Direkt zum Inhalt

Frauen- und Menschenrechtsorganisationen fordern mehr Engagement im Kampf gegen Genitalverstümmelung

Die Stiftung Weltbevölkerung und das Netzwerk zur Überwindung der Genitalverstümmelung INTEGRA fordern am heutigen Internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung ein engagierteres Vorgehen gehen die grausame Praxis, von der jedes Jahr drei Millionen Mädchen betroffen sind.
Montag, 6. Februar 2012
Grafik Genitalverstümmelung

Grafik: Stiftung Weltbevölkerung

Insgesamt sind Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge weltweit bis zu 140 Millionen Mädchen und Frauen, vor allem in afrikanischen Ländern wie Somalia, Ägypten, Sudan, Äthiopien, Guinea, Eritrea und Mali, von Genitalverstümmelung betroffen. Die meisten seien zum Zeitpunkt des Eingriffs nicht einmal 15 Jahre alt, teilte die Stiftung Weltbevölkerung mit. Bei der grausamen Praktik der Genitalverstümmelung, die in vielen Kulturen als wichtiges Initiationsritual gilt, wird die Klitoris teilweise oder vollständig entfernt. In besonders gravierenden Fällen wird die Vagina zugenäht und nur eine kleine Öffnung belassen. Meist wird der Eingriff von Laien, ohne Narkose und mit einfachen Hilfsmitteln wie Glasscherben oder Rasierklingen durchgeführt. Für die Frauen und Mädchen bedeutet die Genitalverstümmelung neben lebenslangen Traumata oft Infektionen, Blutungen und Komplikationen bei der Geburt, die zum Tod führen können. Am heutigen Internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung machen verschiedene Organisationen auf diese Fakten aufmerksam.

Die Geschäftsführerin der Stiftung, Renate Bähr, betonte, dass es höchste Zeit sei, „dass die Regierungen in den betroffenen Ländern entschieden gegen die grausame Praktik vorgehen.“ Es stehe aber auch die internationale Gemeinschaft in der Pflicht, denn seit 1993 gilt die Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung. „Ihre Abschaffung steht zwar längst auf der internationalen Agenda, aber den Worten müssen nun endlich auch Taten folgen”, sagte Bähr. Neben der öffentlichen Verurteilung der grausamen Praxis müssten Aufklärungskampagnen entwickelt werden, um „sinnvolle Alternativen zu dem grausamen Initiationsritual aufzuzeigen“ führte Renate Bähr weiter aus.

Das bundesweite Netzwerk zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung INTEGRA forderte die Bundesregierung zum Handeln auf. In Deutschland seien mehrere tausend Mädchen aus Einwandererfamilien der Gefahr ausgesetzt., „in Deutschland oder während eines Aufenthalts im Heimatland der Eltern an ihren Genitalien beschnitten zu werden.“ Es sei daher dringend notwendig, einen Nationalen Aktionsplan zum wirksamen Schutz gefährdeter Mädchen zu erstellen. Solche Aktionspläne oder Präventionsprogramme gibt es u.a. bereits in Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz.

Bereits 2009 war unter der Federführung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Beendigung weiblicher Genitalverstümmlung gegründet worden, die gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Mädchen in Deutschland und in den Herkunftsländern entwickeln sollte. Das BMZ zog sich jedoch schon 2010 aus der Koordinierung der Bund-Länder-AG zurück. Integra fordert dringend die sofortige Wiederaufnahme der Arbeitsgruppe und die Umsetzung des Parlamentsbeschlusses. Der Schutz gefährdeter Mädchen dürfe nicht dem Sparzwang zum Opfer fallen, sagte Integra-Sprecherin Barbara Schimmel vom katholischen Hilfswerk Misereor:

Wir können nicht zulassen, dass Mädchen hierzulande oder im Ausland an ihren Genitalien verstümmelt werden und für ihren Schutz verantwortliche deutsche Politikerinnen und Politiker weitgehend tatenlos zusehen. Neben einer gesetzlichen Verankerung braucht es vor allem aktive Prävention.

Aktuelle Information zur weiblichen Genitalverstümmelung in den einzelnen Staaten weltweit finden Sie hier.