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Startschuss in ein „Brandenburger Abenteuer“

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Mit der Eröffnung der Geschäftsstelle in der Brandenburger Landeshauptstadt will der HVD Berlin-Brandenburg vor Ort aktiv werden und sich stärker in gesellschaftliche Debatten im Land Brandenburg einbringen.
Freitag, 17. Februar 2012
Karte Brandenburg

Quelle: Wikimedia Commons

Nach der „Schließung der Vernunftehe" im Sommer letzten Jahres folgt nun die eheliche Pflicht? Vielleicht trifft diese saloppe Formulierung den Kern. Denn nach der Fusion der Berliner und Brandenburger Humanisten bekommt der Verband in Brandenburg nun auch eine Adresse. Der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg hat heute seine Potsdamer Geschäftsstelle eröffnet. Diese befindet sich mitten im historischen Stadtkern der Brandenburger Landeshauptstadt unter der Anschrift Jägerstraße 36.

Brandenburgs Staatssekretärin für Finanzen, Daniela Trochowski (DIE LINKE), freute sich über den Ausbau der humanistischen Arbeit in Brandenburg. Die Eröffnung der Potsdamer Anlaufstelle fügt einen weiteren Stein in das Mosaik des praktischen Humanismus, der nun nicht nur seine Dienstleistungen in der Landeshauptstadt anbieten kann, sondern von dort auch besser die politischen Interessen der Konfessionsfreien wahrnehmen und seine humanistischen Werte in die ethischen Debatten einbringen kann. Dies sei auch notwendig, sagte Trochowski, denn wenn man keiner Religion anhänge, heiße das nicht, dass man deshalb auch keine Werte habe. „Man vertritt einfach andere Werte!" Der Humanistische Verband könne nun von Potsdam aus die Interessensvertretung der Konfessionsfreien besser wahrnehmen und bei der Debatte der Frage, wie die Gesellschaft in Zukunft zusammenleben wolle, eine wichtige Rolle spielen.

Humanistische Werte würden nun nicht nur in der Theorie vertreten, sondern in Potsdam und ganz Brandenburg sukzessive in die Praxis übersetzt und damit greifbar, sagte der Präsident des HVD Berlin-Brandenburg, Norbert Kunz, bei der Eröffnung.

Geschäftsstelle

Die Geschäftsstelle des HVD Berlin-Brandenburg soll künftig die zentrale Anlaufstelle bei Auskunft, Information und Beratung zu Angeboten des praktischen Humanismus in Brandenburg sein. Dazu gehören u.a. Dienstleistungen zur humanistischen Lebenshilfe, etwa die Patientenverfügung, zu der der HVD in Berlin inzwischen seit über 20 Jahren berät und seither bundesweit 950 Kooperationspartner, darunter auch diakonische Einrichtungen oder Pfarrer, gefunden habe. Diese Erfahrung könne in Potsdam nur sinnvoll sein, sagte die Leiterin der Bundeszentralstelle Patientenverfügung, Gita Neumann. Sie betonte aber zugleich, dass man keine Anlauf- und Beratungsstelle ausschließlich für Konfessionsfreie sei, sondern allen Menschen unabhängig ihrer religiösen Haltung offen stehe. Ziel sei nicht, gegen die kirchlichen Angebote, sondern besser als diese zu sein.

Ein weiteres Beispiel des praktischen Humanismus ist der Berliner Betreuungsverein, der in Potsdam aktiv werden und das Modelprojekt BIT – Betreuung im Tandem einführen will. Mit BIT würde in der Landeshauptstadt ein neues Konzept der Betreuung verankert. Auch das Berliner Seniorentelefon, das seit 18 Jahren Beratung von Senioren für Senioren in Berlin bietet, wird in Potsdam aktiv werden. Erste Kontakte seien auch schon geknüpft und die Suche nach Mitwirkenden in Brandenburg habe schon begonnen, sagte Klaus Wendlandt, der ehrenamtlich beim Seniorentelefon tätig ist. JugendFEIERn werden schon seit Jahren in Brandenburg von den humanistischen Regionalverbänden organisiert. Diese Tradition wird unter dem Dach des HVD Berlin-Brandenburg fortgeführt.

