Direkt zum Inhalt

Lebenswenden qualifiziert begleiten und gestalten

DruckversionEinem Freund senden
Schon seit Jahrtausenden werden Lebenswenden wie die Geburt eines Kindes, die Eheschließung oder der Tod eines Menschen von mitunter aufwändigen Zeremonien und Ritualen begleitet. In grauer Vorzeit als Domäne von Religionen betrachtet, wandeln sich die Bedürfnisse der Menschen hierzulande seit langem und lösen sich von engen Vorgaben.
Mittwoch, 10. Januar 2018
Foto: © Dan Race / Fotolia.com

Humanistische Feiersprecher sind auch Botschafter, die die Bedeutung des Lebens im Hier und Jetzt betonen – anstatt mit der Vorstellung an ein Jenseits zu vertrösten. Foto: © Dan Race / Fotolia.com

Welche Qualitäten die Begleitung von Lebenswenden durch nichtreligiöse Zeremonien und Feiersprecher kennzeichnet und wie sich die Interessen der Menschen in diesem Bereich verändern, war Thema eines Workshops am 2. und 3. Dezember 2017 in Dortmund.

Bundesweit zum Treffen eingeladen hatte der Humanistische Verband Nordrhein-Westfalen (HVD NRW). Knapp zwei Dutzend Feiersprecherinnen und -sprecher aus sieben Bundesländern plus fünf auswärtige Referenten kamen darum am ersten Dezember-Wochenende in Dortmund zusammen. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen erwartungsgemäß aus NRW, wo schon seit Jahren Lebensfeiern gut organisiert und etabliert sind, aus Baden-Württemberg und Niedersachsen waren ebenfalls mehrere Feiersprecher angereist.

Der Landesgeschäftsführer des HVD NRW, Thomas Oppermann, hatte ein dichtes Programm zusammengestellt, das er souverän auf Deutsch und Englisch moderierte. In einem einführenden Vortrag über „das Hörbare, das Sichtbare und ‚humanistische Astralkörper‘“ (wobei mit letzterem aber eher die Ausstrahlung bzw. Wirkung, als etwas Okkultes gemeint war) stellten er, der Präsident des HVD NRW, Jürgen Springfeld, und der Referent für Lebensfeiern Jens Hebebrand die humanistischen Essentials einer Trauerrede vor. Fazit: Es gilt neben der Würdigung der zu feiernden Person, für die Gäste auch humanistische Orientierung für das Leben im Diesseits zu geben. Humanistische Feiersprecher sind demnach nicht nur Dienstleister, sondern auch Botschafter, die die Bedeutung des Lebens im Hier und Jetzt betonen, anstatt irgendwelchen Dogmen folgend mit der Vorstellung an ein Jenseits zu vertrösten. Es geht aber dabei nicht bloß darum, sich von religiösen Feiern zu emanzipieren, sondern selbstbewusst eine aufgeklärte Dienstleistung zu liefern, wie dies z. B. für gleichgeschlechtliche Trauungen durch Humanistische Feiersprecher seit Jahrzehnten der Fall ist.

Erkennungsmerkmale humanistischer Feiern bzw. Zeremonien sind die „zivile“ Kleidung des Redners statt einer Tracht, in NRW ein humanistisches Banner am Rednerpult. Grundsätzlich stehen die Worte im Vordergrund und nicht die Symbole. Die Worte werden bei Trauerfeiern unter anderem motiviert von der Frage: Können wir von diesem Leben etwas lernen? Auf welche Leistungen können wir zurückblicken? Was bleibt?

Trauerkultur auf neuen Wegen

Im zweiten Vortrag ging es darum zu zeigen, wie die Trauerkultur sich wandelt. Dazu hielten die Thanato-Soziologen Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler von der Universität Passau einen informativen Lichtbildervortrag. Nach ihrer Beobachtung hat es in den letzten 30 Jahren einen Bruch in der Trauerkultur gegeben, von vormals Tabuisierung zu einer Art Geschwätzigkeit, die sich u. a. in der Art und Häufigkeit der Darstellung von Tod und Sterben in Medien, aber auch in sozialen Netzwerken erkennen lässt.

Der Ausdruck Thanatologie (gr. θανατολογία, von θάνατος thánatos „Tod“ und -logie) bezeichnet die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung. Thanatologie ist ein interdisziplinäres Arbeitsgebiet, wobei Philosophie, Ethnologie, Psychologie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Archäologie, Biologie, Medizin, Pflegewissenschaft und andere wissenschaftliche Disziplinen wichtige Beiträge geleistet haben. (Quelle: Wikipedia)

Thanato-Soziologie ist die spezielle Soziologie, die sich im engeren Sinne mit dem sozialen Handeln rund um den Sterbenden und Gestorbenen, im weiteren Sinne mit der sozialen Bedeutung des Todes und des Sterbenmüssens in einzelnen Gesellschaften befasst.

Während auf deutschen Friedhöfen in der Regel ein Grab nach 25 Jahren aufgelöst wird, kann es für die Spuren eines Menschen bspw. im Internet so etwas wie ein ewiges Leben geben. Das sollte auch bedacht und evtl. bereinigt werden. Gleichzeitig beobachten die Experten, dass aus ökonomischen Gründen Grabstellen kleiner werden, als Folge des Wegfalls des Sterbegeldes, sowie eine Friedhofsflucht hin zu Friedwäldern, Seebestattungen oder der Asche-Verstreuung in der Natur – letzteres ist bisher in Deutschland noch illegal. Häufig gibt es auch den Wunsch die Asche mit nach Hause zu nehmen (ebenfalls in Deutschland noch illegal). Es besteht allgemein ein starkes Interesse an einer Liberalisierung der Bestattungsordnungen, die erst 1934 verschärft wurden und bis heute zu den strengsten in Europa zählen. Mit Ausnahme von Bremen, wo es zulässig ist die Asche eines Verstorbenen im eigenen Garten zu verstreuen. Es darf dabei nur nicht zu windig sein.

