Freiburg unterm rosa Gummi
Im Februar dieses Jahres kam es im Rahmen der Mitgliederversammlung des Rosa Hilfe Freiburg e.V. spontan zu der Idee, eine Arbeitsgruppe Papstbesuch zu bilden. Ziel der Gruppe sollte sein, im Hinblick auf den im Herbst 2011 bevorstehenden Besuch des Papstes kritische Aktionen vorzubereiten. Im März konstituierte sich die Gruppe und alsbald schlossen sich ihr die Evolutionären Humanisten Freiburg e.V. an, so dass die Aktivisten sich fortan Aktionsbündnis FREIBURG OHNE PAPST nannten. Im weiteren Verlauf schlossen sich auch Studentinnen und Studenten und weitere Bürger an. Der Kreis der Aktiven blieb aber sehr überschaubar. Der Kontakt mit der Berliner Gruppe Der Papst kommt blieb ohne nennenswerte Impulse bis auf das Manifest der Berliner, an dem sich der Aufruf des Freiburger Bündnisses im wesentlichen orientierte. Dieser Aufruf sollte die Menschen zur Unterschrift auf unseren vielfach ausgelegten Unterschriftslisten bewegen.
Schnell einigte sich die Gruppe darauf, im stark katholischen Freiburg lieber auf kritische Diskussionen über Herrn Ratzinger und seinen Vatikan bzw. die katholische Kirche zu setzen, statt auf Demonstrationen, Kiss-ins, Flashmobs, aufgeblasene Riesenkondome oder Ähnliches – und zwar schon im Vorfeld des Besuchs. So entstand die Idee einer Veranstaltungsreihe aus Vorträgen mit Diskussion, Filmvorführung, Podiumsdiskussion, Streitgespräch sowie Infoständen an Samstagen in der Innenstadt.
Ein Bild muss her
Als Glücksgriff entpuppte sich der Entwurf eines Logos für das Bündnis: ein über den Freiburger Münsterturm gestülptes rosa Kondom. Dieses Zeichen drückte einen wesentlichen Teil der Kritik an der menschenfeindlichen Kondompolitik des Papstes und seiner Kirche aus. Es löste spontan viel Zustimmung und Begeisterung bei Antipäpstlern sowie die erwartete Empörung und Indignation bei Propästlern aus – eine notwendige Voraussetzung für die geplanten weiterführenden Diskussionen um Inhalte.
Weiße T-Shirts mit dem Logo auf Vor- und Rückseite waren denn auch gefragte Artikel, mit denen das Bündnis einen kleinen Teil seiner Kosten decken konnte. Ein anderer (Scherz-) Artikel, der ebenfalls reißenden Absatz fand (obwohl er nicht von uns stammte), waren die „Ratzefummel" mit dem Konterfei von Joseph Ratzinger und einer Art Heiligenschein. Laut Hersteller können sie dazu benutzt werden, die „kleinen" Sünden wegzuradieren. Man kann den „Fummel" von Ratze, den viele Insider der Kirche selbst für schwul halten (selbstverständlich verdrängt), allerdings auch anders deuten.

In der Freiburger Fußgängerzone machten die Aktiven der Initiative "Freiburg ohne Papst" auf ihre Positionen aufmerksam und stellten sich den Diskussionen | Foto: Sosein
Das Bündnis wird aktiv
Als äußeren Aufhänger für unsere Kritik an diesem Papst und seinen Besuch als angeblicher Staatsgast hatten wir seine vorgesehene Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Freiburg genommen. Um diese zu verhindern, sammelten wir seit April Unterstützung und Unterschriften von Menschen, sowie Unterstützung von Organisationen – wohl wissend, dass wir den Eintrag nicht verhindern konnten. Dies vor allem, nachdem Oberbürgermeister (OB) Dieter Salomon zu Jahresbeginn vollmundig erklärt hatte, „ganz Freiburg" freue sich auf den Besuch, denn er sei „die höchste Ehre und Anerkennung" für die Stadt. Demgegenüber verwies das Aktionsbündnis auf die menschenverachtende Geschlechter- und Sexualpolitik des Herrn Ratzinger, auf seine demokratiefeindlichen Äußerungen und Positionen sowie auf die Wiederzulassung der den Holocaust leugnenden Pius-Brüder. Solch einem ehrlosen Menschen, so das Aktionsbündnis, stünde die Ehre der Eintragung ins Goldene Buch nicht zu. Immerhin gelang es, fast ein Viertel aller Stadträte, darunter besonders viele aus der Fraktion des OB (B90/Die Grünen), als Unterstützer unseres Anliegens zu gewinnen.
