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US-Katholiken fordern Abschaffung von Sonderstatus des Vatikans bei den Vereinten Nationen

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Die katholische Kirche sollte von den Vereinten Nationen nicht länger wie ein Staat behandelt werden. Mit einer neuen Kampagne fordern US-amerikanische Katholiken, die privilegierte Stellung des „Heiligen Stuhls“ bei der internationalen Organisation endlich aufzuheben.
Samstag, 5. Oktober 2013
Foto: Patrick Gruban / CC-BY-SA

UN-Generalversammlung in New York: Hier kann die Kirche immer wieder wichtige Beschlüsse blockieren. Die Leidtragenden sind unter anderem Frauen.  Foto: Patrick Gruban / CC-BY-SA

„Warum wird es dem Heiligen Stuhl erlaubt, als Staat maskiert allen die engste Interpretation seiner religiösen Doktrinen aufzuzwingen?“ Das fragt der Präsident der US-amerikanischen liberalen Organisation „Catholics for Choice“, Jon O’Brien, in einem am Montag veröffentlichen Beitrag in der Washington Post. Alle anderen Religionen seien bei den Vereinten Nationen als Nichtregierungsorganisationen vertreten, doch nur dem Vatikan werde ein einzigartiger Zugang zur UN-Generalversammlung und anderen internationalen Konferenzen gewährt. Das muss sich ändern, heißt es.

Bei den Vereinten Nationen besitzt der Heilige Stuhl, verkörpert durch den amtierenden Papst der katholischen Kirche, einen Sitz als permanenter Beobachter. Seine Vertreter haben zahlreiche Rechte, die den Repräsentanten aller anderen Religionsgemeinschaften nicht zur Verfügung stehen.

In einer vor kurzem vorgestellten Kampagne stellt die katholische Laienorganisation die kaum nachvollziehbar herausgehobene Stellung des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen erneut in Frage. Denn obwohl Vatikanstadt eine kleinere Fläche als ein gewöhnlicher Golfplatz umfasst und gerade nur einige hundert Bewohner hat, die sämtlich eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, kann sich die Kirche bei der Blockade vieler Beschlüsse auf eine privilegierte Stellung stützen. Überzeugungen, die in Wirklichkeit nur von einer Minderheit vertreten werden, werden so den Bevölkerungen ganzer Länder auferlegt, lautet die Kritik.

Weiter schreibt O’Brien in seinem Beitrag, auch wenn der Vatikan hart daran arbeite, das Bild zu erzeugen, er spreche für alle Katholiken, sei das eben nicht der Fall. „Selbst überwiegend katholische Staaten stimmen nicht mit der extremen Position des Heiligen Stuhls überein, wenn es um Verhütung, Sexualpädagogik und Abtreibung geht.“

Und nicht nur in Fragen der Familienpolitik würde die Kirche mit ihrer ultrakonservativen Agenda so Einfluss auf die gesamte Weltbevölkerung nehmen können. Ein Videoclip zur Kampagne erklärt: Um die eigenen Ziele auch gegen den Widerstand selbst mehrheitlich katholisch geprägter Staaten durchzusetzen, gingen die Vatikan-Vertreter immer wieder Allianzen mit Regimen wie Syrien, Libyen und dem Sudan ein.


Tatsächlich ist nach völkerrechtlichen Maßstäben umstritten, ob der Vatikan als Staat angesehen werden kann. Experten wie der ehemalige UN-Richter und britische Kronanwalt Geoffrey Robertson wandten sich deutlich dagegen. Auch Kirchenvertreter wie der schottische Erzbischof Leo Cushley gaben in der Vergangenheit zu, dass es schwer falle, die Kirche als einen „echten“ Staat zu sehen.

Kritik am besonderen Status des Papstes äußerten auch schon Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). So erklärte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider im Vorfeld der letzten offiziellen Reise von Benedikt XVI. durch Deutschland im September 2011, dass ihn das Selbstverständnis der katholischen Kirche als Staat tief irritieren würde. Er habe keine Idee, wie er „als Protestant einen positiven Zugang zum Papstamt und dem Anspruch, der damit verbunden ist, finden soll“, sagte Schneider damals.

In der Washington Post schreibt der „Catholics for Choice“-Präsident mit Verweis auf die Charme-Offensive von Franziskus und dessen in den vergangenen Wochen angedeutete Abkehr vom reaktionären Kurs seines Amtsvorgängers schließlich: „Damit die Wendung des neuen Papstes eine Wirkung entfalten kann, müssen die Vereinten Nationen damit beginnen zu erkennen, dass der Heilige Stuhl kein Staat ist und keine größere Repräsentanz als irgendeine andere Religion haben sollte.“ Erst wenn Franziskus und seine Vertreter den Weg räumen, damit Menschen jeden Glaubens und jeder Religion das Recht auf eigene moralische Entscheidungen wahrnehmen können, gäbe es tatsächlich einen Grund zu feiern.