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England: Krankenhaus-Seelsorge nun auch für Atheisten und Agnostiker

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Erstmals schließt die Richtlinie des englischen National Health Service (NHS) zur seelsorgerischen Betreuung ausdrücklich nichtreligiöse Patienten ein. Die britischen Humanisten begrüßen den Fortschritt.
Dienstag, 24. März 2015

Laut den neuen Richtlinien, die vor kurzem veröffentlicht wurden, sollen die zum staatlichen Gesundheitssystem gehörenden Einrichtungen künftig glaubensfernen Patienten eine ebenso qualifizierte seelsorgerische Betreuung zukommen lassen wie religiösen Patienten. Anlass für die entsprechende Überarbeitung der bisherigen Seelsorge-Richtlinie des NHS ist die veränderte weltanschauliche Landschaft in England, die stark von einem Wachstum des kirchenfernen Bevölkerungsanteils geprägt ist. In der sozialwissenschaftlichen Erhebung British Social Attitudes Survey gab im Jahr 2013 jeder zweite der mehr als 3.000 Befragten (50,6 Prozent) an, keiner Religion anzugehören, knapp 42 Prozent bezeichnete sich als Christen.

Das englische Gesundheitssystem beschäftigt seit 1948 hauptberufliche Seelsorger verschiedener Konfessionen, die in ihrer Arbeit für die Patienten und das medizinische und pflegerische Personal von Ehrenamtlichen unterstützt werden. Deren Tätigkeit wird vom im September 2013 ins Leben gerufenen Chaplaincy Leaders Forum, in dem die British Humanist Association (BHA) als Beobachter beteiligt ist, begleitet und kontrolliert. Es sei ebenfalls sicherzustellen, so die Richtlinie, dass auch das Personal die für die Betreuung nichtreligiöser Patienten erforderlichen Kenntnisse besitzt und eine Verfügbarkeit von Betreuungsangeboten für nichtreligiöse Patienten gewährleistet ist.

In der Richtlinie heißt es ferner, es gebe eine wachsende Zahl an Belegen, dass eine „angemessene spirituelle Unterstützung einen unmittelbaren und anhaltenden Vorteil“ für diejenigen habe, die in krisenhaften und stark belastenden Situationen wie beispielsweise plötzlichem Kindstod, lebensbedrohlicher Krankheiten oder palliativmedizinischer Behandlung, seelsorgerische Hilfe in Anspruch nehmen.

Die British Humanist Association, welche in die Ausarbeitung der neuen Richtlinie einbezogen war, begrüßte die offizielle Verpflichtung zur Gleichbehandlung von nichtreligiösen und religiösen Patienten im Gesundheitswesen. BHA-Direktor Andrew Copson kündigte an, der Verband werde das bestehende Ehrenamtlichen-Netzwerk im Seelsorge-Bereich vergrößern, um die Einrichtungen des staatlichen Gesundheitssystems bei der Erfüllung ihrer Pflichten zu unterstützen. Ziel sei die vollständige Öffnung des Bereichs Seelsorge, damit dort ebenfalls nichtreligiöse Seelsorger hauptberuflich tätig werden können. David Savage, Leiter des Bereichs seelsorgerischer Hilfe in der BHA, bezeichnete es als „großartig“, dass auch im Gesundheitswesen nun ein rechtlicher Anspruch für nichtreligiöse Menschen auf humanistische Unterstützung existiert. Insassen von englischen Haftanstalten besitzen diesen Anspruch schon seit einigen Jahren. Savage sei überwältigt gewesen von der Zahl an Bewerbungen für das bestehende Netzwerk aus ehrenamtlichen Seelsorgern. „Wir sind uns sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis humanistische Seelsorge eine ebenso wichtige Dienstleistung für nichtreligiöse Menschen im Land werden wie dies humanistische Zeremonien für eine große Mehrheit der Briten mit nichtreligiösen Überzeugungen geworden sind“, so David Savage.

In der Krankenhaus- oder Gefängnisseelsorge in der Bundesrepublik Deutschland sind bislang fast ausschließlich haupt- und ehrenamtliche Seelsorger tätig, die der christlichen Religion angehören. In einigen Bundesländern, darunter Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen, wird derzeit an der Entwicklung einer muslimischen Gefängnisseelsorge gearbeitet.