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Begriffsklärung: Humanistisches Judentum

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Ist die religiöse Kategorie des Judentums mit den humanistischen Werten vereinbar? Humanisten debattieren seit einer knappen Woche im Forum der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) angeregt diese Frage.
Dienstag, 7. Februar 2012
Menora Jerusalem

Menora vor der Knesset in Jerusalem | Foto: Thomas Hummitzsch

Kann es ein Humanistisches Judentum geben? Und wie wäre dieses inhaltlich zu greifen bzw. zu definieren? Die Gesellschaft für Humanistisches Judentum (Society für Humanistic Judaism, SHJ), die 1963 von Rabbi Sherwin Wine in Michigan gegründet wurde, bietet den Anlass für die Debatte. Auf ihrer Homepage heißt es, dass unter der „mensch-zentrierten" Philosophie des Humanistischen Judentums eine „nichttheistische Alternative eines zeitgemäßen jüdischen Lebens" zu verstehen sei, in dem die jüdische Kultur und Identität mit humanistischen Werten und Ideen in Einklang stehe. Skeptische Humanisten fragten daraufhin, ob sich das Konzept des humanistischen Judentums eher am säkularen Humanismus oder vielmehr an einer religiösen Form, wie dem vom Vatikan ausgerufenen „christlichen Humanismus", orientiere?

Eine erste Orientierung, worum es sich bei einem jüdisch geprägten Humanismus handeln könnte, bietet die von Dr. Horst Groschopp erstellte und gerade veröffentlichte Liste zum Wortgebrauch von ‚Humanismus' in deutschsprachigen Texten. Hier liest man unter der Begriffspaarung Jüdischer Humanismus:

Im Gegensatz zum /hebräischen Humanismus eine eher selten verwendete, dann sehr oft im Zusammenhang mit atheistischen Positionen benutzte Bezeichnung, meist auf jüdische Intellektuelle (Karl Marx) und Theaterfiguren (Lessing: „Nathan der Weise", „Die Juden") angewendet, die kulturell von großem Einfluss waren bzw. als Beispiele der Humanität und Toleranz galten (/ethischer Humanismus).

Wie die säkulare Form einer ursprünglich religiösen Identität zu verstehen sei, ist eine immer wieder aufkommende Frage, die sich jedem spätestens dann stellt, wenn er sich Israel und den politisch-gesellschaftlichen Realitäten im jüdischen Staat auseinandersetzt (vgl. diesseits 3-2011). Dabei ist die Tatsache, dass sich Menschen zum Judentum zugehörig fühlen und zugleich nicht gläubig und damit jüdisch-religiös sind, keine Seltenheit. Das aus humanistischer Perspektive bekannteste Beispiel stellt zweifellos der Humanist Stefan Zweig dar, der in diesem Jahr seinen einhundertsten Geburtstag feiern würde. Zweig bekannte sich stets zu seiner fehlenden Gottesgläubigkeit und vertraute vielmehr auf die Vernunft des Menschen. In Israel wächst die Gruppe derjenigen stetig, die sich als religionslose, jüdische Israelis registrieren lassen wollen. Kürzlich hatte der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk diese Form der Trennung von Staat und Kirche in Israel auf lokaler Ebene gerichtlich durchgesetzt. Man könne durchaus zur jüdischen Nation gehören, ohne zugleich der jüdischen Religion anzugehören, urteilten die Tel Aviver Richter. Vor dem Obersten Gerichtshof scheiterte Kaniuk aber im Dezember. Nach Ansicht der Richter betreffe Kaniuks Wunsch, als religionsloser Jude registriert zu werden, kein allgemeines Interesse oder grundsätzliches Problem, welches gelöst werden müsse.

Jüdische Skeptiker ?

