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Presseschau: La Raison April 2011

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Während der EGMR kein Problem mit Kreuzen in italienischen Schulen hat, entschied nun ein Gericht im kanadischen Quebec, dass das Kreuz im Versammlungssaal der Stadt Saguenay abgehangen werden muss.
Donnerstag, 31. März 2011
La Raison April 2011

La Raison April 2011

In der kanadischen Stadt Saguenay muss das Kruzifix aus dem städtischen Versammlungssaal und allen anderen öffentlichen Räumen entfernt werden. Nach einer jahrelangen Auseinandersetzung hat dies nun das zuständige Gericht im kanadischen Bezirk Quebec entschieden. Auf den ersten Blick erinnert einiges an den kürzlich vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) abschließend bewerteten Lautsi-Prozess, in dem sich eine italienische Mutter aufgrund der von ihr empfundenen Verletzung ihres Rechts auf religiöse Freiheit über die Kruzifixe in italienischen Schulen beklagt hatte. Der EGMR hatte der Klage nicht stattgegeben, sondern folgte der Argumentation des italienischen Staates, wonach das Kreuz in Italien nicht nur religiöses Symbol sei, sondern auch den europäischen Werte- und Normenkanon vertrete. Warum der nun zu Ende gegangene Prozess in der kanadischen Stadt Saguenay anders ausging, wird in der aktuellen Ausgabe des Magazins der französischen Freidenker La Raison berichtet. Denn im Gegensatz zum EGMR sahen die Richter in den in öffentlichen Gebäuden angebrachten oder platzierten religiösen Symbolen sowie in der Rezitation eine Verletzung des Rechts auf Religions- und Gaubensfreiheit, die auch für die negative Religionsfreiheit gilt.

Darüber hinaus berichtet La Raison über den Einfluss der religiösen Kräfte in Frankreich auf Fragen am Lebensanfang und am Lebensende. So beschloss das Parlament, das im letzten Jahr in Kraft getretene Gesetz zur Bioethik zu überprüfen. Anlass sind Bedenken der kirchennahen Parteien und Politiker. Die eingebrachten Forderungen entsprächen keineswegs den gesellschaftlichen Bedürfnissen, schreiben die französischen Freidenker. Das gleiche gelte für die Diskussion einer gesetzlichen Regelung zugunsten eines würdevollen und selbstbestimmten Lebensendes, in der zunehmend konservative und kirchennahe Persönlichkeiten, wie etwa Premierminister Francois Fillon, die Stimme ergreifen und die Debatte durch Zeitungsartikel gegen ein selbstbestimmtes Lebensende zu beeinflussen versuchen.

Im Dossier setzen sich Frankreichs Freidenker mit der aktuellen Debatte um einen Pflicht-Zivildienst auseinander. Außerdem geht es u.a. um die Frage, ob es einen atheistischen Spiritualismus gibt (der Autor lehnt diese Idee als kindischen Versuch der Suche nach einer Verbindung des Individuums zu einer höheren Kraft ab sowie um den Philosophen Michel Onfray, der als intellektueller Atheist umstrittenen ist, weil er  zwar auch das französische Bürgertum erreicht, einigen Konfessionsfreien aber zu kirchenfreundlich ist.