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Schottische Humanisten auf der Überholspur

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Immer mehr Paare im Königreich feiern ihren Bund fürs Lebens rein weltlich: Rund 4.200 Hochzeitsfeiern werden in diesem Jahr die schottischen Humanisten begleiten. Damit könnte die Zahl der religionsfreien Zeremonien zehn Jahre nach deren gesetzlicher Gleichstellung erstmals über denen der Kirche von Schottland liegen.
Dienstag, 23. Juni 2015
Foto: privat

Insgesamt über 20.000 schottische Paare haben sich im vergangenen Jahrzehnt für eine humanistische Hochzeitsfeier entschieden und jedes Jahr werden es mehr. 2005, als die Feiern rechtlich mit den kirchlichen Trauungen gleichgestellt wurden, waren es noch gerade mal 82 Eheschließungen, die die schottischen Humanisten begleiteten. Seitdem ist deren Zahl förmlich explodiert: Im Jahr 2010 feierten bereits mehr als 2000 Paare rein weltlich, seitdem hat sich die Menge der Aufträge für humanistische Zeremonien nochmals verdoppelt.

Die Zahl der Eheschließungen unter dem Dach der Kirche von Schottland ist hingegen stark zurückgegangen, von mehr als 10.000 ein Jahrzehnt zuvor auf rund 4.600 im Jahr 2013, wie die offizielle Statistik der Regierung zeigt. Da nichts auf eine Kehrtwende beim Rückgang kirchlicher Zeremonien hindeutet, gehen die schottischen Humanisten nun davon aus, dass ihre Feiern in diesem Jahr erstmals die Statistik anführen werden. Dann wäre das Land das erste weltweit, in dem religionsfreie humanistische Trauungen sich größerer Beliebtheit erfreuen als die jeweiligen Zeremonien der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften.

Gordon MacRae, Geschäftsführer der Humanist Society of Scotland, bezeichnete diese Entwicklung deshalb als eine „großartige schottische Erfolgsgeschichte“, die bislang ihresgleichen suche. Eine Ursache für die Entwicklung sieht er auch im demografischen Wandel, da jüngere Einwohner in der Regel keine Beziehung zu den religiösen Vorstellungen, wie sie die Glaubensgemeinschaften vertreten, mehr teilen würden. Zum anderen würde der „Ethos des Humanismus die Feier menschlicher Liebe und menschlichen Glücks in den Vordergrund stellen“ statt religiöse Dogmen und den Glauben an übernatürliche Mächte. Und schließlich böten die humanistischen Feiern „nicht nur eine persönliche und bedeutungsvolle Zeremonie, sondern auch die Verbindung zu einer größeren Bewegung von Menschen, die zum Wohl der Allgemeinheit tätig sind“, so MacRae gegenüber der Times of Scotland. Als eine „schockierende Diskriminierung“ bezeichnete er es, dass die Parlamente in England und Wales sich bislang weigern, humanistische Zeremonien ebenfalls gesetzlich gleichzustellen. Dort müssen konfessionsfreie Paare bislang das Standesamt aufsuchen, damit die Eheschließung rechtswirksam ist, während sich religiöse Menschen auch durch Geistliche trauen lassen können.

Kritisch zur diesjährigen Prognose der schottischen Humanisten äußerten sich laut BBC – wenig überraschend – Vertreter der Kirche von Schottland. Es hieß, unter Berücksichtigung der katholischen Trauungen, von denen es im Jahr 2013 knapp 1.600 gab, sowie anderer christlicher Glaubensrichtungen läge die Zahl kirchlicher Trauungen immer noch vor der Zahl humanistischer Hochzeitsfeiern.

In der Gesamtbilanz haben die Vertreter der Kirchen in Schottland aber schon längst die Kulturhoheit über die Eheschließungen verloren: Seit über zehn Jahren macht die Gesamtheit bekenntnisgeprägter Trauungen nur noch rund die Hälfte aller Trauungen aus, denn jedes zweite schottische Paar begnügt sich seit etwa 2003 mit der standesamtlichen Eheschließung.

Foto: HSS

Karen Watts und Martin Reijns waren das erste schottische Paar, das sich humanistisch trauen ließ. Foto: HSS

Den Gang zur Behörde mussten auch Karen Watts und Martin Reijns beinahe noch antreten. Sie sind das erste Paar, deren Feier die schottischen Humanisten 2005 begleiteten – nur kurz nach Inkrafttreten der gesetzlichen Gleichstellung humanistischer Trauungen. Ihren zehnten Hochzeitstag feierten die 39-jährige Tanzlehrerin und der 37-jährige Genomwissenschaftlicher am vergangenen Donnerstag gemeinsam mit mehr als einem Dutzend anderen Paaren, in dem sie in der Villa des nationalen zoologischen Parks in der Universitätsstadt Edinburgh ihr Ja-Wort bekräftigten.

In Deutschland besteht eine vor dem Gesetz gültige Eheschließung ausschließlich in einer standesamtlichen Trauung. Weder humanistische noch kirchliche Trauungen besitzen in Deutschland rechtliche Verbindlichkeit. Trotzdem entscheiden sich auch hierzulande viele Menschen für eine humanistische Feier zusätzlich zum Besuch des Standesamtes. Das besondere Profil humanistischer Hochzeitszeremonien ist unter anderem durch die umfassende Abstimmung der Feier auf die individuellen Wünsche des Paares, die Betonung der Übernahme von gegenseitiger Verantwortung und die klar weltliche Orientierung gekennzeichnet.