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Im Schrank oder im Grab – Ex-Muslime in Afrika

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Der Fall von Mubarak Bala, einem Nigerianer, der sich vom Islam abgewandt hat und Atheist wurde, ist ein klarer Indikator für die prekäre Situation von Ex-Muslimen in dieser Region.
Donnerstag, 24. Juli 2014
Foto: privat

Mubarak Bala (l.) mit seiner Mutter, bevor er sich als Atheist zu erkennen gab.

Bala kommt aus dem Scharia-Staat Kano, in dem die islamische Theokratie an der Macht ist. Seine Abkehr vom muslimischen Glauben war von den Familienmitgliedern nicht wirklich gut aufgenommen worden. Sie dachten, Bala sei verrückt und haben ihn gewaltsam in eine Psychiatrie einweisen lassen.

Nigeria: Atheist offenbar wegen Gottlosigkeit in Psychiatrie eingewiesen Nachdem die Internationale Humanistische und Ethische Union (IHEU) am 24. Juni 2014 auf den Fall von Mubarak Bala aufmerksam gemacht, berichtete unter anderem Spiegel Online über die Schwierigkeiten des nigerianischen Ex-Muslim. Am 3. Juli teilte die IHEU mit, dass Bala gemeinsam mit zahlreichen anderen Patienten aus der Klinik entlassen wurde. Grund dafür war laut BBC ein Ärztestreik. Kurz nach der Freilassung erhielt er laut einem Bericht der britischen Zeitung Guardian Morddrohungen und ist deshalb nun an einem unbekannten Ort in Nigeria untergetaucht.

Glücklicherweise gelang es Bala, von seinem Krankenbett aus Nachrichten zu verschicken, in denen er um Hilfe bat. Er machte seine Online-Freunde auf sein Dilemma aufmerksam. Seine Freunde antworteten, indem sie lokale und internationale Unterstützung mobilisierten. Einige Zeit später wurde Bala aus dem Krankenhaus entlassen. Er lebt seither versteckt und muss weiterhin um sein Leben fürchten. Ja, wir können sagen, dass Bala bis zu einem gewissen Grad frei ist, aber andere Ex-Muslime in Nigeria und in anderen Teilen Afrikas, sind es nicht. Ex-Muslime leben in dieser Region in Unfreiheit. Den Islam zu verlassen, ist, als würde man gegen sich selbst die Todesstrafe verhängen. Ex-Muslime sind aufgrund des Scharia-Gesetzes, das in den Köpfen und Moralvorstellungen von Menschen in muslimischen Gemeinden verankert ist, praktisch unsichtbar.

Bala hatte Glück, dass einige freidenkerische und humanistische Menschenrechtsgruppen von seiner Situation rechtzeitig erfahren haben und zu seiner Rettung kamen. Andere Ex-Muslime haben nicht so viel Glück. Sie leiden und sterben im Stillen, ohne, dass es irgendjemand merkt. Sollten wir erlauben, dass das so weitergeht? Nein, sollten wir nicht.

Ex-Muslime werden missbraucht und gefoltert, ohne, dass die Täter hierfür belangt werden. Sie werden wie Menschen ohne Rechte behandelt. Ex-Muslime in Afrika leben ein anonymes Leben. Sie können sich nicht öffentlich als solche identifizieren. Sie leben in permanenter Angst um ihr Leben. Ex-Muslime sind ständig besorgt, dass Freunde und Familienmitglieder eventuell davon erfahren, dass sie vom Glauben an den Islam abgekommen sind – dass sie nicht länger an Allah glauben – oder an den Propheten Mohammed.

Ex-Muslime genießen nicht die Religions- oder Glaubensfreiheit, weil es keine Religionsfreiheit unter der Scharia gibt. Was es jedoch stattdessen unter der Scharia gibt, ist „Unfreiheit“ von Religion, oder viel mehr „Freiheit“, sich zu einer Religion zu bekennen – dem Islam. Muslime werden gezwungen, sich zum islamischen Glauben für immer und ewig zu bekennen. Den Islam zu verleugnen, ist Apostasie. Und Apostasie ist ein Verbrechen, das mit dem Tod bestraft werden muss

Der Islam definiert sowohl die gesamte Idee von Familie als auch von der Gemeinschaftsehre. Demzufolge entehrt man die Familie und die Gemeinschaft, wenn man sich vom Islam abwendet. Und die Familie zu entehren ist eine ernsthafte Beleidigung, die dazu führen kann, dass die Person, die sich gegen den Islam ausspricht, umgebracht wird. Einfach gesagt: Jeder, der den Islam verleugnet, verdient keinerlei Gnade. Diese Person wird ohne Mitleid behandelt.

