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Indien: Führender Aktivist gegen Aberglaube und Hexerei ermordet

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Narendra Dabholkar, einer der bekanntesten Vertreter der indischen Bewegung zur Förderung von vernunftorientiertem und wissenschaftlichem Denken, ist am Dienstag in der westindischen Stadt Pune getötet worden. Sein Tod hat auch Humanisten und Skeptiker weltweit schockiert.
Donnerstag, 22. August 2013
Foto: IHEU

Narendra Dabholkar: Umgebracht von rechten Hindus? Foto: IHEU

Der Mord ereignete sich nur wenige Tage, nachdem die Regierung des indischen Bundesstaats Maharashtra die Einführung eines Gesetzes zur Verringerung der Verbreitung abergläubischer Praktiken in der Gesellschaft zugesagt hatte. Das seit mehr als 15 Jahren diskutierte Gesetz steht aus Sicht der Gegner des Gesetzes in enger Verbindung mit Dabholkars Aktivitäten. Widerstand kam vor allem aus dem rechten Flügel des Parlaments und nationalistischen Hindu-Gruppen, die es als „anti-Hindu“ ablehnen.

Insgesamt vier Schüsse wurden von zwei auf einem Motorrad fahrenden Personen auf den 69-Jährigen abgegeben, berichteten Augenzeugen des Attentats. Als Narendra Dabholkar die Kugeln in den Rücken trafen, befand er sich gerade auf dem Morgenspaziergang. Er erlag schließlich in der Klinik seinen Verletzungen. Wie indische Medien berichteten, bemüht sich die Polizei um eine Auswertung der Aufnahmen von Sicherheitskameras in der Nähe, um nähere Hinweise auf die Identität der Mörder zu finden.

Der studierte Mediziner Dabholkar, beruflich als Sozialarbeiter und Journalist tätig, hatte vor drei Jahrzehnten mit seiner Arbeit gegen die Verbreitung von abergläubischen und magischen Praktiken in der indischen Gesellschaft begonnen. Er gründete 1989 unter anderem die Maharashtra-Bewegung zur Elimination von blindem Aberglauben, Maharashtra Andha Shraddha Nirmulan Samiti, und war Vizepräsident der Föderation indischer Rationalistenvereinigungen FIRA. Er war ferner Herausgeber des Magazins Sādhanā, mit dem progressives Denken in der indischen Gesellschaft gefördert werden sollte. Dabholkar war somit maßgeblich daran beteiligt, die kleine Gruppe von an wissenschaftlichem Denken und Aufklärung interessierten Menschen zu einem Teil der indischen Rationalisten-Bewegung zu machen. Nach offiziellen Angaben wie denen des Auswärtigen Amtes gibt es dort keine Menschen ohne Religion.

Gestern wurden seine sterblichen Überreste in seine Heimatstadt Satara gebracht, wo sie mit den üblichen Riten beigesetzt wurden. Regierungschef Prithviraj Chavan hat für Hinweise auf die Täter eine Belohnung in Höhe von einer Million Rupien, umgerechnet etwa 11.500 Euro, ausgelobt.

Vielfältige Formen von Aberglaube, das profitorientierte Vortäuschen des Besitzes übernatürlicher Kräfte und Praktiken wie Schwarze Magie sind in der indischen Gesellschaft weitverbreitet, in der es trotz der Fortschritte während der letzten Jahrzehnte in einigen Regionen immer noch eine starke Verbreitung von Analphabetismus gibt. Angriffe auf Vertreter von Organisationen, die sich der Aufklärung und der Verbreitung von rationalem Denken widmen, sind kein Einzelfall. Zwar existieren bereits Gesetze, die bestimmte Formen der Hexerei verbieten. Sie seien aber zu begrenzt, sagte Narendra Dabholkar gegenüber der Nachrichtenagentur AFP vor zwei Jahren.

Auf den hinterhältigen Mord reagierten in der Stadt Pune Tausende mit Wut und Empörung. Die Proteste führten laut Bericht der Times of India unter anderem dazu, dass der gewöhnliche Verkehr in der Stadt vorrübergehend zum Erliegen kam. Neben den Anhängern vier großen politischen Parteien gesellten sich auch zahlreiche Studierende und Mitarbeiter karitativer Organisationen zum Protestmarsch durch die Stadt.

Kollegen würdigten das langjährige und leidenschaftliche Engagement von Dabholkar mit deutlichen Worten. Als einen „furchtlosen Ritter“ für die Vision eines Indiens frei von Aberglauben und Dogmen bezeichnete ihn FIRA-Präsident Narendra Nayak. Der bekannte Aktivist Sanal Edamaruku, der im letzten Jahr nach „Blasphemie“-Vorwürfen seitens der katholischen Kirche wegen der Entzauberung eines vermeintlichen Wunders in das skandinavische Exil flüchtete, sagte: „Er war einer der wundervollsten Kämpfer für den Rationalismus in Maharashtra, weil er die Bewegung sowohl in die Dörfer wie auch in die Gesetzgebung brachte.“ Edamaruku rief dazu auf, sich von der Arbeit Dabholkars inspirieren zu lassen und sie mit ganzer Kraft weiterzuführen.

Auch Vertreter von Skeptiker-Organisationen zeigten sich tief bestürzt und riefen dazu auf, das Engagement von Narendra Dabholkar zum Vorbild zu nehmen. Innaiah Narisetti vom indischen Center for Inquiry, einer Schwesterorganisation der deutschen Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, sagte: „Nun müssen die Bemühungen für die Verbreitung von Humanismus vorwärtsgehen, inspiriert durch Narendra Dabholkar“. Die Belgierin und Präsidentin der International Humanist and Ethical Union Sonja Eggerickx erinnerte an ihn als „sozialen Reformer, motiviert von der Wahrheit und dem Wunsch, Ungerechtigkeit zu bekämpfen.“