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„Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich an dem Umgang mit den Sterbenden“

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Ein Bericht von einer Fachtagung des HVD Berlin-Brandenburg und der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Sterben in einer Migrationsgesellschaft
Dienstag, 14. Februar 2012
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"Am Lebensende fern der Heimat" - Unter diesem Motto diskutierten 130 Teilnehmer/-innen letzte Woche in Berlin über das Sterben in einer Einwanderungsgesellschaft | Foto: Antje Henke

Sterben in der Migration. Der Vater oder die Mutter, die Frau oder sogar das Kind. Nicht wie geplant zu Hause, sondern fern der Heimat. Eigentlich wollten die wenigsten Zuwanderer in Deutschland alt werden. Sie kamen, um hier zu arbeiten und dann zurück in ihr Heimatland zu gehen. Irgendwann. Mittlerweile leben 1,4 Millionen Menschen der über 65-Jährigen mit einer Migrationsgeschichte in Deutschland, davon unter anderem 170.000 Türken, 130.000 Polen, 106.000 Russen und 130.000 Asiaten − Menschen, auf deren kulturspezifischen Bedürfnisse sich die Pflege, die medizinische Versorgung und die Sozialdienste zunehmend einstellen müssen.

„Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich an dem Umgang mit den Sterbenden", so brachte es der Migrationsforscher Prof. Philip Anderson, auf der Fachtagung Am Lebensende fern der Heimat − Tod und Sterben in einer Migrationsgesellschaft, die vom 9. bis zum 10. Februar 2012 in der Friedrich-Ebert-Stiftung stattfand, auf den Punkt. „Aber viele Migrantinnen und Migranten − insbesondere die älteren − fühlen sich in Deutschland nicht integriert. Und das fehlende Gefühl dazuzugehören, führt zum Rückzug und schließlich zur Einsamkeit. Auch beim Sterben", so Anderson weiter. Das sei ein großes Problem. Vor allem ältere Frauen, die immer gearbeitet hätten, seien hier besonders betroffen. Zudem seien Altersarmut, die schlechten Erfahrungen beim Erlernen der deutschen Sprache, die lückenhaften Netzwerke zu professionellen Sprachmittlern, die knappe Zeit und die fehlende kulturspezifische Sensibilität im Pflegebereich weitere Schwierigkeiten.

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Luise Rürup, die Leiterin der Abteilung Politik und Gesellschaft bei der FES, eröffnete die Tagung | Foto: Antje Henke

"Neben der deutschen Sprache vergessen die Leute im Alter einfache Verkehrszeichen oder die Apotheke an der Ecke", berichtete Derya Wrobel, vom Sozialverband VdK Berlin-Brandenburg, die seit 2003 demenzkranke, türkische Gastarbeiter der ersten Generation betreut und das Projekt IdeM, der bundesweit ersten Informations- und Beratungsstelle für dementiell erkrankte Migrant/-innen, leitet. „Auch wenn Menschen hier über 40 Jahre gelebt haben, sind ihre Erinnerungen nur oft aus der frühen Jugendzeit. Und die war häufig in der Türkei", so Wrobel. Sie betonte zudem, dass die Arbeit mit erkrankten Migranten und deren Angehörigen oft eine Gratwanderung sei, denn unter den Muslimen würde Demenz als „Gottesstrafe" angesehen. Viele der betroffenen Familien zögen sich daher zurück. Als Ursache erklärte sie, dass viele türkische Familien die Krankheit nicht kennen und wenig Information über das deutsche Gesundheitssystem und entsprechende Unterstützungsleistungen haben würden.

Daher werden die bestehenden Institutionen nicht aufgesucht. Erst wenn der Notfall einträte, würde oft erst der Arzt kontaktiert werden. „Hier spielt die kulturelle Besonderheit eine große Rolle. Familienmitglieder haben Angst davor, dem Vater oder der Mutter nicht helfen zu können. Sie gehen von Arzt zu Arzt, was natürlich hohe Kosten im Gesundheitssystem verursacht", sagte Ulrika Zabel, Leiterin des Kompetenz-Zentrums Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe. Man müsse die Familie mit den Patienten als gesamtes System begreifen, forderte daher Zabel. „Bei vielen Einwanderern stehen individuelle Bedürfnisse oft nicht im Vordergrund. Erst wenn wir lernen, die Familienmitglieder in der Betreuung und schon in der Anamnese einzubeziehen, können wir einen vertrauensvollen Zugang zum Patienten schaffen."

