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Italien: Plakatkampagne fordert Ende der Kirchenfinanzierung

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Die italienische „Union der Atheisten, Agnostiker und Rationalisten“ fordert ein Ende der Kirchenfinanzierung. Der Staat müsse die öffentlichen Gelder für die Kirche streichen, da dies die wirtschaftliche Situation Italiens erforderlich mache.
Montag, 19. Dezember 2011

Sechs Milliarden Euro betragen die Kosten, die Italien jährlich für die Kirche aufbringt. Angesichts der brisanten Situation, in der sich der italienische Staat vor dem Hintergrund der europäischen Finanzkrise befindet, kann dieser Betrag nicht unhinterfragt und unangetastet bleiben, findet die italienische Union der Atheisten, Agnostiker und Rationalisten (UAAR). Aus diesem Grund hat die Organisation eine Kampagne unter dem Motto „Mit 6 Milliarden Euro pro Jahr könnte Italien Wunder vollbringen!" gestartet.

Die Straßen rund um Genua und in Venedig werden in diesen Tagen mit großformatigen Plakaten beklebt. Gemeinsam mit den Betreibern der Internetseite www.icostidellachiesa.it („Die Kosten der Kirche", auf der die erste detaillierte Liste der steuerlichen Privilegien und der wirtschaftlichen Vergünstigungen, die die italienische Kirche genießt, zu finden ist.) will die UAAR auf die enorme Finanzierung der Kirche durch den ansonsten maroden italienischen Staat aufmerksam machen. Die Seite ist ein ähnliches Projekt wie die deutschen Internetpräsenzen www.staatsleistungen.de, www.kirchensteuer.de oder www.kirchenaustritt.de. Der Preis, den der Staat jährlich zahlt, sei mit sechs Milliarden Euro enorm hoch. „Ein Preis, für den sowohl Gläubige als auch Nichtgläubige aufkommen", wie es auf dem Plakat heißt. Religionen sollten nur von ihren Anhängern finanziert werden, fordert die UAAR.

UAAR-Kampagne

Mit diesen Plakaten macht die UAAR aktuell auf die enorme Finanzierung der italienischen Kirche durch den finanzschwachen italienischen Staat aufmerksam | Grafik: UAAR

„Einige der von der italienischen Regierung vorgeschlagenen Budgetkürzungen wurden durch die Einwürfe einiger Gruppen blockiert, aber bei der Kirche handelt es sich um eine solch privilegierte Gruppe, dass nicht einmal [Ministerpräsident Mario] Monti den Mut hatte, ihre Privilegien in Frage zu stellen", sagte Raffaele Carcano, Generalsekretär der UAAR.

Montis Parlament ist zu großen Teilen mit Kirchendienern besetzt, wie die UAAR bereits kurz nach Amtsantritt in einer Presseerklärung deutlich machte. Demnach stehen mindestens fünf Kabinettsmitglieder in einem engen Verhältnis mit der italienischen Kirche. Aus diesem Grund wird die Regierung Monti von Kritikern auch als Regierung Bagnasco – nach dem Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz Kardinal Angelo Bagnasco – bezeichnet.

Monti, der Italien vor dem Staatsbankrott bewahren soll, kündigte zum Amtsantritt Kürzungen in allen Bereichen an. Die UAAR fordert seither verstärkt, auch bei der Kirchenfinanzierung zu streichen. Es gehe dabei nicht nur um den fragwürdigen Steuerverzicht für die kirchlichen Immobilien, sondern auch um die 1,5 Milliarden Euro, mit denen der Staat die kirchlichen Religionslehrer bezahlt, um die eine Milliarde Euro der allgemeinen Kirchen- und Kultursteuer sowie um etwa 700 Millionen Euro für die katholischen Schulen und Universitäten, teilte die UAAR nun mit.

Monti - Bagnasco

Die Regierung Monti wird aufgrund der personellen Nähe zur katholischen Kirche auch als Regierung Bagnasco bezeichnet. | Foto: UAAR

In den vergangenen Wochen bestimmt insbesondere der Steuerverzicht, der 2006 auf Immobilien ausgedehnt wurde, die nicht ausschließlich kommerziell genutzt werden, die Debatten. Zum einen ermittelt die EU seit dem vergangenen Jahr, um zu klären, ob diese Privilegierung nicht gegen europäisches Recht verstößt. Zum anderen aber hatten Abgeordnete herausgefunden, dass die Kirche Immobilien, die offiziell als Priesterunterkünfte geführt wurden, inoffiziell als profitable „Bed and Breakfast"-Unterkünfte genutzt und so beträchtliche Gelder eingenommen hatte. Steuern hat sie aufgrund des genannten Verzichts nicht gezahlt. Diese sollen nun nachgezahlt werden und die Kirche scheint sogar bereit, dies zu tun, wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Die UAAR will die Aufmerksamkeit von dieser speziellen Problematik jedoch auf die grundsätzliche Frage der Kirchenfinanzierung lenken. De Grund sind die aktuellen Beratungen des italienischen Parlaments über das Haushaltsgesetz. Mit dem verstärkten Engagement will UAAR den italienischen Parlamentariern und der Öffentlichkeit Italiens finanzielles Kürzungspotential aufzeigen.

„Wir werden als Steuerzahler diskriminiert und wir wollen, dass dies alle sehen", sagte Carcano und ergänzte: „Es ist unglaublich, dass die katholische Kirche – der größte italienische Immobilien-Eigentümer – nicht aufgefordert wurde, das wirtschaftliche Opfer zu bringen, welches die italienische Situation derzeit erforderlich macht".

Mit den sechs Milliarden Euro aus öffentlichen Kassen könnte Italien nicht nur seine Verschuldung reduzieren, sondern auch in Forschung und Lehre investieren.