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England: Kreationismus-Unterricht aus Schulen verbannt

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Eine neue Richtlinie der britischen Regierung dehnt das Verbot pseudowissenschaftlicher Lehren auf sämtliche Schulen in freier Trägerschaft aus.
Mittwoch, 18. Juni 2014

Sind Wissenschaft, Evolution und religiöser Glaube miteinander vereinbar? Zur Frage, auf die viele Atheisten entschieden mit Nein antworten würden, meint die Regierung im Vereinigten Königreich: sie müssen es sein – jedenfalls dann, wenn es um die Bildung von Heranwachsenden geht. Kreationistische Theorien und andere unwissenschaftliche Lehren sollten laut einer aktuellen Reform der Richtlinien für Schulen in freier Trägerschaft zukünftig nicht mehr als seriöse Erklärungsmodelle dargestellt werden dürfen.

Die Gründung von Schulen und anderen Bildungs- und Sozialeinrichtungen in Trägerschaft zivilgesellschaftlicher Organisationen wird im Rahmen des „Big Society“-Programms seit einigen Jahren verstärkt von der britischen Regierung gefördert. Auch Religionsgemeinschaften engagieren sich deshalb intensiv in diesem Bereich. So ist es in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Eröffnungen konfessioneller Schulen gekommen, in denen die jeweiligen Glaubenssätze unmittelbar zum Bestandteil des Unterrichts gemacht wurden. Zukünftig dürfen diese aber nicht mehr in einer den Fakten widersprechenden Weise vermittelt werden. Ansonsten folgt der Entzug der öffentlichen Zuschüsse.

Die vom Bildungsministerium des Landes überarbeiteten und nun von der Regierung beschlossenen Vorgaben fordern unter anderem, dass die Vermittlung von Evolution in allen geförderten Schulen als „umfassende, kohärente und umfassend belegte Theorie“ zu erfolgen hat. Eine Darstellung von pseudowissenschaftlichen Theorien, die den etablierten wissenschaftlichen und historischen Erkenntnisständen und Erklärungsmodellen widerspricht, ist laut den Vorgaben der neuen Finanzrichtungslinie unzulässig. Die Vorgabe gilt zudem nicht nur für den Biologieunterricht, sondern für alle Schulfächer.

Bereits zu Beginn des Jahres 2012 war eine überarbeitete Richtlinie erlassen worden, die den Ausschluss von neu gegründeten Schulen von staatlicher Unterstützung vorsah, wenn an ihnen Kreationismus, „Intelligent Design“ oder vergleichbare Ideen verbreitetet werden sollen. Vorausgegangen war der Reform eine knapp zehn Jahre währende Kampagne der British Humanist Association, die sich gegen die wachsende Verbreitung der entsprechenden Theorien an den Schulen in freier Trägerschaft richtete.

Die nun weiter reformierten Vorgaben dehnen das Verbot von pseudowissenschaftlichen Lehren auch auf die bereits bestehenden freien Grund- und Sekundarschulen wie die sogenannten Academy Schools aus. Letztere werden ebenfalls unmittelbar aus dem öffentlichen Haushalt finanziert, unterstehen jedoch keiner direkten Kontrolle durch die lokale Regierung. Laut den Richtlinien soll eine Diskussion über religiöse und andere Erklärungsmodelle im Unterricht weiterhin möglich sein, diese dürfen jedoch nicht als valide Alternative zu den wissenschaftlich etablierten Theorien dargestellt werden.

Die Neuerungen wurden bei der British Humanist Association begrüßt. Sprecherin Pavan Dhaliwal verwies dabei auch auf den ab dem Herbst geltenden nationalen Lehrplan, der vorsieht, dass ab dem neuen Schuljahr bereits an Grundschulen über die Evolution unterrichtet wird. Damit seien die Ziele der im Jahr 2002 angestoßenen Kampagne weitgehend erfüllt. „Wir gratulieren der Regierung zu ihrer soliden Haltung in dieser Angelegenheit“, sagte Pavan  Dhaliwal. Mit Blick auf die kreationistische Beeinflussung in Kinderbetreuungseinrichtungen, die sich  in Trägerschaft konfessioneller Organisationen befinden, gebe es aber weiterhin politischen Handlungsbedarf.

Eine im März dieses Jahres abgeschlossene Untersuchung hatte ergeben, dass die Pädagogik in mehreren Dutzend öffentlich finanzierten Kindertagesstätten pseudowissenschaftliche Theorien beinhaltet. Zudem haben sich bei der Kontrolle von konfessionellen Schulen erhebliche Mängel gezeigt. Wie die Zeitung The Sun aufdeckte, vertreten einige der zuständigen Schulinspektoren kreationistische, anti-atheistische oder homophobe Meinungen. So befürworte laut The Sun Ibrahim Hewitt, Konvertit und Inspektor für muslimische Konfessionsschulen, dass Ehebrecher gesteinigt werden sollten.