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Prognose zur Weltbevölkerung: 2050 gibt es fast so viele Muslime wie Christen

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Der Anteil der Konfessionsfreien an der globalen Bevölkerung wird laut Berechnungen des US-amerikanischen Pew-Forschungszentrums in den nächsten vier Jahrzehnten sinken. Eine Ursache sind teils extrem niedrige Geburtenraten. Zuwächse bei den Konfessionsfreien gehen vor allem auf Kosten der Christenheit.
Freitag, 3. April 2015
Foto: MaryLB / iStock Photo

Foto: MaryLB / iStock Photo

Das zeigt ein am Freitag veröffentlichter Bericht des Pew Forum on Religion & Public Life, für den die Demografen am Pew-Forschungszentrum zusammen mit Wissenschaftlern vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse im österreichischen Laxenburg mehr als 2.500 Zensus-Erhebungen, weitere verwandte Untersuchungen und Bevölkerungsstatistiken ausgewertet und miteinander verknüpft haben. Daten zum Durchschnittsalter, zu Fertilitäts- und Sterblichkeitsraten, zu Migrationsfaktoren und religiöser Konversion flossen in den in sechsjähriger Arbeit erstellten Bericht ein.

Der auf dieser Grundlage berechneten Prognose zufolge wird der Anteil der Menschen ohne Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft („unaffiliated“) in den nächsten vier Jahrzehnten auf 13 Prozent der Weltbevölkerung sinken, drei Prozent weniger als im Jahr 2010. Am stärksten wird der Anteil der Muslime innerhalb der globalen Population zunehmen, so dass es 2050 fast so viele Muslime auf der Erde geben wird wie Christen. Den zahlenmäßigen Gleichstand zwischen Christen und Muslimen mit je knapp einen Drittel Anteil (32,3 Prozent) an der Weltbevölkerung haben die Wissenschaftler für das Jahr 2070 errechnet. Als einen zentralen Faktor für die Entwicklungen nannten die Autoren des Berichts das Bevölkerungswachstum in den afrikanischen Staaten, in denen es sowohl große christlich wie auch muslimisch geprägte Bevölkerungen und hohe Geburtenraten gibt.

Illustration: Pew Research Center

Größe und prognostiziertes Wachstum der bedeutendsten religiösen Gruppen.

Ganz anders wird hingegen voraussichtlich die Entwicklung in den europäischen Ländern sein. Hier prognostiziert der Bericht eine schrumpfende Bevölkerungszahl sowie ein Wachstum der Gruppe der Konfessionsfreien, die in Deutschland dann knapp 21 Millionen Menschen bzw. rund 30 Prozent der zukünftigen Bevölkerung ausmachen werden. Auch in den Vereinigten Staaten soll der Anteil der Konfessionsfreien von 16,4 Prozent auf 25,6 Prozent im Jahr 2050 anwachsen. In Frankreich sollen die Konfessionsfreien dann sogar 44 Prozent der Bevölkerung stellen, in Japan 67,7 Prozent. Weltweit wird sich laut Bericht die Zahl der Konfessionsfreien dann auf 1,23 Milliarden belaufen. Das wären zwar knapp 100 Millionen mehr als 2010, doch die Spezies Mensch wird sich bis dahin auf 9,3 Milliarden Angehörige vergrößern – und Erdenbürger ohne religiöse Bindung werden somit aus globaler Perspektive eine verhältnismäßig kleinere Gruppe darstellen als heute. Etwa zwei Drittel und damit ein großer Teil dieser Konfessionsfreien werden auch zukünftig in asiatischen Ländern wie China, Japan, Vietnam sowie Nord- und Südkorea leben.

Maßgeblich ursächlich für das im globalen Maßstab relativ geringe Wachstum der Konfessionsfreien-Zahl sind die meist unterdurchschnittlichen und mitunter extrem niedrigen Geburtenraten. Während die Angehörigen der verschiedenen Religionen im Gesamtdurchschnitt 2,5 Kinder je Frau zählen und damit deutlich oberhalb der Bestandserhaltungsgrenze liegen, beläuft sich die Geburtenrate bei den Konfessionsfreien auf 1,7 Kinder je Frau. In der Region Europa bringt ein durchschnittliches Elternpaar sogar nur 1,4 Kinder in die Welt.

Illustration: Pew Research Center

Entwicklung in Europa.

Dies hat zwar unterschiedliche Ursachen, da etwa Frauen (und Männer) in China aufgrund der staatlich verordneten Ein-Kind-Politik aus anderen Motiven wenig Kinder bekommen als ihre Geschlechtsgenossinnen bzw. -genossen in kapitalistisch geprägten Ländern wie Japan und den westlichen Gesellschaften, hat jedoch zur Konsequenz, dass Konfessionsfreie zu ihrem Erhalt als Gruppe auf „Übertritte“ („switching in“/ „switching out“) von in religiöseren Haushalten aufgezogenen Menschen angewiesen sind – und diese kommen laut dem Prognose-Bericht ganz überwiegend aus christlichen Familien. So gehen die Autoren des Pew-Berichts davon aus, dass die globale Christenheit mit rund 106 Millionen „Austritten“ und dem auf dieser Ebene vergleichsweise stärksten Netto-Verlust an Mitgliedern rechnen muss. Bei den Konfessionsfreien, deren Zahl bis 2050 um rund 100 Millionen wachsen soll, wird das Wachstum durch ein Netto-Plus von 61,49 Millionen Menschen maßgeblich auf Übertritte zurückgehen – von denen, wie die Wissenschaftler aus den ihnen vorliegenden Daten schließen, der deutlich überwiegende Teil Männer sind.

Natürlich stellen die im am Freitag veröffentlichten Demografie-Bericht gezeigten Prognosen nur eine Entwicklung mit aus heutiger Sicht relativ hoher Wahrscheinlichkeit dar, die von einer Vielzahl von Faktoren abhängig ist. Jedoch macht der Bericht deutlich, dass mit einem Verschwinden von Religionen, wie es einige Atheisten erwarten, keinesfalls gerechnet werden kann. Und auch nicht damit, wie der US-Psychologe Nigel Barber vor einiger Zeit errechnet haben wollte, dass Atheismus ab etwa dem Jahr 2038 Oberhand über die Religionen gewonnen haben wird. Möglich ist zwar, dass Säkularisierungsfaktoren stärker auf die verschiedenen Gesellschaften als von den Wissenschaftlern erwartet einwirken werden. Nicht gänzlich unwahrscheinlich ist es aber auch, dass ökonomische und andere tiefgreifende Krisen die existierenden Säkularisierungsfaktoren hemmen. Ziemlich sicher scheint jedenfalls, dass die Prognosen Aufmerksamkeit bei den Vertretern aller genannten Religionen auf sich ziehen werden.