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Streit um Jungenbeschneidung geht in neue Runde

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Am Dienstag hat die Parlamentarische Versammlung des Europarates eine Resolution verabschiedet, in der sie eine „besondere Besorgnis“ über Verletzungen der „körperlichen Integrität von Kindern“ erklärt. Neben der Nötigung zu Tattoos, Piercings und medizinischen Behandlungen intersexueller Kinder nennt die Resolution die religiöse Jungenbeschneidung.
Freitag, 4. Oktober 2013

Die neue Resolution der Versammlung verweist unter anderem auf die UN-Kinderrechtskonvention, wonach die Vertragsstaaten alle geeigneten Maßnahmen treffen sollen, „um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs zu schützen, solange es sich in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils, eines Vormunds oder anderen gesetzlichen Vertreters oder einer anderen Person befindet, die das Kind betreut.“

Insgesamt sieben konkrete Forderungen an die 47 im Europarat versammelten Staaten enthält die mit 77 Ja- gegen 19 Nein-Stimmen bei 12 Enthaltungen beschlossene Resolution. Unter anderem sollen Maßnahmen ergriffen werden, die auf ein erhöhtes Bewusstsein für die Verletzung der körperlichen Integrität von Heranwachsenden unter 18 Jahren in Familien, dem Gesundheitswesen, Schulen und religiösen Gemeinschaften oder öffentlichen Dienstleistungseinrichtungen zielen. Ferner sollen öffentliche Debatten einschließlich interkultureller und interreligiöser Dialoge initiiert werden, die zu einem breiten Konsens über das Recht des Kindes, Schutz vor Verletzungen seiner Unversehrtheit gemäß der geltenden Menschenrechtsstandards zu erhalten, führen.

Neben einem gesetzlichen Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung und intensiverer Forschung, die zur Verringerung von unnötigen medizinischen oder chirurgischen Behandlungen intersexueller Heranwachsender beitragen soll, fordert die Resolution auch die „klare Definition medizinischer, sanitärer und anderer Voraussetzungen“ für in bestimmten religiösen Gemeinschaften weitverbreitete Praktiken, „wie die nicht medizinisch gerechtfertigte Beschneidung von männlichen Kindern.“

Die Resolution bezieht sich neben den Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention auf einen Bericht der SPD-Politikern Marlene Rupprecht, welche dem Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Familie der Parlamentarischen Versammlung angehört. Rupprecht sprach sich darin dafür aus, die jahrtausendealte Tradition angesichts der medizinischen Fakten „deutlich in Frage zu stellen“ und zu gewährleisten, „dass bestimmte Operationen nicht durchgeführt werden, bevor ein Kind alt genug ist, dabei zu Rate gezogen zu werden.“

Laut Bericht der Jüdischen Allgemeinen bezeichnete das israelische Außenministerium die Resolution als eine „nicht zu tolerierende Attacke“ auf die jüdische Tradition, welche „Hass und rassistische Tendenzen in Europa“ fördere. Gefordert wurde eine sofortige Rücknahme der Resolution.

Erst vor kurzem hatte das Oberlandesgericht Hamm die im vergangenen Dezember vom Deutschen Bundestag trotz massiver Proteste zahlreicher Kinderrechtsorganisationen beschlossene Gesetzesregelung zur Jungenbeschneidung durch ein Urteil konkretisiert. Dabei wurde der Mutter eines sechsjährigen Sohnes der Eingriff untersagt, da dieser mit dem Jungen nicht in „in einer seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechenden Art“ besprochen worden war. Nicht nur die Eltern müssten sich vor dem Eingriff umfassend über die Beschneidung aufklären lassen. Auch die Wünsche des Kindes müssten bei der Entscheidung berücksichtigt werden, damit eine Einwilligung der Eltern in den Eingriff wirksam werden könne, hieß es.