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US-Studie widerlegt Mythen von Abtreibungsgegnern

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Mehr als 95 Prozent von über 650 befragten Frauen beurteilten den Abbruch einer Schwangerschaft auch drei Jahre später als richtige Entscheidung. Forscher empfehlen Maßnahmen gegen die Stigmatisierung von Abtreibungen.
Dienstag, 21. Juli 2015

Das Recht von Frauen, eine ungewollte Schwangerschaft rechtzeitig beenden zu können, musste in Europa über Jahrhunderte gegen den Widerstand des Klerus und patriarchalischer Gesellschaftsbilder erkämpft werden. Bis heute werden Abtreibungen insbesondere in afrikanischen und südamerikanischen Ländern sowie einigen arabischen und asiatischen Staaten mit hohem Strafmaß bedroht, Ausnahmen davon sind vielfach lediglich bei einer Gefahr für das Leben oder die Gesundheit der Mutter vorgesehen. In zahlreichen Ländern müssen Frauen eine Schwangerschaft sogar dann austragen, wenn diese das Ergebnis einer Vergewaltigung ist.

In vielen westlich geprägten Gesellschaften ist der Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch mit Auflagen wie einer Pflicht zur vorhergehenden Beratung verbunden, so auch in Deutschland. Während Feministinnen diese Beratungspflicht als Überbleibsel einer patriarchalischen Bevormundung ablehnen, argumentieren Anhänger religiös begründeter Abtreibungsverbote für die Einschränkung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts von Frauen häufig auch mit psychischen Folgeschäden: Schuldgefühle, Depressionen und Suizidgedanken, Drogen- und Alkoholmissbrauch, Essstörungen und hysterische Weinkrämpfe sollen meistens Teil eines zu erwartenden Post-Abtreibungssyndroms (PAS) sein, vor dem Frauen „beschützt“ werden müssten – welches allerdings weder von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch der Wissenschaft anerkannt ist. Auch in Deutschland warnen zahlreiche christliche „Beratungsvereine“ und „Lebensschutz“-Initiativen ungewollt Schwangere eindringlich vor derartigen Konsequenzen – in der Regel ohne belastbare Beweise.

Ergebnisse einer Langzeituntersuchung von Wissenschaftlern an der University of California San Francisco (UCSF) School of Medicine haben nun neue Belege dafür erbracht, dass für die große Mehrheit von Frauen ein Schwangerschaftsabbruch keine negativen psychischen Folgen hat. Für die Studie befragten die Forscher mehr als 650 US-Amerikanerinnen mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren und mit unterschiedlichen sozialen und ethnischen Hintergründen, die eine Abtreibung haben durchführen lassen, über einen Zeitraum von drei Jahren regelmäßig zum Befinden in Bezug auf die Entscheidung zum Abbruch. Die Ergebnisse der Studie sind im Juli im Online-Fachjournal PLOS One veröffentlicht worden. Dem Bericht zufolge gaben mehr als 95 Prozent der befragten Frauen an, die Entscheidung für den Abbruch der Schwangerschaft nicht zu bedauern und diese auch Jahre später noch für richtig zu halten. Zwei Drittel der befragten Frauen hatten bereits eines oder mehrere Kinder. Zu negativen Beurteilungen kamen – wenig überraschend – häufiger vor allem diejenigen Frauen, welche einen Schwangerschaftsabbruch trotz unsicheren Entschlusses hatten vornehmen lassen. Sowohl positive wie auch negative Emotionen in Bezug auf die Abtreibung nahmen mit der Zeit ab. Ein Unterschied zwischen den Empfindungen von Frauen, die den Abbruch frühzeitig hatten vornehmen lassen und Frauen, die eine Spätabtreibung hatten, konnte in der Studie nicht festgestellt werden. Negative Emotionen führten Frauen oft auf die gesellschaftliche Stigmatisierung des Abbruchs und das Fehlen sozialer Unterstützung zurück. Festgestellt wurde auch, dass die Zufriedenheit von Frauen, welche die Entscheidung ohne Einbeziehung des an der Schwangerschaft beteiligten Mannes trafen, höher war als die derjenigen, die die Entscheidung zum Abbruch gegen den Willen des Partners getroffen hatten.

„Die Ergebnisse dieser Untersuchung legen nahe, dass Behauptungen, laut denen viele Frauen ihre Abtreibungsentscheidung bedauern, wahrscheinlich unbegründet sind“, schreiben die Autoren zu den Ergebnissen der Langzeitstudie. Weiter heißt es in den Schlussfolgerungen, dass den Frauen, die sich unsicher in ihrer Entscheidung fühlen, eine individuelle Beratung helfen könnte, den Erhalt ihres Wohlbefindens zu sichern. Hilfreich seien außerdem Bemühungen, die Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zu bekämpfen.

Die Untersuchungsergebnisse untermauern auch die Position von Stimmen in Deutschland, die eine Abschaffung der Pflichtberatung vor einem Schwangerschaftsabbruch fordern. Dies vertritt unter anderem das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, ein Zusammenschluss von mehr als zwei Dutzend Institutionen, Beratungsvereinen und parteipolitischen Organisationen, die Schwangerschaftskonfliktberatungen auf rein freiwilliger Basis befürworten. Das Bündnis fordert ferner die Streichung des Paragraphen 218 aus dem deutschen Strafgesetzbuch. Dieser sieht für einen Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich eine Strafe von bis zu drei Jahren Gefängnis vor, Paragraph 218a formuliert aber Voraussetzungen, unter denen eine Abtreibung straffrei bleibt.

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche geht in Deutschland seit zehn Jahren zurück. 2014 wurden hierzulande 99.700 Abtreibungen vorgenommen, das sind drei Prozent weniger als im Vorjahr. Laut Schätzungen der WHO sind etwa 40 Prozent aller Schwangerschaften weltweit ungeplant und rund ein Fünftel aller Frauen entscheidet sich für einen Abbruch. Mehr als die Hälfte der weltweit etwa 42 Millionen Abtreibungen pro Jahr sind laut WHO an ihrem Ausführungsführungsort illegal, jährlich sterben fast 50.000 Frauen bei illegalen und unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen unter medizinisch und hygienisch meist sehr schlechten Bedingungen.