Der Fall der Meriam Ibrahim, einer Frau aus dem Sudan, deren Vater Muslim war, die jedoch von ihrer christlichen Mutter aufgezogen wurde, macht diesen Punkt sehr deutlich. Ibrahim hatte einen christlichen Mann aus dem Süd Sudan geheiratet. Sie bekannte sich zum Christentum. Um „Allahs Zorn“ abzuwenden, haben ihre Familienmitglieder sie einer islamischen Behörde gemeldet und sie wurde der Apostasie angeklagt. Dann, im April, hat ein islamisches Gericht in Khartoum sie zum Tod durch Erhängen verurteilt. Was das zeigt, ist, dass eine Person, deren Vater Muslim ist, daran gebunden ist, sich zum Islam zu bekennen, selbst dann, wenn die Mutter einer anderen Religion anhängt. Jeder, dessen Vater Muslim ist, kann seine oder ihre Religion nicht ändern, darf sich nicht vom Islam abkehren. Den Islam zu verleugnen, bedeutet die Todesstrafe.

Jemand soll mir noch einmal sagen, dass es im Islam keinen Zwang gibt. Es gibt ihn. Wenn es keinen Zwang gibt, könnten Menschen, deren Eltern Muslime sind, sich offen vom Islam abwenden oder zu einer anderen Religion konvertieren, die sie selbst gewählt haben, ohne, dass sie verfolgt werden.

Streng genommen gibt es in muslimischen Ländern zwei Orte, an denen man Ex-Muslim sein darf: im Schrank oder im Grab. Da der Schrank an sich kein tatsächlicher Ort ist, kann man wohl sagen, dass es nur einen Ort gibt, an dem man ein Ex-Muslim sein darf: das Grab. Unter der Scharia haben Ex-Muslime keine Religionsfreiheit, keine Ausdrucks- oder Vereinigungsfreiheit und keine Lebensfreiheit. Das muss sich ändern. Wir brauchen Bemühungen, um die Situation von Ex-Muslimen in Afrika deutlich zu verbessern.

Säkularisten und Menschrechtsaktivisten müssen sich gemeinsam dieser Herausforderung stellen und die Menschenrechte von Ex-Muslime in Afrika fördern. Die Zeit ist gekommen, dass wir das Schweigen über die Rechte von Apostaten in dieser Region brechen. Wir müssen die afrikanischen Länder unter Druck setzen, dass sie Maßnahmen ergreifen, um die Religions- und Glaubensfreiheit zu bewahren, wie es in ihren Verfassungen verankert ist, vor allem die Freiheit, seine eigene Religion ändern zu können und die Freiheit, sich von einer Religion abzuwenden. Afrikanischen Staaten sollte erklärt werden, dass Religionsfreiheit keinen Sinn hat, wenn man nicht die Rechte von Individuen, die sich vom Islam abgewandt und einer anderen Religion zugewandt haben, oder sich gar keiner Religion zugehörig fühlen, respektiert.

Twitter: Nach der Entlassung wurde Mubarak Bala weiter durch zahlreiche Gläubige bedroht.

Es gibt keine Religionsfreiheit, wenn eine Person genötigt wird, sich zum Islam zu bekennen, weil ihr Vater Muslim ist. Es gibt keine Religionsfreiheit in Ländern, in denen Apostasie oder Blasphemie als Verbrechen geahndet wird. Afrikanische Staaten müssen lernen, dass Religionszugehörigkeit nicht vererbbar ist. Sich zu einer Religion zu bekennen, sollte die eigene Entscheidung sein und nicht von Familie oder Staat aufgezwungen werden. Sich zu einer Religion bekennen oder nicht ist ein Menschenrecht. Der wahre Test, wie ein Staat tatsächlich zu Religions- oder Glaubensfreiheit steht, ist, wie sie Ex-Muslime behandeln und ob sie Menschenrechte derjenigen (an)erkennen, die sich weder dem Islam noch einer anderen Religion zugehörig fühlen.

Lasst uns gemeinsam arbeiten und Kampagnen starten, um die Menschenrechte und die Würde von Ex-Muslimen in Afrika zu schützen, ob sie unter der Scharia leben oder nicht. Das ist es, um was es in der Afrikanischen Renaissance geht.

Übersetzung: Saskia Albarus