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Bangladesch: Extremisten töten atheistischen Blogger

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Erneut haben muslimische Extremisten in Bangladesch zugeschlagen: Am Montag ist der 27-jährige Washiqur Rahman in der Hauptstadt Dhaka von drei Angreifern mit Macheten ermordet worden. Zwei der Täter gaben gegenüber der Polizei an, dass Rahman wegen religionskritischer Äußerungen habe sterben müssen.
Dienstag, 31. März 2015
Bild: Screenshot

Washiqur Rahman.

Der brutale Überfall muslimischer Fanatiker ereignete sich am Vormittag auf offener Straße, nur wenige hundert Meter vom Haus des Opfers im Zentrum von Dhaka entfernt. Der Polizei gelang gemeinsam mit Einheimischen die Festnahme zweier Angreifer, der dritte befindet sich auf der Flucht. Trotz des unverzüglichen Transports von Washiqur Rahman in eine nahegelegene Klinik erlag dieser kurz nach der Einlieferung seinen schweren Verletzungen.

Die zwei bisher gefassten Mörder sind Studierende an islamischen Schulen in Dhaka, wie aus Berichten bangladeschischer Medien mit Berufung auf Polizeiangaben hervorgeht.  In einer Pressemitteilung erklärte die Polizei von Dhaka, dass „ideologische Differenzen“ das Mordmotiv gewesen seien. Die Inhaftierten hätten bei der Vernehmung zugegeben, Rahman wegen seiner anti-islamischen Texte und Äußerungen zu religiösen Themen getötet zu haben. Dieser hatte sich unter anderem bei Facebook, in Foren und Online-Journalen unter dem Pseudonym „Kutshit Hasher Chhana“ („hässliches Entlein“) als Atheist zu erkennen gegeben sowie als Autor betätigt und den religiösen Fundamentalismus im Land kritisiert. Das berichtete unter anderem die englischsprachige Sektion der Deutschen Welle mit Berufung auf den international bekannten bangladeschischen Blogger Asif Mohiuddin. Dieser war aufgrund seiner Tätigkeit als religionskritischer Autor im Jahr 2013 selbst Opfer einer Attacke in seinem Heimatland und mit mehr als 30 Messerstichen lebensbedrohlich verletzt worden. Mithilfe der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte flüchtete Mohiuddin im Frühjahr 2014 nach Deutschland, wo er sich derzeit in Berlin aufhält. (Zum Interview)

Bob Churchill, Sprecher der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU), zeigte sich bestürzt über das grausame Verbrechen. „Wir sind tief betrübt, dass eine weitere rationalistische Stimme so brutal zum Schweigen gebracht worden ist in dieser abscheulichen Gegenreaktion auf atheistische Blogger“, so Churchill. Er rief dazu auf, Solidarität mit Washiqur Rahmans Familie und allen Autoren Bangladeschs zu zeigen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung sowie die Diskussion über Religion und insbesondere den Islam ausüben. Asif Mohiuddin erklärte, der Ermordete sei ein Freund und eine äußerst freundliche Person mit einem tollen Sinn für Humor gewesen. „Seine Satiren waren großartig. Ich habe ihn den George Carlin von Bangladesch genannt“, so Mohiuddin. Auch Vertreter der Europäischen Union verurteilten die schreckliche Tat. In einer Stellungnahme der EU-Vertretung in Bangladesch hieß es, das Rechte auf freie Rede und Meinungsäußerung seien essentiell für eine demokratische Gesellschaft.

Der Mord an dem Blogger ist bereits die zweite grausame Bluttat innerhalb weniger Wochen. Bereits Ende Februar war der ebenfalls prominente US-amerikanisch-bangladeschische Aktivist und Blogger Avijit Roy auf dem menschengefüllten Campus der Universität der Hauptstadt mit Macheten getötet und dessen Frau schwer verletzt worden. Ebenso wie im Mord an Washiqur Rahman und im Fall von anderen in den vergangenen zehn Jahren getöteten Autoren, welche säkulare, liberale und religionskritische Standpunkte vertreten hatten, attackierten die radikalen Fanatiker ihre Opfer mit Hieben auf das Genick und den Kopf.

Die IHEU erneuerte anlässlich der Morde an Washiqur Rahman und Avijit Roy außerdem gestern ihren Aufruf für Spenden an den Human Rights Defence Fund. Diesen hatte die 1952 gegründete internationale Dachorganisation, die unter anderem bei UN-Menschenrechtsrat akkreditiert ist, Ende vergangenen Jahres eingerichtet, um auf die wachsende Zahl von Vorfällen reagieren zu können, in denen atheistische und religionskritische Personen zum Opfer von Gewalt und Verfolgung werden. Regelmäßig initiierte die IHEU in den vergangenen Jahren Hilfs- und Unterstützungsaktionen für nichtreligiöse Personen in verschiedenen Ländern, die wegen ihres Einsatzes für eine säkulare und freiheitliche Gesellschaft in eine konkrete Gefahr geraten sind. Unter anderem sorgte sie dafür, dass der Fall des wegen „Gottlosigkeit“ in eine Psychiatrie eingewiesene Nigerianers Mubarak Bala weltweite Aufmerksamkeit erhielt (Spiegel Online: Atheist offenbar wegen Gottlosigkeit in Psychiatrie eingewiesen) und schließlich auch auf internationalen Druck hin wieder freigelassen wurde. Außerdem gibt sie jährlich am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, den Bericht Freedom of Thought heraus, der die fast weltweit verbreitete Verfolgung und Benachteiligung von Humanisten, Atheisten und nichtreligiösen Menschen umfassend dokumentiert. Spenden für den IHEU-Projektfond werden ausschließlich für die Unterstützung von säkularen Aktivisten in Gefahrenlagen verwendet, u.a. zur Finanzierung von Transportkosten für asylsuchende Flüchtlinge, die Bezahlung von Rechtsbeiständen im Fall unrechtmäßiger Anklagen gegen Kampagnen-Vertreter oder die Finanzierung von Unterkünften für Personen, die in einem Land zum Untertauchen gezwungen sind.