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Ägypten: Islamkritischer Atheist verschollen

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Der Politologe, Buchautor und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad ist möglicherweise von Islamisten entführt worden. Bestätigen sich die Vermutungen, wäre das der zweite Anschlag auf einen prominenten Religionskritiker durch religiöse Fanatiker innerhalb kurzer Zeit. Im Netz bekunden nun zahlreiche Sympathisanten ihre Anteilnahme am Schicksal Abdel-Samads.
Montag, 25. November 2013
Foto: (c) Evelin Frerk

Große Sorge bei vielen Beobachtern nach dem spurlosen Verschwinden von Hamed Abdel-Samad. Foto: (c) Evelin Frerk

Berichten zufolge ist der 41-Jährige seit Sonntagabend verschwunden. Zuletzt bekannt sei über sein Schicksal, dass Abdel-Samad, der erst vor kurzem für einen Besuch bei seiner Familie nach Kairo gereist war, ohne Begleitung durch Leibwächter zu einer Verabredung in den Al-Azhar-Park gegangen war. Danach verliert sich die Spur des prominenten Autoren, der vor allem durch seine deutliche Kritik an der muslimischen Religion („Der Untergang der islamischen Welt“) und als Gast in diversen TV-Shows bekannt geworden ist. Zuletzt war Hamed Abdel-Samad im Sommer in die Schlagzeilen geraten, nachdem radikale Muslime wegen eines Vortrages vor säkularen Aktivisten in Ägypten zu seiner Ermordung aufgerufen hatten.

Sein Verschwinden in Kairo war zuerst von der Familie bemerkt worden. Nachdem zunächst nur arabische Medien über eine mögliche Entführung berichteten, sagte der Bruder des deutsch-ägyptischen Schriftstellers Mahmoud am Montag gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Seit Sonntagnachmittag haben wir nichts mehr von ihm gehört, und wir vermuten radikale Islamisten von der Gamaat al-Islamija hinter der Tat.“ Die ägyptischen Sicherheitsbehörden haben die Ermittlungen aufgenommen. Diese gehen ebenfalls von einer Entführung aus.

Mittlerweile forderte auch die Bundesregierung eine unverzügliche Aufklärung über das Schicksal des atheistischen Islamkritikers: „Ich bin in Sorge über das Schicksal von Hamed Abdel-Samad. Wir haben die ägyptische Regierung aufgefordert, alles Mögliche zu tun, um den Verbleib von Hamed Abdel-Samad zu klären und für seine Sicherheit zu sorgen“, zitierte die BILD-Zeitung Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Wie die Berliner Zeitung am Abend berichtete, habe der deutsche Botschafter in Kairo außerdem Kontakt mit der ägyptischen Regierung aufgenommen. Auch der Krisenstab des Auswärtigen Amtes habe sich mittlerweile eingeschaltet.

Dem Aufruf von Beobachtern und Fans des bekannten Autoren gegenüber der Bundesregierung, auf eine schnellstmögliche Aufklärung des Falls hinzuwirken, verleiht derzeit außerdem eine Petition im Internet deutlich Nachdruck. Sie wurde innerhalb weniger Stunden über 10.000 Mal unterzeichnet. Eine Facebook-Seite mit dem Namen „Wir beten für das Leben von Hamed Abdel-Samad“ zählt derzeit bereits über 500 Anhänger. Zahlreiche Sympathisanten und Unterstützer äußerten anderweitig ihre Anteilnahme. Der Psychologe und frühere Islamist Ahmad Mansour, heute als Autor und Gruppenleiter des HEROES-Projekts gegen „Unterdrückung im Namen der Ehre“ tätig, erklärte in einer ersten Reaktion, er sei traurig und fassungslos. Viele weitere Bekundungen der Anteilnahme am Schicksal finden sich in den sozialen Netzwerken, darunter vom Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Dieser erklärte „zutiefst besorgt“ über das Verschwinden von Hamed Abdel-Samad zu sein, dem er sich seit vielen Jahren eng verbunden fühle.

Sofern sich die Vermutungen bestätigen und Hamed Abdel-Samad tatsächlich einer Gewalttat zum Opfer gefallen ist, wäre das der zweite Anschlag auf einen prominenten Religionskritiker durch religiöse Fanatiker innerhalb weniger Monate. Bereits im August ist in Indien der bekannte Vertreter der dortigen Rationalistenbewegung, Narendra Dabholkar, bei einem Mordanschlag ums Leben gekommen.