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Variationen im Humanismus

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Der Direktor der Humanistischen Akademie, Dr. Horst Groschopp, hat eine über 80 Seiten zählende, alphabetische Sammlung zum Wortgebrauch von „Humanismus“ in deutschsprachigen Texten zusammengestellt. Bei der Lektüre gerät man ins Staunen.
Montag, 6. Februar 2012
humanismus aktuell

Die Vertretungen eines „praktischen Humanismus" fragen sich derzeit, ob ihr Humanismus „weltlich" oder doch eher „säkular" ist, neuerdings gar, ob es einen „spirituellen Humanismus" gibt. Da kommt eine soeben bei der Online-Zeitschrift humanismus aktuell veröffentlichte Studie von Dr. Horst Groschopp ganz gelegen, die eine Alphabetische Sammlung zum Wortgebrauch von 'Humanismus' in deutschsprachigen Texten bringt und die vom „abendländischen" bis zum „zweiten Humanismus" reicht. Da fragt man sich doch glatt, was denn der „erste" war und ob es einen „dritten" gab oder noch gibt. Ja, gibt es, ob noch, wer weiß? Aber ein vierter nein; dafür aber einige „neue" (logischerweise gibt es auch mindestens einen „alten"). Wer das sucht, findet dort die Belege.

Es kommen gar seltsame Humanismen vor, oder sagt man schon „Humanismusse"? So gibt es einen „fatalen" und einen „liebevollen" (gleich nach dem „liberalen", wenn das nichts bedeutet) und einen „sexuellen", gar einen „weiblichen", obwohl auch diese Liste verdeutlicht, im Humanismus reden und schreiben fast nur Männer – was nicht nur eine Sache der Forschung ist. Dass der „männliche Humanismus" nicht aufgenommen wurde, so der Autor der Studie in seinem Vorwort, liegt allein an der Tatsache, dass dieses Wortpaar, als Gegenwort zu „weiblicher Religiosität", nicht in der wissenschaftlichen Literatur untersucht wird, aber in den Star Trek-Erzählungen im Internet durchaus massenhaft vorkommt.

Auch nach Regionen sind die Teil-Humanismen geordnet. Man findet den bisher nahezu unbekannten „böhmischen", der für das Habsburgerreich wichtig war und den schon eher bekannten, weil dort ursprünglich vermuteten „italienischen Humanismus". Doch wie kam er da hin oder war er schon da, so vom „römischen" her? Um das aufzuklären, empfiehlt sich ein Blick auf den „arabischen Humanismus" und den „islamischen", was ja viele heute für ein Unding halten. Im bevölkerungsreichsten Land der Welt wird ein „konfuzianischer Humanismus" vermutet.

Nun gab es bekanntlich zwei deutsche Staaten und wohl auch ihre (nur ehemaligen?) Teilkulturen in Sachen Humanismus. Es wurde hart gestritten um Humanismus im Kalten Krieg. Hier gibt das Verzeichnis einige Einblicke. Wem war bekannt, dass der Begriff „sozialistischer Humanismus" wahrscheinlich von Klaus Mann stammt?

Kulturhaus Zinnowitz

Die Reste eines ehemaligen Ortes für Humanismus, dem Kulturhaus in Zinnowitz auf Usedom | Foto: Thomas Hummitzsch

In Ost und West wurde der „reale Humanismus" ganz verschieden verstanden und die Realität der Bildungssysteme war entsprechend mit Folgen bis heute. So findet sich in einer Fußnote folgende Mitteilung über unterschiedliche Humanismus-Verständnisse:

Während unter diesem Begriff im Westen noch heute sofort das Humanistische Gymnasium assoziiert wird, die es im Osten nicht gab, so im Osten das Kulturhaus als betriebsnaher Ort für Humanismus in traditionellen Kunstformen und als Erbe, dem im Westen eine ganz andere Einrichtung der 'Soziokultur' in freier Trägerschaft gegenüber stand.

Wir finden in dem Verzeichnis Mitteilungen, seit wann das Wort Humanismus vorkommt und wer und warum es benutzte, um kulturhistorische Verlaufsketten damit zu begründen oder warum katholische Theologen ausgerechnet einen „integralen Humanismus" entwickelten, als in Paris die Volksfront die These eines „realistischen Humanismus" aufstellt, der zwischen dem „bürgerlichen" und dem „proletarischen Humanismus" vermitteln sollte. Letzteres Wort stammt von Maxim Gorki, der in seinem entsprechenden Pamphlet mal gleich auch noch die Verführung der Jungen zur Homosexualität als Zeichen des kapitalistischen Untergangs deutet.

Den „christlichen Humanismus" gibt es in vielerlei Gestalt, so als „theonomen" im Widerstand gegen Hitler im Kreisauer Kreis, im „genuinen Humanismus", der Ludwig Ehrhardts Soziale Marktwirtschaft im Nachhinein christlich erklären sollte, und als Teil der Theologie der Befreiung. Auch für den aktuellen Diskurs unter den „säkularen Humanisten" wird sicher einiger Stoff bereitgestellt, so erfand der Ersteller der Liste, einen „heroischen Humanismus" und gibt Literatur zum „wissenschaftlichen" und „weltanschaulichen" an.

Mit einem „aktuellen Humanismus" soll hier geschlossen werden, der zur letzten Druckausgabe von diesseits passt, der „advokatorische Humanismus". Am 30. Januar 2012 erhielt im Pariser Theatre de l'Odeon der Physiker Martin Balluch nach einer Festrede des Kulturhistorikers Thomas Macho den neu gegründeten Myschkin-Preis für besondere kulturschöpferische und ethische Leistungen. Bei der erstmaligen Vergabe des Preises hat das internationale Komitee den Aspekt des „advokatorischen Humanismus" in den Mittelpunkt gestellt. Balluch setze sich persönlich und juristisch für Tierrechte ein, als Advokat für Affen. In der Laudatio ging es auch um „inklusiven Humanismus" – wo die interessierte Leserschaft nun selbst hier nachschlagen muss, was das nun wieder für ein Humanismus ist.