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Schottland: Humanistische Trauungen immer beliebter

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Mehr als 6.000 Menschen im Land haben im vergangenen Jahr ihre Ehe in einer humanistischen Zeremonie geschlossen. Wenn diese Entwicklung stabil bleibt, rangiert die Church of Scotland hier bald nur noch auf dem dritten Platz.
Dienstag, 23. April 2013
Foto: HSS

Foto: Humanist Society Scotland

Seit das schottische Parlament sie im Jahr 2005 mit kirchlichen Eheschließungen gleichstellte, ist die Zahl der humanistischen Trauungen förmlich explodiert. Von rund 100 Zeremonien vor der gesetzlichen Anerkennung stieg die Zahl bis auf über 3.000 Trauungen im vergangenen Jahr.

Das berichteten britische Zeitungen am vergangenen Sonntag mit Berufung auf aktuelle Zahlen der Humanist Society Scotland (HSS), dem schottischen Schwesterverband der British Humanist Association. Hält der Trend an, könnten die humanistischen Eheschließungen auch zahlenmäßig bald die Trauungen der schottischen Kirche übertreffen.

Zwar identifizierten sich rund zwei Drittel der Bevölkerung laut letztem Zensus als christlich, das Interesse am gegenseitigen Ja-Wort in einem kirchlichen Ritual spiegelt das aber nicht wieder. Im Jahr 2015 könnte bei der derzeitigen Entwicklung der Punkt erreicht werden, an dem sich mehr Menschen für das Angebot der Humanisten als für eine Eheschließung durch die schottische Nationalkirche entscheiden. Die meisten Eheversprechen werden derzeit in Schottland auf dem Standesamt abgegeben.

Für Steve Chinn, Generalsekretär bei den schottischen Humanisten, zeigt sich in den Zahlen ein „großer gesellschaftlicher Wandel“. Gegenüber der traditionsreichen Tageszeitung The Herald sagte Chinn, diese Veränderungen rührten aus einem abnehmenden Glauben an religiöse Vorstellungen und dem Wunsch von Paaren her, ihre Ehe eher in einer humanistischen als einer religiösen Zeremonie schließen zu wollen.

Die meisten Menschen entschieden sich laut Chinn unter anderem deshalb für eine ihrer Hochzeitszeremonien, weil sie an jedem Ort durchgeführt werden könne, der sicher sei und als für das Paar würdig empfunden werde. Bei humanistischen Zeremonien stünde zudem das Paar stärker im Mittelpunkt als bei kirchlichen Trauungen: „Die Menschen wollen, dass es wirklich eine Bedeutung hat und bei den humanistischen Hochzeiten dreht es sich, wie wir sagen, nur um euch.“

Foto: privat

Hochzeit in Niedersachsen: Humanistische Zeremonien werden auch hierzulande beliebter. Foto: privat

Feiersprecherin Anne Widdop berichtete, dass deshalb auch kirchlich gebundene Paare sich bei ihrer Hochzeit für eine humanistische Eheschließung entscheiden würden. Denn die kirchlichen Trauungen böten zu wenige Möglichkeiten, das Ereignis selbst zu gestalten. Widdop rechnet daher damit, dass sich auch die Kirche bald dem Trend anpassen und eine stärkere Ausrichtung der Rituale auf die Wünsche der künftigen Ehepartner zulassen wird.

Mit einigem Bedauern schaut man in England auf die positiven Entwicklungen in Schottland. Denn nur dort und in einigen anderen europäischen Staaten wie Irland sind nichtreligiöse Zeremonien zugelassen und auch gesetzlich anerkannt. Im südlichen Landesteil des Vereinigten Königreiches steht diese Gleichgestellung der humanistischen Trauungen noch aus. Andrew Copson, Direktor der British Humanist Association, meint dazu: „Das ist wirklich eine Schande, denn die Menschen wollen sie und es gibt kein echtes Argument dagegen.“ Copson hofft deshalb, dass es auch in England bald zu Reformen kommt.

Bis dahin sieht das Verfahren ähnlich wie in Deutschland aus. Denn hier ist ausschließlich die standesamtliche Trauung gesetzlich anerkannt: Paare, die sich so das Ja-Wort geben wollen, gehen erst zum Standesamt und feiern das Ereignis anschließend in einer humanistischen Hochzeitszeremonie. Rund 800 solcher Ereignisse wird es laut Andrew Copson in diesem Jahr in England und Wales geben – darunter auch einige Paare, die auf die standesamtliche Anerkennung einfach verzichten und ihre gegenseitige Liebe allein in einem feierlichen Akt in einer Begleitung durch humanistische Feiersprecher, ihre Familien und Freunde öffentlich bekräftigen.