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KORSO am Scheideweg?

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Der Humanistische Verband hat sich als erste Mitgliedsorganisation des Koordinationsrat säkularer Organisationen (KORSO) vom Deutschen Freidenker-Verband (DFV) distanziert. Die Frage, wie es mit dem KORSO weitergeht, stellt sich.
Mittwoch, 15. Februar 2012
KORSO am Scheideweg

Seit Beginn des "Arabischen Frühlings" hat sich der Deutsche Freidenker-Verband (DFV) immer wieder gegen die Aufstände der arabischen Bevölkerungen ausgesprochen und sich mit den in diesen Ländern herrschenden Despoten solidarisiert. Dabei erinnerten die Wortmeldungen des DFV in den vergangenen zwölf Monaten an ein kafkaeskes Schauspiel. Mal wurde zur Solidarität mit dem libyischen Volk aufgerufen, ein Ende der "Nato-Kriegsverbrechen" gefordert und dem libyischen Despoten Muammar al-Gaddafi die Unterstützung ausgesprochen.Der westliche Militäreinsatz in Nordafrika wird auf der Homepage des DFV zum Krieg kapitalistischer Aggressoren gegen eine friedliebende und "rechtmäßige" libysche Regierung stilisiert. Die USA und die Nato wollten nach Ansicht der Freidenker „den Reichtum Libyens plündern und das Land wieder kolonialisieren“ Die säkulare Szene kommentierte die politischen Auffassungen dieser „Kulturorganisation“, deren Mitgliederzahlen der evangelische Säkularismus-Experte Dr. Andreas Fincke zuletzt auf max. 3.000 schätzte, bisher nicht.

Nun geht die politische Geisterfahrt des DFV in eine neue Runde. Inzwischen hat sie sich auf die Seite von Syriens Machthaber Baschar al-Assad geschlagen, der die Proteste in Syrien seit Monaten gewaltsam und systematisch niederschlagen lässt. Tausende sollen dabei umgekommen sein, wie Menschenrechtsorganisationen berichten. In der kapitalistischen Weltverschwörungstheorie des DFV kommt jetzt auch der Iran zu Ehren, denn der sei ja auch der ständigen Bedrohung durch USA, NATO und Israel ausgesetzt. Dort würden "Sabotage- und Terroraktionen von eingeschleusten 'Spezialeinheiten'" durchgeführt. Als ob der DFV ein Sprachrohr der syrisch-iranischen Despotenachse wäre, wird die Situation in den Ländern phantasievoll analysiert:

Die Wirtschaft des Iran und Syriens soll bewusst in eine tiefe Krise gestürzt, ihre Arbeitslosenzahlen erhöht und die Versorgungslage ihrer Bevölkerung drastisch verschlechtert werden. Die inneren sozialen Konflikte sollen ethnisiert und zugespitzt, ein Bürgerkrieg entfacht werden, um einen Vorwand für die längst geplante militärische Intervention zu schaffen.

Bisher hat die säkulare Szene in Deutschland die verbalradikalen Ausfälle des Freidenkerverbandes ignoriert und ihn in ihren Arbeitszusammenhängen toleriert. Das war selbst noch so, als der DFV während des grausamen jugoslawischen Bürgerkrieges von der „Zerstörung Jugoslawiens“ durch die NATO schwadronierte und anschließend aktiv die Unterstützung des sozialistischen und wegen Kriegsverbrecher angeklagten ehemaligen Staatschefs Slobodan Milosewic betrieb. Einzig der Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl kritisierte den DFV aufgrund dieser ewiggestrigen Thesen und bezeichnete ihn in einer Druckausgabe von humanismus aktuell einmal als Deutschen Fossilien Verband.

Für den Humanistischen Verband war jetzt das Maß voll. Er hat sich als erste Mitgliedsorganisation im Koordinationsrat Säkularer Organisationen (KORSO) vom DFV distanziert. Einen entsprechenden Beschluss hatte das Präsidium des HVD im Januar gefasst Auf der Homepage des Verbandes heißt es dazu:

Der HVD distanziert sich ausdrücklich von den Solidaritätserklärungen des Deutschen Freidenker-Verbandes (Sitz Dortmund) mit unterschiedlichen arabischen Despoten, die von der Emanzipationsbewegung in arabischen Ländern bekämpft werden bzw. bereits gestürzt worden sind. Wir halten fest, dass – bei aller möglichen Kritik an der Politik der USA oder der alten Kolonialmächte – ein derartiges Eintreten für Tyrannen mit einem praktischen Humanismus unvereinbar ist. Der HVD Bundesverband fordert den Vorstand des KORSO auf, dies ebenfalls klarzustellen.

Mit der abschließenden Forderung stellt sich schließlich auch die Frage, wie es mit dem KORSO weitergeht. Wenn sich eine Mehrheit dafür findet, könnte der KORSO den DFV nach § 8 seiner Satzung zwar ausschließen und hätte wenigstens diese offene Flanke seiner politischen Glaubwürdigkeit zunächst geschlossen. Seine grundsätzlichen Probleme ist er damit jedoch noch nicht los. Denn ob die recht unterschiedlichen Organisationen im KORSO tatsächlich einen gemeinsamen Weg finden können, wenn es darum geht, eine gemeinsame Vorstellung der Trennung von Staat und Kirche zu finden und  daraus gemeinsame Positionen abzuleiten, bleibt fraglich. Die Zielsetzungen sind hier höchst unterschiedlich und bewegen sich auf einer Skala zwischen absoluter Streichung jeglicher Finanzbeziehungen im Sinne einer radikalen Laizität bis hin zur Angleichung der Unterstützungen im Sinne der Gleichbehandlung bei Einstellung nur der historischen Staatsleistungen.

Dieser "Konflikt" ist etwas mehr als eine Meinungsverschiedenheit, denn in ihm kristallisiert sich die Frage nach der Zukunft der säkular-humanistischen Szene. Wer wird künftig die Deutungshoheit haben? Wer wird säkulare Dienstleistungen anbieten? Welche Organisation gewinnt an Relevanz und welche verliert sie - politisch, medial und in der sozialen Wirklichkeit?

Unter dem Deckel steigt der Druck. Wie lange der KORSO und seine Mitgliedsorganisationen diesem Druck noch standhalten können und wollen, weiß momentan keiner.