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Frankreich: Viele Muslime stellen Islam-Gebote über Gesetze der Republik

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In einer repräsentativen Umfrage in Frankreich gaben viele Teilnehmer an, dass das islamische Scharia-Recht für sie wichtiger sei als die staatlichen Gesetze. Rund ein Viertel bejahte das Tragen von Burka und Niqab. Die Befragung lieferte auch Belege für den großen Anteil säkularer Menschen mit muslimischen Hintergrund in der Bevölkerung des Landes.
Dienstag, 20. September 2016

Bei einer am Sonntag von der Wochenzeitung Journal du Dimanche veröffentlichten Umfrage meinten 29 Prozent der Befragten, dass sie die Scharia für wichtiger halten als die säkularen Gesetze der Republik Frankreich. Das Tragen einer religiösen Ganzkörperverschleierung wie der Burka oder dem Niqab befürworteten rund 20 Prozent der männlichen und 28 Prozent der weiblichen Befragten.

Die Umfrage war vom Meinungsforschungsinstitut Ifop im Auftrag der gemeinnützigen „Denkfabrik“ Institut Montaigne zwischen Mitte April und Mitte Mai 2016, also noch vor dem Terroranschlag in Nizza, telefonisch unter 1.029 Teilnehmern mit muslimischem Hintergrund durchgeführt worden.

60 Prozent gaben außerdem an, dass sie es besser fänden, wenn Frauen und Mädchen ein Kopftuch in Schulen und an Universitäten tragen. Das Tragen von Kopftuch und Burka ist im laizistischen Frankreich in staatlichen Einrichtungen derzeit verboten. Die Ergebnisse zeigten ferner, dass unter französischen Musliminnen auch in anderer Hinsicht konservative Vorstellungen verbreitet sind: mehr als 40 Prozent sagten, dass sie in kein Schwimmbad gehen würden, in dem sich auch Männer befinden. Ein Viertel der Männer lehnte es ebenfalls ab, in ein gemischtgeschlechtliches Schwimmbad zu gehen. Rund 29 Prozent aller Befragten gaben an, einmal pro Woche eine Moschee aufzusuchen. Mit steigendem Alter wiesen die Befragten moderatere Haltungen auf.

Aufschlussreich war die Befragung aber auch insofern, als dass der Anteil der tatsächlichen Anhänger der islamischen Religion in der Bevölkerung offenbar erheblich niedriger ist als gemeinhin angenommen. Denn die Ergebnisse zeigten, dass mit rund 46 Prozent fast die Hälfte der Befragten in die Gruppe der „vollständig säkularen“  Personen eingeordnet werden kann. Den Umfrageergebnissen zufolge liegt der Anteil tatsächlich islamische Glaubensvorstellungen und -regeln befolgender Menschen deutlich niedriger als oft angenommen. Statt zehn Prozent der 65 Millionen Einwohner des Landes sind der Umfrage nach nur 5,6 Prozent der Bevölkerung tatsächlich Muslime.

In der Auswertung hätten sich neben der großen Gruppe säkularer Personen, die außer familiär und anders bedingten Hintergründen mit Verbindung zur islamischen Religion für sich keinen besonderen Bezug zu den Glaubensvorstellungen- und regeln empfinden, zwei weitere Gruppen gezeigt. Rund 25 Prozent der Befragten ließen sich demnach als „selbstbewusste Muslime“ einordnen, die Einschränkungen der Religionsfreiheit akzeptieren und Burka oder Polygamie ablehnen, sich jedoch mehr Raum für ihren Glauben im beruflichen Umfeld wünschten.

Die dritte Gruppe der übrigen 29 Prozent sei die problematischste, hieß es im Bericht zu den Umfrageergebnissen. Diese Gruppe bestünde aus „meistens jungen, wenig qualifizierten Personen“, unter denen Arbeitslosigkeit weit verbreitet sei und die meist an den Rändern der Städte wohnten. Der Islam stelle für diese Menschen einen Weg dar, sich gegen die französische Gesellschaft aufzulehnen, so der Bericht. Rund die Hälfte der Befragten unter 25 Jahren lasse sich dieser dritten Gruppe zuordnen. 

Auch unter Muslimen in Deutschland gibt es einen hohen Anteil von Gläubigen, die die Islam-Gebote für wichtiger halten als die allgemeinen Gesetze. Zu diesem Ergebnis kam eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Universität Münster, die zwischen November 2015 und Februar 2016 unter türkischstämmigen Personen ab 16 Jahren durchgeführt worden war. Die Hälfte der Befragten stimmte hier dem Satz zu „Es gibt nur eine wahre Religion“. 47 Prozent hielten die Befolgung der Islam-Gebote für wichtiger als die deutschen Gesetze. Ein Drittel meinte, Muslime sollten zur Gesellschaftsordnung aus Mohammeds Zeiten zurückkehren. 36 Prozent zeigten sich überzeugt, nur der Islam könne die Probleme der Zeit lösen. Der Anteil mit verfestigt fundamentalistischem Weltbild liege bei 13 Prozent, so der Vorstandssprecher des Exzellenzclusters und Religionssoziologe Detlef Pollack, heißt es dazu im aktuellen Bericht des Exzellenzclusters.

Unter deutschen Muslimen habe sich jedoch eine Verringerung des Anteils fundamentalistischer Haltungen unter jüngeren im Vergleich zu älteren Befragten gezeigt. In der ersten Zuwanderergeneration habe der Anteil bei 18 Prozent gelegen, in der zweiten und dritten nur noch bei neun Prozent. „Folglich kann die Popularität fundamentalistischer Haltungen künftig weiter sinken, sofern die Integration der jüngeren Zuwanderergeneration weiter gut verläuft“, so Pollack. Als wichtigste Einflussfaktoren gegen  fundamentalistische Meinungen hätten sich in der Studie häufige Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft, gute Deutschkenntnisse und die Einbindung in den Arbeitsmarkt herauskristallisiert.  Hinderlich seien Kontakte vorwiegend innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sowie das verbreitete Gefühl mangelnder Anerkennung.