Weiter ist eine Individualisierung zu beobachten, die sich in der Gestaltung von Gräbern und Grabsteinen ausdrückt, in dem Versuch, die Individualität der/des Verstorbenen zu repräsentieren. Beispiele sind Musikinstrumente, Schallplatten oder auch mal ein Skateboard als Grabsteine. Daneben gibt es Friedhöfe für Frühchen sowie für Haustiere. Auf fünf Friedhöfen in Deutschland ist es inzwischen sogar möglich, die Asche eines verstorbenen Haustiers als Beigabe mit ins Grab zu geben.

Der Vortrag war untermalt mit vielen Abbildungen von originellen Gräbern und Grabsteinen, die auch auf ihrer Website friedhofssoziologie.de und in ihren Büchern zu sehen sind.

Der nächste Vortrag wurde noch etwas bunter, denn die Sozialpädagogin, Notfallseelsorgerin und Trauerbegleiterin Sarah Benz aus Berlin zeigte einige ihrer Videos auf YouTube, die jeweils mit der Frage „Wusstet ihr schon?“ beginnen. Im Video nimmt sie immer am Anfang auf einem rot angestrichenen Sarg Platz und erzählt auf eine Art, die an die Sendung mit der Maus erinnert. Sie möchte vermitteln, dass Tod und Sterben zum Leben gehören, und Menschen helfen darüber zu sprechen; auch über ihre Trauer und auch mit Kindern. Zudem erklärt sie, was mit einem Verstorbenen alles gemacht werden kann; vor und bei der Beerdigung.

Ein Video zeigte, wie eine Tote von Nahestehenden gewaschen und für die Bestattung eingekleidet wurde; dass die Totenstarre weggedehnt werden kann, wie beim Sport (damit das Anziehen bessergeht); dass es in Berlin eine Gruppe von Sargträgerinnen gibt, die bestellt werden kann; dass man das Grab auf einigen Friedhöfen auch selber zuschaufeln sowie eine Urne in einem Tuch selber tragen und dann ins Grab versenken kann. Es ist sogar möglich, einen im Krankenhaus Verstorbenen nach Hause zu holen und dort für 36 Stunden aufzubahren, um in Ruhe Abschied zu nehmen. Benz hält Vorträge u. a. auch vor Kindern und schlägt in Kitas schon mal vor, einen Insektenfriedhof anzulegen, um so mit Kindern über Tod und Trauer ins Gespräch zu kommen. Im Internet ist sie zu finden unter sarggeschichten.de.

Ein Blick nach Großbritannien

Der letzte Referent des Tages war Stuart Dearlove aus Großbritannien, ein Feiersprecher der britischen Humanisten. Deren Ausbildung ähnelt der in NRW und umfasste einen dreijährigen Akkreditierungsprozess mit intensiver Supervision, Hospitation und Mentoring. Sein Vortrag über Bestattungen und Gedenkfeiern war gewürzt mit trockenem britischen Humor, der es leichtmachte, ihm auch noch zu später Stunde interessiert zu folgen. Er berichtete, dass 53 Prozent der Briten keinem religiösen Glauben folgen, bei unter 25-Jährigen sind es sogar 71 Prozent. Interessant war zu lernen, dass es in Großbritannien keine Bestattungspflicht der Angehörigen und keinen Friedhofszwang gibt. Weil viele Friedhöfe überbelegt sind, gibt es eine Empfehlung sich kremieren zu lassen – 75 Prozent der Verstorbenen bzw. deren Angehörige wählen mittlerweile diese Möglichkeit. Die Asche wird dann gerne an einem für den/die Verstorbene/n relevanten Ort verstreut. Sogar eine Beerdigung auf privatem Grund ist möglich.

Am Sonntag hielt zunächst der langjährig erfahrene Feiersprecher Heiko Heckes einen allgemeinen Vortrag über Lebensfeiern. Er konnte zeigen, wie wichtig eine starke Organisation im Hintergrund der Feiersprecher ist, denn diese könne den Auftraggebern garantieren, dass ihre Feier auch angemessen durchgeführt werden kann, wenn der geplante Feiersprecher überraschend ausfällt. Auch für den Umgang mit Wünschen, die humanistische Lebensauffassungen strapazieren, hatte er hilfreiche Empfehlungen zu bieten. Überraschend war der Hinweis, dass das Steigenlassen von Luftballons, z. B. bei der Beerdigung eines Kindes, genehmigungspflichtig ist.

Ihm folgte ein zweiter Vortrag von Stuart Dearlove, wo es um Namensfeiern und Hochzeiten ging. Auch in Großbritannien haben humanistische Trauungen – im Gegensatz zu kirchlichen – keinen gesetzlichen anerkannten Status. Um das zu ändern, wird zurzeit vor dem Europäischen Gerichtshof eine entsprechende Klage verhandelt. Britische humanistische Feiersprecher haben 2016 ca. 1.200 Hochzeiten, 700 Namensfeiern und 8.000 Bestattungen durchgeführt. Die Feiern entsprechen in ihrem Ritual im Wesentlichen dem, was Feiersprecher auch in Deutschland tun.

Insgesamt war dieses Wochenende für die angereisten Feiersprecherinnen und -sprecher eine Fundgrube für die weitere professionelle Arbeit und eine gute Gelegenheit sich näher kennenzulernen und auszutauschen.

Frank Spade ist humanistischer Feiersprecher, der vorwiegend in Berlin und Brandenburg tätig ist. Website: altarnative.de