräsentativ ist. Ich glaube trotzdem sagen zu können, dass das Thema Religions- und Weltanschauungsfreiheit enorme Emotionen mobilisiert. Also es ist schon einer der großen Kampfplätze. Nicht der einzige im Arbeitsfeld der Menschenrechte bei der UNO, im Menschenrechtsrat oder der Generalversammlung. Für die Religionsfreiheit gilt aber schon besonders, dass da ganz unterschiedliche Weltsichten aufeinanderprallen. Da ist es umso wichtiger, auch hier breite Allianzen zu bilden und die Klarheit des Konzeptes aufrechtzuerhalten. Mittlerweile streiten in der Menschenrechtssprache auch Länder und Organisationen, die sehr autoritär sind. Da gilt es darauf zu achten, dass sich die menschenrechtliche Semantik nicht völlig von einem sinnvollen Menschenrechtskonzept völlig loslöst und auch im Kontext der Religions- und Weltanschauungsfreiheit besteht diese Gefahr durchaus.

Was sollte denn beim Ringen um die beste Politik im Feld der Religions- und Weltanschauungsfreiheit vermieden werden, wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt, dessen Bedeutung auch bei den Reden dieser Konferenz häufig hervorgehoben wurde, bewahrt bleiben soll?

Man sollte das Thema Religions- und Weltanschauungsfreiheit nicht völlig isolieren. Was ich eben über Allianzen sagte, gilt auch für die Art und Weise wie man das Thema bearbeitet. Zum Beispiel eine Perspektive beim Thema der Religions- und Weltanschauungsfreiheit, die auch Gender-Fragen mitnimmt. Synergien stiften wäre meine Rat, auch wenn Sie ja eigentlich eine negative Antwort wollten. Eine völlig isolierte Bearbeitung des Themas führt auch in die Irre.

Auf die Kommunikation und Kooperation mit anderen Menschen zu verzichten, wäre also überhaupt nicht ratsam.

Ganz genau. Zum einen sollte man sich nicht kommunikativ isolieren, zum anderen die Bearbeitung dieses Felds aber auch thematisch nicht völlig entkoppeln von anderen Menschenrechtsthemen wie eben etwa der Frage nach der Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Das gehört dazu, sonst rutscht es sehr schnell ins Esoterische ab.

Herr Professor Bielefeldt, herzlichen Dank für das Interview.