Religionssoziologe: Zensus 2011 bringt keine präzisen Ergebnisse
Der Religionssoziologe Nils Friedrichs hat die in der Volkszählung 2011 verwendeten Fragestellungen zu Religionen und Weltanschauungen kritisiert. Durch die im Auskunftsbogen erscheinenden Fragen „wird eines bestimmt nicht erreicht: eine präzise Erfassung der religiösen Landschaft in Deutschland", sagte Friedrichs. Die Folge ist, dass bis voraussichtlich Ende 2022 politische Maßnahmen in einem wichtigen Themenbereich ohne verlässliche Daten auskommen müssen.
Im Fokus seiner Kritik stehen die Fragen 7 und 8, mit der offizielle Mitgliedschaften in öffentlich-rechtlichen Körperschaften (Frage 7) sowie religiöse oder weltanschauliche Bekenntnisse (Frage 8) erfasst werden sollen. Während die Mitgliedschaft in einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft angegeben werden muss, unterliegt die Angabe, ob die befragte Person sich auch zu dieser bekennt, einer freiwilligen Entscheidung. Warum die Frage 8 überhaupt in den Fragebogen aufgenommen wurde, erklärt Friedrichs, der Mitglied der Graduiertenschule des Exzellenzclusters „Religion & Politik" an der Universität Münster ist, so:
Das Bundesamt für Statistik will mit der Bekenntnisfrage mehr über die religiöse Zugehörigkeit derjenigen erfahren, die keiner öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaft angehören. Es erhofft sich verlässliche Daten zu den Befragten, deren Religionsgemeinschaft nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzt.
Dazu zählen beispielsweise auch Muslime, Buddhisten oder Hinduisten oder konfessionsfreie Menschen. Aus soziologischer Sicht seien dagegen Einwände zu erheben, meint Friedrichs:
Denn die formale Zugehörigkeit lässt erst einmal keine Rückschlüsse auf einen Glauben zu. Ein Bekenntnis setzt aber genau diesen in gewissem Maße voraus. Oder anders ausgedrückt: Wer einer Glaubensgemeinschaft angehört, muss sich nicht zwangsläufig auch zu ihr bekennen.
Das ist in den Situationen denkbar, wo Menschen der Arbeitsstelle wegen oder um des Familienfriedens willen solch eine Mitgliedschaft behalten, obwohl sie die kirchlichen Ansichten nicht teilen. Allein die Wohlfahrtsverbände Diakonie und Caritas zählen zusammen ohne Berücksichtigung von einigen Hunderttausend Auszubildenden, Honorarkräften und Zivildienstleistenden knapp eine Million Arbeitnehmer, die sich sicherlich ganz überwiegend nicht aus Alleinstehenden rekrutieren und Verantwortung für ein familiäres Einkommen haben.
Durch das Raster fallen somit etwa Atheisten, die eine formale Mitgliedschaft in einer Glaubensgemeinschaft besitzen. Dabei kann es auch zu sehr speziellen Konstellationen kommen. So erklärte der Journalist Reinhard Jellen im Interview mit hpd-Chefredakteur Carsten Frerk über Kirchenfinanzen und Staat:
Ich bin Mitglied der katholischen Kirche, weil diese für mich die höchste Ausdrucksform von Atheismus ist.
Da nun Muslime und viele andere Menschen bei der Frage 7 keine Zugehörigkeit angeben können, "werden sie Frage 8 eventuell doch primär als Zugehörigkeitsfrage interpretieren. Damit würde die Bekenntnisfrage beim Christen- und Judentum etwas anderes messen als beim Islam, Hinduismus und Buddhismus."

Ein präzises Bild der religiösen und weltanschaulichen Landschaft in Deutschland vermag der Zensus 2011 nicht zu liefern, sagt Religionssoziologe Niels Friedrichs von der Uni Münster.
