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Guatemala: Humanisten kämpfen gegen Bibel-Pflichtunterricht

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Ein aktueller Gesetzesentwurf will „biblische Werte“ an allen Schulen des Landes zum Pflichtfach machen. Verhindern will dies der vor einem Jahr gegründete Verband säkularer Humanisten in Guatemala. Dabei hoffen sie auch auf internationale Unterstützung.
Mittwoch, 22. Juli 2015
Foto: privat

Carlos Mendoza, Präsident der Asociación Guatemalteca de Humanistas Seculares: Religiöser Fanatismus versucht das öffentliche Bildungssystem zu unterwandern, um Kinder zu indoktrinieren.

Der Gesetzesentwurf, welcher am vergangenen Mittwoch im Zuge einer religiösen Zeremonie im Kongress vorgestellt wurde, sieht die Einführung eines allgemeinverbindlichen Pflichtunterrichts über „biblische Werte“ an allen öffentlichen und privaten Schulen des Landes vor. Finanziert werden soll das neue Schulfach auf Basis eines wortgetreuen Bibelverständnisses, welches von speziell ausgebildeten und zertifizierten Lehrkräften unterrichtet werden müsste, aus dem Staatshaushalt. Eingebracht worden war der Entwurf von dem Abgeordneten Marvin Vásquez Osorio Rocael, welcher von sich behauptet, auf „explizite Anweisungen von Gott“ hin zu handeln, die er in einer „Offenbarung“ erhalten habe.

Laut der guatemaltekischen Verfassung ist das zentralamerikanische Land zwar grundsätzlich ein säkularer Staat, jedoch genießen die katholische Kirche und andere christliche Religionsgemeinschaften, wie in vielen Ländern üblich, diverse Privilegien wie etwa Steuerbefreiungen. Laut Untersuchungen des renommierten US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center bekannten sich im Jahr 2014 etwa 50 Prozent der Bevölkerung des Landes zum katholischen Glauben, 41 Prozent zu protestantischen Glaubensrichtungen und sechs Prozent gaben, konfessionsfrei zu sein. Insbesondere pfingstlerische und charismatische Kirchen haben hier wie in vielen lateinamerikanischen Ländern während der vergangenen Jahrzehnte einen enormen Aufschwung erlebt, nicht selten auch mit Unterstützung christlicher Organisationen aus den Vereinigten Staaten und europäischen Ländern.

Fürsprecher der Einführung des Bibel-Werte-Unterrichts argumentieren, dass das neue Schulfach dabei helfen würde, auf die zahlreichen gravierenden sozialen Missstände in der Gesellschaft des Landes zu reagieren: große soziale Ungleichheit, schlechte medizinische Versorgung für breite Bevölkerungskreise sowie ein hohes Maß an Korruption, Gewalt und andere Verbrechen. Unterstützung erhält der Gesetzesentwurf von zahlreiche evangelischen und pfingstlerischen Kirchen und anderen kirchlichen Organisationen im Land.

Gegen die Einführung der angestrebten Zwangsunterweisung in Bibellehre erhob bei der Vorstellung des Gesetzesentwurfs im Kongress der Präsident der im vergangenen Jahr gegründeten Asociación Guatemalteca de Humanistas Seculares (AGHS), Carlos Mendoza, deutlichen Protest. In seiner Rede vor dem Kongress betonte er, dass die Einführung des Schulfachs gegen das nationale Bildungsgesetz sowie internationale Menschenrechtskonventionen, die das Recht auf negative Religionsfreiheit einschließen, verstoßen würde. Die Rede wurde von zahlreichen Schmäh-Rufen und Forderungen seitens christlicher Abgeordneter begleitet, man solle den „Satan“ aus dem Kongressgebäude werfen – was schließlich auch geschah. Carlos Mendoza zeigte sich anschließend gegenüber Lokalmedien schockiert, welche Feindschaft und Ablehnung ihm von vielen Kongressabgeordneten entgegen gebracht wurde, obwohl die Verfassung ausdrücklich die Rede- und Meinungsfreiheit unter staatlichen Schutz stellt. Weiter sagte er, er verspüre „ein tiefes Gefühl der Traurigkeit, dass religiöser Fanatismus versucht, die Institutionen des Staates Guatemala zu unterwandern, insbesondere das öffentliche Bildungssystem mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche in einer bestimmten Weltsicht, die an mittelalterliche Zeiten erinnert, zu indoktrinieren.“

AGHS-Präsident Carlos Mendoza vor dem Kongress am 17. Juli 2015.

Mittlerweile hat die Asociación Guatemalteca de Humanistas Seculares formelle Beschwerden gegen den Gesetzesentwurf und das Verhalten der Kongressabgeordneten bei einer für Menschenrechtsverletzungen zuständigen Behörde des Landes eingereicht. Und bereits jetzt haben die Vorfälle große Aufmerksamkeit in den Medien und der Öffentlichkeit des Landes erhalten, sodass sich die guatemaltekischen Humanisten derzeit gute Chancen ausrechnen, mehr Menschen für die Probleme und Nachteile des Gesetzesentwurfes zu sensibilisieren. Um die mit der Kampagne zum Schutz eines säkularen Bildungssystems verbundenen Kosten für juristischen Beistand und öffentlichkeitswirksame Aktionen begleichen zu können, wurde gestern außerdem ein Spendenaufruf bei der Crowdfunding-Plattform Indiegogo veröffentlicht. Mindestens 8.000 US-Dollar, umgerechnet knapp 7.400 Euro, sollen dabei in den nächsten 30 Tagen zusammenkommen, damit wirksam gegen die schulische Zwangsunterweisung in „biblischen Werten“ vorgegangen werden kann.