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USA: Offenheit für atheistischen Präsidenten wächst

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Laut einer aktuellen Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup können sich immer mehr US-Bürger vorstellen, eine Präsidentin oder einen Präsidenten mit atheistischen Überzeugungen zu wählen. Doch bis ein Kandidat ohne religiöses Bekenntnis wieder ernsthaft auf einen Wahlsieg hoffen kann, dauert es vermutlich noch Jahrzehnte.
Mittwoch, 15. Juli 2015
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Thomas Jefferson (1743-1826), zwischen 1801 und 1809 dritter Präsident der Vereinigten Staaten, war einer der bislang zwei US-Präsidenten, die keiner Religionsgemeinschaft angehörten.

Wie die Anfang Juli anlässlich des anlaufenden US-Wahlkampfes durchgeführte repräsentative Befragung des Gallup-Instituts ergab, scheinen sich in den Vereinigten Staaten die Vorbehalte gegen ein nichtreligiöses Staatsoberhaupt weiter verringert zu haben. Mittlerweile können sich 58 Prozent der Wähler vorstellen, für einen offen atheistisch denkenden Präsidentschaftskandidaten zu stimmen. Das sind vier Prozent mehr als bei der letzten Umfrage im Jahr 2012, womit der Wert ein neues Allzeithoch seit Beginn der Erhebungen zu dieser Frage im Jahr 1958 erreicht hat.

Eine Ursache der veränderten Stimmungslage in der US-amerikanischen Wählerschaft stellen der demografische Wandel sowie das Wachstum der Gruppe der Konfessionsfreien dar, die laut Untersuchungen mittlerweile mehr als ein Fünftel der Bevölkerung bilden. Und vor allem bei den unter 30-jährigen Befragten überwiegt die Aufgeschlossenheit gegenüber nichtreligiösen Präsidentschaftskandidaten deutlich, während bei den über 50-Jährigen ablehnende Haltungen stark verbreitet sind – hier kann sich derzeit gerade einmal jeder Zweite vorstellen, für einen Atheisten als Staatsoberhaupt zu stimmen. Doch auch unter den älteren Wählern ist in den vergangenen Jahren die Offenheit gegenüber Kandidaten ohne Bekenntnis zum Glauben an übernatürliche Mächte gewachsen: Während 2012 bei den über 65-Jährigen nur 40 Prozent angaben, kein Problem mit einem nichtreligiösen US-Präsidenten zu haben, teilten dies bei der neuen Umfrage 48 Prozent mit.

Die langsam wachsenden Sympathiewerte können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nichtreligiöse Menschen auch in den Vereinigten Staaten weiterhin eine Gruppe bilden, die eine stark unterdurchschnittliche Akzeptanz erfährt. So haben Präsidentschaftskandidaten mit einer atheistischen Lebensauffassung laut Gallup-Umfrage schlechtere Karten als Mitbewerber, die homosexuell sind oder sich zur islamischen Religion bekennen.

Nicht nur der Blick auf die Entwicklung der Umfrageergebnisse seit 2012, sondern ebenfalls der auf die Entwicklung bei anderen Gruppen in den vergangenen acht Jahrzehnten verdeutlicht, in welchen langen Zeiträumen sich das gesellschaftliche Bewusstsein der US-amerikanischen Gesellschaft modernisiert – und dass es dabei auch Rückschläge geben kann. So gaben 54 Prozent der Befragten im Jahr 1958 an, eine Präsidentschaftskandidatin für wählbar zu halten. In der aktuellen Umfrage meinten nun 92 Prozent, für eine Frau als Staatsoberhaupt stimmen zu können. Allerdings gibt es bei einem Teil der Wählerschaft offenbar wieder zunehmend den entschiedenen Wunsch nach einer männlichen Führungsperson: denn im Jahr 2011 meinten noch 96 Prozent, dass sie auch eine Frau an die Spitze der US-Politik wählen würden, d.h. vier Prozent mehr als im laufenden Jahr.

Noch schneller als gegenüber einem weiblichen Staatsoberhaupt haben sich die Vorbehalte gegenüber afroamerikanischen US-Präsidentschaftskandidaten verringert. 1958 hielten nur 38 Prozent der damaligen Bevölkerung einen afroamerikanischen Bürger für wählbar, derzeit sind es 92 Prozent – auch hier gab es mittlerweile ein kleines Minus, denn mit 96 Prozent Zustimmung wurde der bislang höchste Wert im Jahr 2012 erreicht. Bekennende Sexisten und Rassisten bilden mit acht Prozent also zwar eine kleine, aber doch beachtliche Minderheit in der US-Wählerschaft.

In Bezug auf religiös-weltanschauliche Merkmale vollzieht sich der Bewusstseinswandel in den USA allerdings langsamer als bei Vorbehalten aufgrund des Geschlechts oder der Hautfarbe, wie auch die Entwicklung der Wählerhaltung gegenüber Kandidaten jüdischen und katholischen Glaubens zeigen. So brauchte es ein Dreivierteljahrhundert bis mit heute 91 Prozent der Befragten eine ganz überwiegend Mehrheit erklärte, keine grundsätzliche Abneigung gegenüber einem Staatsoberhaupt jüdischen Glaubens zu besitzen.