Der Humanistische Lebenskundeunterricht wird aktuell in Brandenburg bereits angeboten. 1.286 Schülerinnen und Schüler besuchen ihn aktuell. Es spricht nichts dagegen, dass es eines Tages auch über 50.000 sind, wie derzeit schon in Berlin, denn in den Klasen 1 bis 4 sowie nach der zehnten Klasse gebe es nur einen Religionsunterricht. Hier wolle der HVD eine Alternative aufbauen, die keine Konkurrenz, sondern ein Nebeneinander der weltanschaulichen Fächer anstrebt. Die Klassen 5 bis 10 besuchen gemeinsam den Unterricht Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde. Auch ins Feld der frühkindlichen Betreuung will der HVD vorstoßen und humanistische Kindertagesstätten unterhalten. Eine erste solche Kita ist derzeit in Fredersdorf-Vogelsdorf östlich von Berlin in Planung.

In Brandenburg sind rund 80 Prozent der Menschen konfessionslos. Das Interesse vieler Menschen an weltlichen Angeboten, wie Lebenskunde, JugendFEIERn oder der Patientenverfügung ist deshalb groß. Mit unserer Geschäftsstelle wollen wir im Herzen der Landeshauptstadt Potsdam unsere Strukturen stärken, einen Ort der Begegnung aufbauen und von hier aus unsere Angebote für Brandenburg ausbauen, sagte Präsident des HVD Berlin-Brandenburg Norbert Kunz.

Flyer Lebenshilfe Potsdam

Mit den Berliner und Brandenburger Humanisten freuten sich auch die Potsdamer Bundestagsdelegierte der SPD, Andrea Wicklein. Der Kontakt der Bundestagsabgeordneten zum HVD ist vielfältig. Selbst ist sie Mitglied beim Potsdamer Regionalverband und hatte diesen bereits in den vergangenen Jahren bei Informationsveranstaltung zur Patientenverfügung unterstützt sowie als Festrednerin bei den JugendFEIERn in Potsdam unterstützt. Persönlich hatte sie außerdem in einer schweren Zeit des Abschiednehmens viel Unterstützung durch den Verband erfahren, wofür sie noch heute sehr dankbar ist. Wenn nun die Humanisten in ihrer Heimatstadt ihr Angebot ausbauen, freue sie das besonders, sagte sie.

Auch die stellvertretende Potsdamer Bürgermeisterin Elona Müller-Preinesberger (parteilos) kam in die Jägerstraße gratulieren. Als Verfechterin der Trägervielfalt sagte Müller-Preinesberger, stelle der Ausbau der humanistischen Angebote in Potsdam eine Bereicherung für die Stadt dar. „Der Mensch muss die Möglichkeit haben, für sich auszuwählen, wo er Unterstützung suchen will", sagte sie. Dies sagte sie vor dem Hintergrund eines ungeklärten Babymordes in der Stadt. Die Eltern des unbekannten Kindes, das gestern bestattet wurde, haben die zahlreichen Hilfsangebote der Stadt und der freien Träger offensichtlich nicht erreicht. Je vielfältiger die Trägerlandschaft sei und je mehr Auswahl Menschen hätten, desto wahrscheinlicher sei auch, dass solche tragischen Ereignisse verhindert werden können.

Dies wäre ganz im Sinne des praktischen Humanismus, denn was wäre Humanismus anderes, wenn nicht der Dienst am und für den Menschen und dessen Bedürfnissen. Für eben diesen Zweck ist der HVD Berlin-Brandenburg nun auch in Potsdam präsent. Als erster kleiner Schritt für ein größer angelegtes „Brandenburger Abenteuer".