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Frankreichs Schulen bekommen Laizismus-Charta

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In Frankreichs Schulen wird in den nächsten Tagen eine „Charta der Laizität“ ausgehangen, die über die Trennung von Staat und Kirche sowie die individuellen Rechte, die damit einhergehen, aufklärt. Ab 2015 soll an den öffentlichen Schulen ein Laizismus-Unterricht eingeführt werden.
Dienstag, 10. September 2013
Charta der Laizität 1

Der französische Bildungsminister Vincent Peillon präsentierte am 10. September 2013 in der Nähe von Paris das Dokument, dass in den kommenden Tagen an allen öffentlichen Schulen sichtbar ausgehangen werden soll. Der erste Absatz lautet: „Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik. Sie garantiert allen Bürgern auf dem gesamten Staatsgebiet die Gleichheit vor dem Gesetz. Alle Religionen werden respektiert.“ Mit der Charta der Laizität sollen die „Werte der Republik“ in der Schule und der Grundsatz der Religionsfreiheit des einzelnen Bürgers sichtbar vermittelt werden. Peillon hatte vorher bei einem Treffen mit den französischen Freidenkern den „Verlust des Bewusstseins für das, was Laizität ausmacht“ beklagt.

Die Charta umfasst insgesamt 15 Absätze, in denen die wesentlichen Kernpunkte der laizistischen Grundordnung des französischen Staates (Absatz 1-5) und deren Bedeutung für den Laizismus in den Schulen (Absatz 6-15) zusammengestellt sind. In Frankreich gilt eine strenge Trennung von Staat und Kirche, der Staat verhält sich absolut neutral in Angelegenheiten der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Eine Förderung der Gemeinschaften, wie sie in Deutschland in direkter und indirekter Weise erfolgt, gibt es in Frankreich nicht. Auch das macht die Charta noch einmal deutlich.

Zugleich garantiere das laizistische Prinzip die Umsetzung der zentralen französischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie die Glaubens- und Gewissensfreiheit. „Jeder kann frei entscheiden, zu glauben oder nicht zu glauben“, heißt es in der Charta. Dementsprechend wirke der Laizismus auch jeder Art von Missionierung oder Indoktrinierung entgegen. Laizismus ist die „Grundlage einer gemeinsamen Kultur“.

charta der Laizität 2

Die Charta weißt ferner nicht nur darauf hin, dass sich Lehrer absolut neutral verhalten müssen und „ihre politischen und religiösen Ansichten in der Ausübung ihres Berufs nicht zum Ausdruck bringen dürfen“, sondern macht auch deutlich, dass die Meinungsfreiheit auch für Schüler gilt: „Der Laizismus erlaubt das Einüben des Prinzips der Meinungsfreiheit mit den Schülern“.

Darüber hinaus wird in der Charta verdeutlicht, dass auch vor dem Hintergrund der möglichst weiten, interkulturellen Öffnung der Schulen kein Thema von der wissenschaftlichen und pädagogischen Prüfung ausgeschlossen oder verschont wird. Zugleich darf sich niemand dem Unterricht verweigern, etwa indem sich Schüler auf religiöse Positionen zurückziehen, um der Evolutionslehre im Schulunterreicht aus dem Weg zu gehen. Weiter heißt es: „Niemand darf seine religiöse Herkunft in Anspruch nehmen, um sich den für die Schulen geltenden Regeln zu entziehen.“

Die Schule soll ein vollkommen neutraler Ort bleiben, macht die Charta deutlich. Demnach sollen nicht nur wie bislang religiöse Symbole am Schulgebäude oder in den Innenräumen verboten bleiben, vielmehr soll künftig auch Schülern das Tragen religiöser Symbole und Kleidung verboten werden.

Charta der Laizität 3

Neben der Präsentation der Charta erinnerte Bildungsminister Peillon daran, dass auch die französische Flagge, der Wahlspruch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ausgehangen werden müssen. Darüber hinaus kündigte er an, dass 2015 ein laizistischer Werte-Unterricht an den Schulen eingeführt werden soll. Die französischen Freidenker hatten dies wiederholt kritisiert, da es für sie weder eine religiöse Moral gebe, noch im Gegenzug eine laizistische. Darüber hinaus hatten die Freidenker auch ein Ende der Seelsorge in Schulen gefordert.

Die Bildungsorganisation Ligue de l’enseignement, Mitglied in der Europäischen Humanistischen Föderationbegrüßte die Charta: „Der Laizismus ist die Grundlage der Freiheit des Denkens fördert in der Schule all das, was zu den Grundlagen einer demokratischen Bürgerschaft gehört. Dies gehört auch zu den Herausforderungen eines Wiederaufbaus einer republikanischen Schule.“ Die Charta umfasse alle Beteiligten im Bildungssystem, vom Schüler, über die Lehrer und Eltern bis hin zu Verbänden.

Der Elternverband Peep beklagte, dass die Regierung in der Charta nicht typische Streitthemen wie den Weihnachtsbaum oder religiöse Befindlichkeiten beim Schulessen thematisiert werden. Der Französische Rat der Muslime kritisierte die Charta als unnötig provozierend: „90 Prozent der Muslime werden den Eindruck haben, dass sich diese Charta an sie richtet. Dabei stellen 99 Prozent von ihnen gar kein Problem für die Laizität dar“, sagte der Präsident des Rats der Muslime, Dalil Boubakeur. Das vatikanische Domradio sagte am Montag, dass die 8.800 katholischen Privatschulen in Frankreich nicht von der Charta betroffen sind.

Unter der sozialistischen Regierung von Präsident François Hollande erfährt der Laizismus und die Selbstbestimmung im Sinne eines modernen Humanismus viel Unterstützung. Erst vor wenigen Wochen wurde eine Münze in einem Münzsonderdruck dem Laizismus gewidmet. Darüber hinaus hat die französische Nationalversammlung trotz massiver Proteste vor einigen Wochen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Eheschließung sowie das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt.  

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