Bereits der erste öffentliche Auftritt von FREIBURG OHNE PAPST anläßlich des „Mittsommernachtstisches" im Juli in Freiburg offenbarte ein sehr großes Interesse für unser Anliegen. Wir konnten über vierhundert Unterschriften an einem Abend einsammeln und außerdem die ständige Bekundung, dass wir ein Bedürfnis befriedigten. Ähnlich groß war der Zuspruch bei unseren Informationsständen an drei Samstagen im September in der Freiburger Innenstadt. Auch dabei wurde deutlich, dass viel Widerspruch gegen den Papst und seine Positionen existiert, häufig auch unter Katholiken.
Publikumsmagnet Veranstaltungsreihe
Ein großer Erfolg wurde unsere Veranstaltungsreihe. Fast 2.500 Gäste konnte das Aktionsbündnis für sein Programm interessieren. Zahlenmäßig am meisten Zuspruch fand das eintrittsfreie Streitgespräch zwischen dem katholischen Theologieprofessor Dr. Dr. Bernhard Uhde (Freiburg) und dem atheistischen Philosophen (und promovierten evangelischen Theologen) Dr. Dr. Joachim Kahl (Marburg): das Audimax der Universität platzte aus allen Nähten. Den Besucherrekord unter den kostenpflichtigen Veranstaltungen erzielte Prof. Dr. Uta Ranke-Heinemann mit ihrem Vortrag Mit Benedikt zurück ins Mittelalter. Die Comic-Lesung von Ralf König Gottes Werk und Königs Beitrag war ebenfalls ausverkauft. Aber auch die Podiumsdiskussion mit sechs namhaften Teilnehmern und der Vortrag von Alan Posener Der gefährliche Papst fanden in vollen Häusern statt. Ähnlich stark war das Interesse an dem Spielfilm Prayers for Bobby(USA 2009) und an der sich daran anschließenden Diskussion. Nicht unerwä

Fast 2.500 Personen kamen zur Veranstaltungsreihe des Bündnisses "Freiburg ohne Papst" | Foto: Sosein
hnt bleiben soll, dass wir für drei Veranstaltungen auf unseren Antrag hin sogar einen Zuschuß aus einem Bildungstopf der Stadt erhielten. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Erzbischof Robert Zollitsch auf unsere sehr frühzeitige Einladung als Teilnehmer des Podiumsgesprächs mitteilen ließ, dass niemand vom erzbischöflichen Ordinariat Zeit hätte, für die katholische Kirche an der Podiumsdiskussion teilzunehmen.
Nachdem uns ein fristgemäß beantragter Infostand für den 24. September drei Monate lang von der Stadt Freiburg verweigert worden war, wurde der Stand schließlich im Eilverfahren doch noch genehmigt – und zwar mit auffälliger Großzügigkeit, allerdings erst nachdem DIE ZEIT und Der Spiegel sich wiederholt bei der Stadt nach ihrer Verweigerungshaltung erkundigt hatten! Parallel dazu entdeckte der grüne Oberbürgermeister Salomon kurz vor dem Papstbesuch und ebenfalls erst nach intensiver Nachfrage der Medien, dass er Verständnis für Antipapstproteste habe und sogar viele Positionen der katholischen Kirche für „gelinde gesagt diskussionswürdig" erachte (diesseits berichtete). Diese späte Erkenntnis hinderte ihn aber nicht daran, sich beharrlich zu weigern, die mittlerweile gesammelten über 5.000 Unterschriften entgegen zu nehmen. Er verwies diesbezüglich auf die Kirche als die angeblich zuständige Adresse und genierte sich nicht, sich bei der versuchten Übergabe hinter einer Panzerglastür mit Polizeiposten zu verbarrikadieren! Das Bündnis fand dies sehr aufschlußreich im Hinblick auf das Verständnis des promovierten Politologen (!) von demokratischer Meinungsäußerung und auf frühere Äußerungen, dass er der OB „aller" Freiburger sein wolle.
Reaktionen auf die Papst-Protestler

Die Medien im ansonsten vorwiegend katholischen Baden-Württemberg interessierten sich für die Papstprotestler | Foto: Sosein
Eine ganz besondere Erfahrung des Aktionsbündnisses war auch die Reaktion der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten, die von uns angeschrieben worden waren. Es gab nur drei Antworten: der stellvertretende CDU-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, Winfried Mack, beschied uns, dass er auf so „dümmliche" Schreiben nicht antworte. Die grüne Direktmandatsträgerin aus Freiburg teilte mit, dass sie sich die Papstrede im Bundestag anhören wolle. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange zählte gar fünf Themen auf, zu denen er Antworten des Papstes im Bundestag erwarte (die selbstverständlich alle von Herrn Ratzinger nicht erwähnt wurden). Alle anderen Abgeordneten, darunter der frühere Staatssekretär im Außenministerium und Direktmandatsträger der SPD aus Freiburg, Gernot Erler, hielten es offenbar nicht für opportun, sich zu der Frage zu äußern, wie sie es mit dem Papstbesuch halten wollten. Deutlicher läßt sich kaum belegen, dass die Abgeordneten ebenso wie ihre Parteien viel zu feige sind, sich gegen Kirche auszusprechen, weil sie um die Stimmen kirchen-christlicher Wähler bangen. Allerdings fungierten zugleich zwei Bundestagsabgeordnete der Grünen, Kerstin Andreae und Till Seiler, sowie die Bundestagsabgeordnete Karin Binder (Die LINKE) als Unterstützer des Aktionsbündnisses.
