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Humanisten verurteilen Ermordung von atheistischem Blogger in Bangladesch

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Am vergangenen Freitag wurde der Blogger Niloy Chakrabarti von radikalen Muslimen auf grausame Weise ermordet. Humanisten weltweit sind über die Bluttat entsetzt und haben die Regierung des Landes aufgerufen, die Sicherheit nichtreligiöser Personen besser zu schützen. Bangladeschs oberster Polizeichef erinnerte indes an die nationalen „Blasphemie“-Gesetze.
Dienstag, 11. August 2015
BU

Niloy Neel entstammte einer Hindu-Familie.

Nach dem Freitagsgebet in Dhaka waren mehrere Männer in die Wohnung des 40-Jährigen eingedrungen und hatten den populären Blogger und Autor mehrerer Bücher mit Macheten attackiert. Dabei trennten die Angreifer die Hände vom Körper ihres Opfers und töteten ihn mit Schlägen auf den Schädel und in den Nacken. Zugang zum Gebäude hatten sie sich unter dem Vorwand verschafft, Mieter zu sein. Der Name des Getöteten, der zwei Jahre zuvor einen Master in Philosophie an der Universität von Dhaka absolviert hatte und unter dem Pseudonym Niloy Neel publizierte, befand sich wie die von drei zuvor ermordeten Autoren sowie weiteren 80 „atheistischen Bloggern“ auf einer seit 2013 verbreiteten Todesliste radikaler Muslime. Die Täter könnten vorerst unerkannt flüchten.

Ansar al-Islam, ein Ableger des Terror-Netzwerks Al-Qaida, bekannte sich anschließend für die Tat verantwortlich zu sein. Niloy Neel sei „ein Feind von Allah“, hieß es in einer Äußerung aus der Gruppierung. Neel ist nach den ebenso brutalen Morden an Ananta Bijoy, Avijit Roy und Washiqur Rahmann der vierte Blogger, der allein in diesem Jahr in Bangladesch aufgrund seiner atheistischen und islamkritischen Äußerungen von fanatischen Gläubigen getötet wurde. Als Autor war er zuvor unter anderem für den Blog Mukto-Mona, der sich als „Gemeinschaft von Rationalisten, Humanisten, säkularen Autoren und Aktivisten“ beschreibt, sowie bei Facebook tätig gewesen. Imran H Sarkar, Leiter des Bangladesh Blogger and Activist Network, sagte gegenüber der BBC, Niloy Neel sei „eine Stimme gegen Fundamentalismus und Extremismus gewesen, aber auch für die Rechte von Frauen und indigenen Minderheiten“.

Auf die Nachricht von der Ermordung von Niloy Neel haben Humanisten weltweit entsetzt reagiert. Die seit 1984 wegen Todesdrohungen muslimischer Extremisten im Exil lebende Ärztin und Schriftstellerin Taslima Nasreen bezeichnete das Ereignis als „weiteren Fleck auf Bangladesch sterbenden Gewissen“. Sie kritisierte den fehlenden Schutz für säkulare Stimmen. Jegliche Behauptungen der Regierung, dass Bangladesch ein säkularer Staat sei, könnten mit Niloy Neel auf brutale Weise getöteten Körper begraben werden, so Nasreen. Sie äußerte die Vermutung, dass die Täter den Sicherheitsbehörden nicht unbekannt seien.

„Als weltweite Gemeinschaft von Humanisten sind wir entsetzt über die offensichtliche Fortsetzung der Tätigkeiten islamistischer Brigaden, die nahezu straflos ihr Unwesen treiben“, sagte Bob Churchill, Sprecher der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) mit Sitz in London, in einer ersten Stellungnahme. Er kritisierte, dass die Regierung und die Behörden des Landes die Mordserie herunterspielten und keine ernsthafte Strafverfolgung in diesem Fällen zu erkennen sei. Churchill appellierte an die Botschaften anderer Staaten in Bangladesch, alle Bitten säkularer Blogger um humanitäre Unterstützung mit höchster Dringlichkeit und Ernsthaft zu behandeln.  IHEU-Präsident Andrew Copson sagte zur Nachricht von der Ermordung Niloy Neels, die „Freiheit der Rede und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit werden in Bangladesch unterminiert und die Regierung muss diese wiederherstellen“, andernfalls werde das Land weiterhin „einige seiner mutigsten, klügsten und inspirierendsten Bürger zu seiner eigenen andauernden Schande verlieren.“

Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, äußerte sich zum Tod des Bloggers und ließ in einer Mitteilung erklären, er sei tief besorgt über diese grausamen Verbrechen und deren Auswirkungen auf die Ausübung der Redefreiheit in Bangladesch. Er rief die Regierung des Landes ebenfalls auf, die Täter zu stellen und alle Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, damit alle Bürger des Landes die Rede- und Meinungsfreiheit ohne Furcht ausüben können. Zwei Vertreter des UN-Menschenrechtsrates forderten ebenfalls, die Behörden von Bangladesch müssten die „ernsthaften Bedrohungen für die Meinungsfreiheit, die im Land fortwähren“ auf effektive Weise begegnen.

Auch aus Deutschland gab es nach dem Mord schockierte Stimmen. So sagte der Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe, Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der Bundesregierung und menschenrechtspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, „die brutale Bluttat an Blogger Niloy Chakrabarti ist nicht nur ein bestialisches Verbrechen, sondern auch ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit in Bangladesch und den säkularen Staat. Die Regierung Bangladeschs muss endlich konsequent für den Schutz von Bloggern sorgen. Deutschland muss in Absprache mit anderen Staaten Bloggern aus Bangladesch weiteres Asyl anbieten.“

Erwin Kress, Vizepräsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, kündigte ebenfalls an, sich bei der Bundesregierung für eine größere Aufmerksamkeit gegenüber der Situation in Bangladesch einzusetzen. „Was in Bangladesch passiert, ist ein Drama“, so Kress. Er verlange vom deutschen Außenminister und der Bundesregierung, diplomatisch alle Register zu ziehen, um die Sicherheit nichtreligiöser Autoren und islamkritischer Stimmen zu verbessern.

Wie schlecht es derzeit um das Recht säkularer und islamkritischer Autoren auf freie Meinungsäußerung in Bangladesch steht, verdeutlichte die Reaktion des obersten Polizeichefs am Montag. Polizei-Generalinspekteur Shahidul Hoque sagte, der Fall habe „Top-Priorität“. Zugleich verwies er auf die „Blasphemie“-Gesetze des Landes und erinnerte, dass diese für die Verletzung „religiöser Gefühle“ eine Höchststrafe von 14 Jahren Gefängnis vorsehen. „Niemand sollte die Grenze überschreiten“, so Hoque. Ein Polizei-Sprecher verteidigte die Äußerungen anlässlich der auf die Stellungnahme folgenden öffentlichen Proteste. Auch wenn die Redefreiheit durch die Verfassung des Landes geschützt sei, müssten Blogger sich stets „verantwortungsvoll äußern“.