Friedrichs kritisiert auch die Gleichsetzung von Religion und Weltanschauung in Frage 8, deren Antwortmöglichkeiten als Bekenntnis abgefragt werden. Dort sind Christentum, Judentum, verschiedene Strömungen im Islam, Buddhismus und Hinduismus aufgeführt. Befragte, die sich dazu nicht bekennen, müssen sich allenfalls unter „sonstige" oder „keine" Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung subsumieren lassen - sofern sie diese freiwillige Frage überhaupt beantworten. Dies hatte auch schon der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) kritisiert.
"Möglicherweise lässt es sich zwar plausibel machen, dass jede Religion eine Weltanschauung darstellt oder beinhaltet, aber nicht jede Weltanschauung muss automatisch auf Religion verweisen," erklärt Nils Friedrichs. Die Antwortmöglichkeit „Sonstige" ließe Raum für Anschauungen, die nicht "unmittelbar mit Religion in Verbindung stehen - auch etwa Sozialismus, Humanismus oder selbst überzeugter Atheismus können als Weltanschauungen verstanden und vertreten werden."
Die Gruppe der Atheisten unter den Konfessionsfreien ist daher nicht zweifelsfrei identifizierbar. Das verringere die Vergleichbarkeit beider Fragen zusätzlich.
Im Ergebnis läuft die Kombination beider Fragen Gefahr, die Ergebnisse zur Religion zu verzerren. Wenn religiöse Bekenntnisse und die religiöse Zugehörigkeit gleichgesetzt werden und darüber hinaus auch potentiell nichtreligiöse Weltanschauungen Berücksichtigung finden, wird eines bestimmt nicht erreicht: eine präzise Erfassung der religiösen Landschaft in Deutschland.
Den Urhebern des Zensus war das jedoch vorher klar. Gegenüber Spiegel Online erklärte Bundesamtssprecher Klaus Pötzsch zur derzeit bei rund 26 Millionen Bürgerinnen und Bürgern verwendeten Fassung:
Die Konsequenz daraus ist, dass bei den Zensusergebnissen die Gruppe der Atheisten (aber auch die der sonstigen Religionen) nicht nachweisbar ist. Das Ergebnis des Zensus wird also sein, dass wir Informationen über die großen (im Fragebogen explizit aufgeführten) religiösen Strömungen haben, über die Verbreitung sonstiger Religionen und des Atheismus aber nichts wissen werden.
Der Spiegel Online-Beitrag stellte ebenfalls fest, dass mit den im Zensus formulierten Fragestellungen Deutschland quasi zum Staat der Gläubigen erhoben wird. Wie das geschehen konnte? Verantwortlich für die Formulierungen war der Innenausschuss des Bundestages, bevor das deutsche Zensusgesetz 2011 vor Ende der letzten Legislaturperiode verabschiedet wurde. Unter den insgesamt 36 Mitgliedern des Ausschusses stammten 13 jeweils aus der CDU/CSU- bzw. SPD-Fraktion, vier aus der FDP-Fraktion. Der Links-Partei und den Grünen gehörten jeweils drei Mitglieder des Ausschusses an. Darunter war offenbar jedenfalls niemand, der sich mit den Voraussetzungen für eine methodisch korrekte Erfassung in diesen Fragen beschäftigt hatte.
Der nächste Zensus soll gemäß der entsprechenden EU-Verordnung in zehn Jahren erneut durchgeführt werden, das entsprechende Gesetz ist in etwa acht Jahren zu erwarten. Vor Ende 2022 wird es jedenfalls wenig Aufklärung darüber geben, wie es um den Glauben, die Religion und die Weltanschauungen der Menschen in Deutschland tatsächlich bestellt ist. Die tatsächliche Menge nichtreligiöser Menschen bleibt Spekulation, das Zensus-Ziel der „Planung und Festlegung regional-, sozial- und umweltpolitischer Maßnahmen, die bestimmte Sektoren der Gemeinschaft betreffen", wird in diesem wichtigen Themenbereich ohne verlässliche Daten auskommen müssen.