Eine der vielen diskutierten Fragen: Sieht man einem skeptischen Juden sein Jüdisch-Sein an? | Foto: Thomas Hummitzsch

Der Gründer der o.g. Gesellschaft, Sherwin Wine, wurde 2003 vom amerikanischen Humanistischen Verband (American Humanist Association, AHA) als Humanist des Jahres geehrt. Wine war in der internationalen humanistischen Szene schon Jahre zuvor bekannt wie ein bunter Hund, da das Konzept des von ihm vertretenen humanistischen Judentums auf Konferenzen und Tagungen immer wieder für Überraschungen sorgte. Auch in anderen Staaten gibt es Verbindungen zwischen säkular-jüdischen und humanistischen Gruppen. Dies ist etwa in Russland der Fall, wo die Säkular-Humanistischen Juden mit der Russischen Humanistischen Gesellschaft kooperieren. In Polen sei ein Gründungsmitglied der Humanistischen Gesellschaft zugleich ein (nicht-jüdisches) Mitglied einer Bewegung des Reformjudentums. Problematisch sei dies nicht, schließlich teile die betreffende Person weiterhin die Werte der Polnischen Humanisten, so der Vorsitzende Andrzej Dominiczak. Und in Belgien ist das Zentrum der laizistisch-jüdischen Gemeinschaft (CCLJ) Mitglied der landesweiten laizistischen Bewegung (Centre d'Action Laïque, CAL).

Innerhalb der jüdischen Community ist die säkular-atheistische Form des Jüdischseins durchaus keine Seltenheit. So äußerte die Präsidentin der Humanisten in Island (Sidmennt), Hope Knutson, während der Diskussion, dass er als Kind eines säkularen jüdischen Elternhauses fast ausschließlich Juden kenne, die säkular bzw. atheistisch eingestellt seien. „Einer der wichtigsten Werte unter ethnischen Juden ist der Skeptizismus sowie die Fähigkeit, alles infrage zu stellen", begründete Knutson die Nähe von jüdischer Identität und Säkularismus. Dem Einwand, viele dieser säkularen Juden würden religiöse Rituale praktizieren, wurde immer wieder entgegengesetzt, dass dies eher auf die Intention, eine Tradition zu bewahren, zurückzuführen sei und nicht auf ein religiöses Zugehörigkeitsgefühl.

Einige der diskutierenden Humanisten schlagen als passenderen Terminus einen hebräischen Humanismus vor – um die religiöse Fixierung des Begriffs Judentum als die „Religion jüdischer Menschen" zu umgehen. Groschopp würde hier nicht einmal widersprechen, wenngleich sich dieses Begriffspaar als ein „auf die zionistischen Bestrebungen bezogener Begriff von Martin Buber" lexikalisiert hat, demzufolge das Judentum „nicht als Aktivierung der religiösen und kulturellen Traditionen" zu betrachten ist. Aber trägt dieses Konzept? Bleibt ein jüdischer Rabbi nicht ein ebensolcher religiöser Funktionär, wie es ein katholischer Priester oder ein muslimischer Imam ist? Der in Großbritannien lehrende, iranische Professor für Umwelttechnologie Dabir H. Tehrani spitzte diese Frage zu, indem er sagte, dass ein humanistischer Rabbi für ihn ebenso widersprüchlich sei, wie ein humanistischer Ayatollah.

Es stellt sich daher die Frage, wie man Judentum definitorisch fasst, um Begriffe wie Humanistisches Judentum entsprechend einordnen zu können. Hierfür scheint es angebracht, Jüdischsein weniger mit einer religiösen Bindung zu assoziieren – wenngleich diese natürlich nicht ausgeschlossen ist – sondern vielmehr als anthropologische und politische Kategorie aufzufassen. Der ebenfalls säkular-jüdische Präsident der Humanisten in Argentinien (AEHA), Hugo Daniel Estrella, schlug daher vor, Jüdischsein mit Schwarzsein oder Homosexualität gleichzusetzen, um die ethnische und politische Dimension und Kategorisierung zu verdeutlichen. Dies stieß nicht bei allen auf Zustimmung. Insbesondere der Vergleich mit Schwarzen ist ein schwieriger, birgt er doch die Konnotation, es gebe eine jüdische Rasse. Denn während man Schwarzen ihr Schwarzsein ansieht, kann man Juden ihr Jüdischsein nicht ansehen (abgesehen von einigen kulturellen Habitus, wie dem Tragen einer Kippa o.ä.). Estrella machte in einem späteren Kommentar aber noch einmal deutlich, dass es ihm nicht um einen solchen „rassischen" Vergleich ging, sondern um die persönliche Identität, um das Gefühl, zu den aufgrund ihrer Herkunft Unterdrückten und Verfolgten dazuzugehören und um aus diesem Gefühl heraus eine politische Haltung zu entwickeln.