Über das Medienecho konnte sich das Aktionsbündnis insgesamt nicht beklagen. Es fanden viele Interviews mit Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie mit Zeitungen und Zeitschriften statt, was allerdings nicht immer hieß, dass diese auch ausführlich wiedergegeben worden wären. Insgesamt stellten wir fest, dass sehr viel Zurückhaltung gegenüber der Kirche und „Rücksichtnahme" auf deren Empfindlichkeit stattfand. Von der Badischen Zeitung wurde uns sogar eine bezahlte Anzeige in der Wochenendbeilage zum Besuchswochenende „mit Rücksicht auf die katholische Kundschaft" des Blattes verweigert (diesseits berichtete). Der Anzeigentext lautete: „Wir danken den Tausenden, die uns unterstützt haben." Das war also schon zu viel. Auch unsere Veranstaltungsplakate wurden in der Vorverkaufsstelle der Zeitung nicht aufgehängt!
Wie war es eigentlich beim Papst, Herr Voßkuhle?

Papst Benedikt XVI. wird vom Freiburger Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, begrüsst. | Foto: Wici via wikimedia commons
Von herausragendem öffentlichem Interesse wäre prinzipiell die Begegnung des Papstes mit dem Bundesverfassungsgericht gewesen. Unser höchstes Verfassungsorgan hatte sich von Herrn Ratzinger vorladen lassen (diesseits berichtete) und sein Präsident bezeichnete die Begegnung denn auch pflichtschuldig als „Audienz" (sic!). Bedarf es noch weiterer Beweise dafür, wie dieses Verfassungsorgan – immerhin die höchste Autorität unserer Republik in Verfassungsfragen – sein Zusammentreffen mit dem Papst sieht? Bezeichnend ist, dass über diese Unterredung kein Wörtchen verlautbart wurde, in keinem Medium, und dass auch niemand danach fragte, was dort verhandelt wurde! Im Osservatore Romano, dem Hausblatt des Vatikans, war zwar sonst jedes Wort und jedes Gebet des Papstes wiedergegeben worden, kein Wort jedoch über die Begegnung mit den Verfassungsrichtern! Hier besteht u. E. eine demokratische Pflicht, nach den verhandelten Inhalten zu fragen. Aber bezeichnenderweise scheint sich dazu niemand motiviert oder in der Lage zu fühlen. Man hat das Thema bereits ad acta gelegt.
Ein großer Dank des Bündnisses geht überraschenderweise an Frau Merkel und Herrn Ratzinger. Ohne Frau Merkels Idee, Herrn Ratzinger als Staatsgast einzuladen (um innerparteiliche Wogen zu glätten) und ohne Herrn Ratzingers Äußerung im Freiburger Konzerthaus, die Kirche solle ihren „Verzicht auf materielle und politische Privilegien" erklären (welche die deutschen Bischöfe brüskierte), wäre das brisante Thema der Trennung von Staat und Kirche/Religion sicher nicht ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gehoben worden.
Ein positives Fazit
Nach einem halben Jahr intensiver und fruchtbarer Zusammenarbeit fiel es einigen Aktivisten schwer, Abschied zu nehmen vom temporären Aktionsbündnis FREIBURG OHNE PAPST. Ein Ergebnis der gemeinsamen Arbeit war für viele die Entdeckung einschlägiger Bücher und, dass es eine Reihe von Verbänden, Initiativen, Stiftungen u.ä. gibt, die bereits seit längerem für eine Trennung von Staat und Kirche tätig sind. Für diejenigen, die an dieser Thematik weiter arbeiten wollen, erscheint es daher sinnvoll, entsprechende Kräfte an anderer Stelle zu unterstützen. Ob dies in größerer Zahl gelingen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin wurde der Blick für die verfassungsrechtliche Problematik des Themas sowohl bei den Aktivisten, als auch bei vielen Gesprächsteilnehmern bei Veranstaltungen und Infoständen erheblich geschärft. Ganz unabhängig von den schönen äußeren Erfolgen des Bündnisses war es ein großer Gewinn für alle Aktivisten, eine so intensive, vertrauensvolle, engagierte gemeinsame Arbeit erlebt und dadurch erfahren zu haben, wie befriedigend und erfolgreich Zusammenarbeit sein kann.








