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Humanisten wollen in Guatemala bekannt werden

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Auch in Lateinamerika werben Menschen, die an keinen Gott mehr glauben, in der Öffentlichkeit für ihre Überzeugungen. Mit internationaler Unterstützung will der Anfang des Jahres gegründete Verband von Humanisten in Guatemala endlich den Durchbruch schaffen. Als öffentlichkeitswirksames Zugpferd dient der US-amerikanische Bürgerrechtler Dan Barker.
Dienstag, 8. Juli 2014
Foto: privat

"Es lebe die Evolution" – Ein ebenfalls in Guatemala immer beliebteres T-Shirt-Motiv. Foto: privat

Laut einer repräsentativen Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup im Jahr 2011 zählen die Menschen in Lateinamerika zu den glücklichsten der Welt. 82 Prozent der Befragten in Guatemala gaben damals an, positive Empfindungen und Erlebnisse in wichtigen Bereichen des sozialen Alltags während der letzten Tage gehabt zu haben und sich gut ausgeruht zu fühlen. Ein Spitzenwert auch im direkten Vergleich zum wohlhabenden Deutschland, wo das nur 74 Prozent meinten. In einem etwas anderen Licht erscheinen die Ergebnisse jedoch beim Blick auf die weltanschaulichen Orientierungen, von denen die Gesellschaft in Guatemala geprägt wird. Mit rund 55 Prozent zählt mehr als die Hälfte der 12,7 Millionen Einwohner des Landes zur katholischen Kirche, etwa 45 Prozent gehören zu einer protestantischen Kirche – letztere sind überwiegend evangelikale Gemeinden. „Gottlos glücklich“ – solch ein Leben erscheint bislang für kaum einen Einwohner des Landes denkbar.

Damit sich das in Zukunft ändern kann, wurde im März dieses Jahres von rund zwei Dutzend nichtreligiösen Menschen die Asociación Guatemalteca de Humanistas Seculares (AGHS, „Verband der säkularen Humanisten Guatemalas“) gegründet. Die Trennung von Staat und Kirche, die Förderung wissenschaftlich geprägter Bildungsprogramme und ein laizistisches Bildungssystem gehören ebenso zu den Zielen der AGHS-Mitglieder wie das Eintreten für die Rechte von homo- und intersexuellen Menschen, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und der Tierschutz: alles in allem ein typisches säkular-humanistisches Arbeitsprogramm, wie es sich viele Humanisten-Verbände zur Aufgabe gemacht haben.

Am 17. Juli will die junge Organisation nun mit einer ersten Großveranstaltung die breite Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machen. Eine Auftaktkonferenz in der Hauptstadt des Landes soll dann bis zu 600 Gäste anlocken. Als Zugpferd und prominente Stimme wird dabei der US-amerikanische Bürgerrechtler, Musiker und Autor Dan Barker dienen. Gemeinsam mit seiner Frau ist Barker Präsident der Freedom From Religion Foundation, deren Zweck unter anderem der Kampf gegen die Diskriminierung von nichtreligiösen Menschen in den Vereinigten Staaten ist. Neben Barker werden auch der Psychologe und Zauberkünstler Raúl de la Horra und der Biologe und Musiker Jack Schuster versuchen, das Publikum für humanistische Ideen zu gewinnen und das Interesse an einem Leben ohne Religion zu wecken. Ermöglicht wurde die Großveranstaltung durch finanzielle Unterstützung des Entwicklungshilfefonds der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) und einer Spende der 1991 gegründeten italienischen Atheisten-Organisation Unione degli Atei e degli Agnostici Razionalisti („Union der rationalen Atheisten und Agnostiker“).

Dan Barker.

Dan Barker war einst selbst ein evangelikaler Prediger.

Hauptzweck der Großveranstaltung in Guatemala-Stadt sei die Bekanntmachung des Verbandes und die Werbung für Humanismus als wertvolle und tragfähige Lebenseinstellung, sagte AGHS-Präsident David Pineda gegenüber der IHEU. „Wir wollen für Werte wie Meinungs- und Gewissensfreiheit, die Freiheit des Denkens und der freien Untersuchung eintreten, aber auch für die Trennung von Staat und Kirche.“

Geplant seien zukünftig weitere Aktivitäten im Rahmen von praktischem Humanismus, erklärte Pineda. „Wir brauchen auch eine Organisation für humanitäre Arbeit, weshalb wir uns darauf freuen, einen Raum für konfessionsfreie Menschen zu bieten, in denen sie zusammenkommen und denen in Not helfen können.“ Bereits jetzt seien die AGHS-Mitglieder in diesem Feld ehrenamtlich tätig, in dem sie älteren Bürgern im Haushalt helfen. Denn solch ein gesellschaftliches Engagement trägt auch dazu bei, die weitverbreiteten Vorurteile gegenüber Menschen ohne Religion abzubauen. Und daran besteht in der Gesellschaft des Landes dringend Bedarf.

„Jüngste Umfragen zeigen, dass sich 0,81 Prozent [der Bevölkerung, d. Red] als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen, und sich nur 4,58 Prozent keiner bestimmten Religion zugehörig fühlen“, so Pineda weiter. Diese Zahlen machen deutlich, dass nichtreligiöse Menschen sich in einer überwältigenden Minderheitslage befinden. Diese bräuchten Solidarität und Mitgefühl. Denn unabhängig von dem, was Umfragen über die „Glücklichkeit“ der Landesbevölkerung berichten, haben Menschen ohne Vorstellungen von übernatürlichen Mächten im allgemeinen Bewusstsein meist den Status von Bürgern zweiter Klasse. „Die Abwesenheit von religiösem Glauben wird in Guatemala ganz überwiegend als charakterlicher Mangel angesehen“, berichtet Pineda.