Judentum - Praxis oder Kultur

Gebet an der Klagemauer - Religiöse Praxis oder Kulturelles Ritual? Das Judentum ist schwer zu greifen | Foto: Thomas Hummitzsch

Grundsätzlich ist nicht anzuzweifeln, dass an die ethnische, von außen herangetragene und von innen bestätigte, jüdische Identität deutlich mehr gekoppelt ist, als nur eine religiöse Zugehörigkeit – schon allein aus historischen Gründen. Dazu gehört neben der eingangs bestätigen Staatsangehörigkeit der Israelis offenbar auch die Pflege einer jüdischen Kultur, die zweifellos ihre Wurzeln in der Religion hat. Glaubt man aber den Befürwortern eines säkular-humanistischen Judentums, hat sich die jüdische Kultur die religiösen Riten einverleibt und diese von ihrer religiös-dogmatischen Semantik gelöst. Diese Rituale seien jetzt ein verbindendes Kulturgut ohne tatsächlichen Gottes- bzw. Religionsbezug. Andererseits: Gläubigkeit ist in der jüdischen Religion nicht Priorität. Viel wichtiger für die Religiosität ist die Praxis der gemeinschaftlichen Rituale – wie übrigens auch im Islam. Ist die rituelle Praxis – sei es das Einhalten jüdischer Feiertage im konkreten Fall oder der Besitz eines Weihnachtsbaumes in einer christlich geprägten Gesellschaft – also eher eine kulturelle oder eine religiöse Handlung? Oder anders gefragt: Ist Religion nicht zugleich auch Kultur? Und damit verbunden: Pflegen Humanisten und Freireligiöse Rituale wie Namens- und JugendFEIERn, Hochzeiten oder Trauerzeremonien nicht auch als kulturelle Akte der Selbstvergewisserung und Identifikation?

Schlussendlich scheint doch alles eine Frage der Identität, die oft nicht so eindimensional ist, wie sie Mensch manchmal gern hätte. Denn wer trägt schon nur eine Identität mit sich herum? „Du kannst jüdisch und Kommunist und homosexuell und Bright und Polnisch sein – und am Ende ist es ganz einfach, einen humanistischen Juden zu definieren", erklärte mit einem Augenzwinkern der Schweizer Rationalist Michel Naud. Hope Knutson aus Island ergänzte den Aspekt noch um die zeitliche Dimension:

Wenn jetzt jemand käme und mich nach meiner Identität fragen würde, bekäme er eine lange Liste von mir, auf der stünde: Humanist, Atheist, Mutter, Ehefrau, Freundin, Aktivistin, Psychiaterin und Immigrantin mit amerikanischen, russischen, polnischen, ungarischen, deutschen und säkular-jüdischen Wurzeln. Und zuletzt auch Isländerin. Aber wenn man mich in einem Jahr fragt, dann sähe die Reihenfolge auf meiner Liste möglicherweise ganz anders aus.

Zentral für Humanisten sei doch letztlich, dass sie die fundamentalen Prinzipien des Humanismus, auf die sich 2002 die Delegierten der Mitgliedsorganisationen der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) verständigt hatten, achten und mit Leben füllen, „unabhängig davon, ob ihre persönliche Identität mit jüdischen, muslimischen, christlichen, buddhistischen oder anderen Wurzeln angereichert ist", meint Dabir E. Tehrani. Was heißt das nun für das humanistische Judentum oder den jüdischen Humanismus? Er sei ganz einfach „ein Humanismus mit jüdischem Aroma", sagte der langjährige AHA-Vorsitzende Edd Doerr.