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 Podiumsdiskussion am 2. Veranstaltungstag: (v.l.) Ülker Radziwill, Sozialpolitische Sprecherin der Berliner SPS-Fraktion, Dr. Oliver Henke, Moderator, Ulrika Zabel, Leiterin des Kompetenz-Zentrums Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe, Ulrike Dausel, Humanistische Beraterin | Foto: Antje Henke

Aber neben den ganzen Problemen, die die Referenten In-Sun Kim, Leiterin des interkulturellen Hospizdienstes beim HVD Berlin-Brandenburg Don Ban Ja, der Migrationsforscher Anderson, Derya Wrobel, die Humanistische Beraterin Ulrike Dausel und Ulrika Zabel auf der Tagung ansprachen, gibt es auch ein Erfolgsmodell. So zeigte Derya Wrobel, dass bestehende Pflegeinstitutionen, die sich auf kulturelle Bedürfnisse einlassen, auch funktionieren können. Wrobel kam vor neun Jahren auf die Idee, die Moschee als Ort der Aufklärung über Demenz zu nutzen und Frauen als Multiplikatorinnen einzusetzen die „Mund zu Mund" über die Krankheit aufklären und das Projekt empfehlen. Das gemeinsame Zusammensein bei Festen, zum Beispiel Ramadan, wurde und wird genutzt, um viele Menschen zu erreichen. Das sind gute Gelegenheiten, um das Projekt IdeM vorzustellen und Tabuthemen auszusprechen. Heute gibt es erfolgreiche Demenzwohngemeinschaften in Berlin, wo türkische Gastarbeiter der ersten Generation leben. „Wir betonen, dass es sich um keine Pflegeeinrichtung handelt, sondern um eine Wohnung im Westteil der Stadt", so Wrobel. Hier arbeiten Pflegerinnen und Pfleger mit türkischem Hintergrund. Sie sprechen die Sprache, singen ihre Lieder und zu Essen gibt es kulinarisches aus der Heimat.

„Kulturell bedingt, kümmern sich oft die Kinder um ihre Eltern oder um Onkel und Tante, dies wird sich künftig ändern", betonte Aydan Özuguz, Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. Viele Migrantinnen und Migranten haben keine Großfamilien mehr in Deutschland. Hier müsse sich die Politik stärker darum kümmern, dass sich die bestehenden Institutionen im Gesundheitssystem auf die kulturellen Bedürfnisse von Migranten einstellen. Zudem müssten Wege gefunden werden, das Gesundheitssystem leichter für Menschen mit Einwanderungserfahrungen verständlich und damit zugänglich zu machen. Der Wandel vollziehe sich hier zwischen den Generationen. Die erste Generation der Gastarbeiter stehe vor anderen Bedingungen als die zweite und dritte Generation, die in Deutschland bereits viel besser integriert seien.

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Der ehemalige Vize-Kanzler Franz Müntefering hatte auch einigers zur Debatte beizutragen | Foto: Antje Henke

Immer wieder wurde Geduld und Zeit gefordert. Seitens der Fachreferenten, der Politiker und auch von den etwa 130 Tagungsteilnehmern. Geduld für Migranten, sich mit dem bestehenden Gesundheitssystem auseinanderzusetzen, und mehr Zeit für Sozialarbeiter, Pflegekräfte und die Ärzteschaft, sich auf die kulturellen Bedürfnisse einzulassen. „Eine Möglichkeit könnte die Patientenverfügung sein. Migrantinnen und Migranten könnten sich so in ihrer Sprache Recht verleihen", sagte Ülker Radziwill, die Sozialpolitische Sprecherin der Berliner SPD-Fraktion und Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Migration ist. Das Problem des „Ärztehoppings" sei der Politik bekannt. Die Kosten für das Gesundheitssystem seien dadurch enorm. Dass man die Qualität einer Gesellschaft auch daran messen kann, was bei der Abschiedskultur getan wird, betonte der SPD-Bundestagsabgeordnete und Alt-Vizekanzler Franz Müntefering. Die Politik hoffe hierbei auf weitere Impulse seitens der Experten aus der Pflege und der Sozialarbeit.