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Kirchensprecher: Atheistischer Humanismus führt zu Massenmord

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Nur Tage, nachdem der Schweizer Bischof Huonder international Schlagzeilen gemacht hat, weil er an ein Bibelzitat erinnerte, laut dem Homosexuelle zu töten seien, zieht ein Glaubensbruder aus Österreich nach: Im Interview bezeichnete ein Kärntner Kirchenkanzler Holocaust und Stalin-Diktatur als logische Folge des „atheistischen Humanismus“.
Samstag, 22. August 2015

Im Interview mit der Kirchenzeitung Sonntag der Diözese Gurk-Klagenfurt sagte der Herausgeber der Zeitung und Kanzler der katholischen Kirche Kärnten, Jakob Ibounig, das 20. Jahrhundert habe gezeigt, dass der Verzicht auf Religion zum „krassen Gegenteil“ einer friedlichen und gerechten Welt führe. „Der atheistische Humanismus führt in den Gulag und nach Ausschwitz“, so Ibounig. Weiter erklärte er, der nationalsozialistische Massenmord und die stalinistischen Zwangsarbeiterlager seien „kein geschichtlicher Unfall“ gewesen, sondern logische Folge einer „Aufklärung, die sich von Religion abkoppeln möchte“.

Themen des Interviews waren die Entwicklung der Kirche unter Papst Franziskus und die Auseinandersetzung mit dem Islam, aber auch die Rolle kirchlicher Medien. Über diese sagte Ibounig, sie seien „Instrumentarien der Verkündigung. Die Kirche macht damit Christus bekannt.“

Neu sind derartige Äußerungen von Vertretern der katholischen Kirche nicht. Ähnlich hatte sich im November 2014 ein TV-Prediger aus dem nordrhein-westfälischen Essen beim von der ARD ausgestrahlten „Wort zum Sonntag“ anlässlich der laufenden Debatte um einen Gottesbezug für die Landesverfassung in Schleswig-Holstein geäußert und damit bundesweit für Empörung gesorgt. Zwei Jahre zuvor wurde eine Videoaufzeichnung bekannt, in der der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck vor ranghohen Angehörigen der Bundeswehr sagte: „Ohne Religion und ohne religiöse Praxis gibt es kein Menschsein“. Auch in den davorliegenden Jahren hatten hohe Kirchenvertreter immer wieder behauptet, die großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts seien Ergebnisse von Atheismus und der Verbreitung nichtreligiöser Lebensauffassungen in den Gesellschaften.

Historische Fakten und empirische Daten widersprechen allerdings nicht nur dem traditionellen Mythen-Gebäude des katholischen Glaubens, sondern auch solchen Behauptungen von Kirchenvertretern. So ist es wissenschaftlich und bei protestantischen Kirchenvertretern längst ein anerkannter Befund, dass maßgeblich auch der jahrhundertealte Antijudaismus des Christentums den Nährboden für den mörderischen Antisemitismus des NS-Regimes bereit hat. „Es existiert ein klarer Zusammenhang zwischen Christentum und Antisemitismus. Die Aussage Hitlers, die Juden hätten Jesus gekreuzigt und wären daher nicht lebenswert, stammt aus der christlichen Tradition. Damit wiederholte der Naziführer nur das, was viele bedeutende christliche Denker, Katholiken und Protestanten, in vorangegangenen Jahrhunderten laut verkündet hatten“, stellte im Jahr 2013 der belgische Philosoph und Schriftsteller Dirk Verhofstadt, u.a. Autor des Buches Pius XII. und die Vernichtung der Juden, im Interview mit dem Magazin Telepolis fest.

Weitere Studien haben die jahrhundertelange Judenfeindschaft im deutschsprachigen Raum mittlerweile eingehender untersucht und herausgefunden, wie sich antisemitischer Hass über Jahrhunderte kulturell erhalten konnte. Eine historische Tatsache ist zudem, dass zahlreiche der relativ jungen und kleinen Vereinigungen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Ideen des nichtreligiösen säkularen Humanismus entwickelt hatten, nach der Machtergreifung im Jahr 1933 binnen anderthalb Jahren verboten, aufgelöst und enteignet wurden. Vertreter der Verbände wurden verfolgt, inhaftiert und mitunter ermordet.

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Zeitdokument: Schreiben des Verbandes Evangelischer Lehrer- und Lehrerinnen-Vereine vom 13. März 1933. Auf das Bild klicken, um das gesamte Schreiben anzuzeigen.

Zur der katholischerseits beliebten Zuschreibung der Taten des russischen Alkoholiker-Sohns und einstigen Priesterseminaristen Josef Stalin wandte bereits im Jahr 2000 der Philosoph Michael Schmidt-Salomon in einer Analyse mit dem Titel „Sind AtheistInnen die besseren Menschen?“ ein: „Stalin als Beleg für die Inhumanität des Atheismus anzuführen, ist reichlich perfide und dementsprechend würden sich viele Verteidiger des Atheismus (mit Recht) gegen das Beispiel wehren. Stalin, würden sie sagen, war alles andere als ein Musterbeispiel des Atheismus. Gab es nicht Legionen von Atheisten, die keine Morde begangen haben, Abertausende, die selbst den Säuberungsaktionen Stalins zum Opfer fielen?“

Für eine Nachfrage, wie der Kärntner Kirchenkanzler Jakob Ibounig die jüngsten Äußerungen angesichts der Faktenlage rechtfertigen wolle, war die Diözese am Wochenende nicht zu erreichen.

Dies dürfte allerdings auch kaum gelingen, denn aussagekräftige Informationen zum Zusammenhang zwischen der Verbreitung von religiösen Überzeugungen und der Friedlichkeit von Gesellschaften liegen unter anderem dank des australisch-britischen Global Peace Index seit Jahren vor. Diese legen nahe, dass eher ein zu der Behauptung Ibounigs entgegengesetzter Zusammenhang besteht: Denn die Mehrheit der Staaten in den Top 20 des Index sind Länder, die zu den weltweit am stärksten säkularisierten Gesellschaften gehören. In der unteren Hälfte finden sich hingegen nicht nur fast ausschließlich tiefreligiöse Gesellschaften. Hier findet sich auch das einst kommunistische Russland, in dem die Kirche dank massiver staatlicher Unterstützung in den letzten Jahren einen beachtlichen Aufschwung erlebt hat.

In Österreich, das sich ebenfalls unter den Top 20 des Global Peace Index befindet und in dessen Bevölkerung sich laut jüngerer Untersuchung des internationalen Meinungsforschungsverbundes WIN Gallup 44 Prozent als nichtreligiöse Person und weitere 10 Prozent als überzeugte Atheisten bezeichnen, schrumpft die Zahl der Kirchenmitglieder hingegen seit Jahrzehnten – eine Entwicklung, die laut Einschätzung des renommierten Religionssoziologen Detlef Pollack, der jüngst die Studie Religion in der Moderne – Ein internationaler Vergleich veröffentlicht hat, von den Kirchen nicht aufgehalten werden kann. Auch nicht durch bizarre Vergleiche wie die eines Kärntners, der als Berufsgläubiger seine Furcht vor der empirisch zunehmend besser belegten Erkenntnis verbreitet: Menschen können gut sein ohne den Glauben an einen Gott, auch als Gesellschaft.