Gallup

Ähnlich schlechte Chancen wie ein atheistischer Präsidentschaftskandidat heute hatten vor 75 Jahren auch katholische Bewerber, die damals nur 60 Prozent der Bevölkerung als wählbar beurteilten. Derzeit würden 94 Prozent kein grundsätzliches Problem mit einem Katholiken an der Spitze ihres Staates sehen, und mit dem 1963 ermordeten John F. Kennedy hatte es bereits Anfang der 1960er Jahre einen katholischen US-Präsidenten gegeben – welcher auch eine kleine Hilfe zur Einordnung der Bedeutung dieser Meinungsumfragen liefert: Im Jahr des Wahlsieges von Kennedy meinten 71 Prozent, dass sie für einen katholischen US-Präsidenten stimmen würden, 21 Prozent äußerten damals ihre Ablehnung. Das Beispiel zeigt allerdings nur, dass Zustimmungswerte jenseits der 90 Prozent nicht in jedem Fall erforderlich sind. Dass sich die Chancen von Kandidaten stets aus einem breiten Feld von Faktoren ergeben, ist eine Binsenweisheit.

Somit lässt sich derzeit keine seriöse Prognose zur Frage entwickeln, ob bei Fortsetzung der aktuellen Trends ab etwa dem Jahr 2030 ein nichtreligiöser Präsidentschaftskandidat in den USA mehrheitsfähig sein könnte. Deutliche Hinweise, dass auch bei laut Umfragen nur sehr minderheitlich verbreiteten Vorbehalten gegenüber einer sozialen Gruppe noch viele Jahrzehnte vergehen können, bis ein Angehöriger dieser Gruppe zum Staatsoberhaupt gewählt wird, liefert nicht nur Barack Obama. Mit ihm wurde 2008 erstmals ein farbiger Staatschef gewählt, obwohl schon 30 Jahre zuvor mehr als drei Viertel der Befragten angaben, dass sie offen für einen afroamerikanischen Politiker in diesem Amt wären. Ferner hat bis heute keine US-Präsidentin gegeben, obwohl die Wähler in den Vereinigten Staaten in Umfragen seit rund 30 Jahren erklären, dass sie für eine Frau stimmen würden. Mit der für die Wahlen im nächsten Jahr angetretenen Ex-Außenministerin Hillary Clinton, die einer methodistischen Kirche angehört, besitzt nun erstmals eine Kandidatin echte Aussichten auf einen Wahlsieg.

Einen deutlichen Hinweis, dass ein US-Präsident ohne religiöses Bekenntnis zurzeit als ein utopisches Szenario gelten kann, liefert zudem eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center aus dem vergangenen Jahr. Hier meinten 52 Prozent der Befragten, eine atheistische Haltung bei einem US-Präsidentschaftskandidaten würde die Wahrscheinlichkeit verringern, dass sie diesem ihre Stimme geben. Nur neun Prozent gaben an, es würde ihre Zustimmung wahrscheinlicher machen und lediglich 37 Prozent sagten, es würde ihre Entscheidung über eine Unterstützung nicht beeinflussen.

Von solchen Umfragewerten unbeeindruckt ist jedenfalls mindestens schon ein offen atheistischer Kandidat mit in den anlaufenden Wahlkampf um die US-Präsidentschaft gegangen: Zoltan Istvan, ein amerikanisch-ungarischer Futurist, Journalist, Buchautor und Unternehmer. Istvan wirbt für die von ihm gegründete Transhumanist Party und will die Verlängerung des menschlichen Lebens bis zur Unsterblichkeit mittels Technologie und Medizin in den Mittelpunkt der US-Politik rücken, er plädiert außerdem für die Besiedlung des Sonnensystems und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Mit einem Wahlsieg rechnet er dabei nicht: Wiederholt hat er erklärt, dass die Kandidatur lediglich PR-Zwecken dient, um seine Ideen und die Transhumanist Party bekannter zu machen.

Ob Zoltan Istvan der Offenheit der Wählerschaft in den Vereinigten Staaten gegenüber nichtreligiösen Präsidentschaftskandidaten eher zu- als abträglich ist, wird sich zeigen. Mit der Mischung aus euphorischer Zuversicht gegenüber den Möglichkeiten von Wissenschaft und Technologie, dem erklärten Ziel der Schaffung eines „neuen Menschen“ sowie Vorschlägen wie der Einführung eines Grundeinkommens spricht er wahrscheinlich nicht nur einen Teil insbesondere der jüngeren und technophilen Wählerschaft an – Istvan wird wohl einige Bürger auch an die Gruppe erinnern, die sich laut der neuen Gallup-Umfrage in der Wählergunst noch deutlich hinter Politikern mit atheistischen Überzeugungen befindet: Sozialisten. Und dass diese in USA auf nationaler Ebene mehrheitsfähig werden, ist wohl für wenigstens die nächsten 100 Jahre ziemlich unwahrscheinlich.