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Humanisten weltweit verfolgt und benachteiligt

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Sind Sie „gottlos glücklich“? Problemlos möglich ist solch ein Leben immer noch in nur sehr wenigen Ländern. Das zeigt ein Bericht der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU), der heute in Brüssel vorgestellt wurde. „Einwandfrei“ signalisiert die Länderbewertung weiterhin nur für die Lage in Belgien, in den Niederlanden und in Taiwan.
Dienstag, 5. Dezember 2017
Grafik: IHEU

Im Ländervergleich rangiert die Bundesrepublik Deutschland unverändert nur im unteren Mittelfeld. Grafik: IHEU

In den vergangenen zwölf Monaten hat es kaum signifikante Verbesserungen bei der rechtlichen und politischen Situation von konfessionsfreien und nichtreligiösen Menschen weltweit gegeben. In sieben Ländern droht Menschen mit offen religionsdistanzierten Auffassungen aktive staatliche Verfolgung. In insgesamt 85 Ländern sind mindestens schwerwiegende Benachteiligungen für Nichtreligiöse festzustellen. Das sind zentrale Ergebnisse des aktuellen Berichts Freedom of Thought, der heute am Sitz des Europäischen Parlaments in Brüssel vorgestellt worden ist.

Der Bericht dokumentiert in seiner sechsten Auflage, mit welchen Schwierigkeiten und Bedrohungen sich Menschen weltweit konfrontiert sehen, die keiner Religion folgen oder nicht wie offiziell vorgeschrieben „glauben“: wer offen atheistisch, agnostisch oder auch nur religiös-liberal denkend lebt, wird in manchen Gegenden schnell zur Zielscheibe archaischer Strafgesetze oder muss erfahren, dass es gegenüber aufgebrachten Gruppen von extremistischen Gläubigen kaum bzw. keinen polizeilichen Schutz gibt. Und auch wenn nicht die Gefahr unmittelbarer Repression oder Gewalt droht: In vielen weiteren Ländern sind Personen, die den Religion(en) bzw. Religionsgemeinschaften der Bevölkerungsmehrheit distanziert gegenüberstehen, in vielfältiger Weise schlechter gestellt. Zu diesen Ländern gehört auch die Bundesrepublik Deutschland, wo konfessionsfreie und nichtreligiöse Bürgerinnen bzw. Bürger einer teils verdeckten, aber letztlich doch systematischen Benachteiligung ausgesetzt sind.

Mord und Verfolgung sind keine isolierten Ereignisse

Die IHEU wies bei der Vorstellung des aktuellen Berichts Freedom of Thought besonders auf Morde in Pakistan, den Malediven und Indien während der vergangenen zwölf Monate hin, denen religionsdistanzierte Menschen zum Opfer gefallen seien. In Malaysia, einem der Länder mit dem Islam als Staatsreligion, drohten Regierungsvertreter öffentlich angesichts der sich auch mittels Internet verbreitenden atheistischen bzw. religionskritischen Auffassungen bei insbesondere der jüngeren Bevölkerung, eventuell erkennbare „Apostaten“ „zur Strecke zu bringen“ („hunt down“). In mehreren islamisch geprägten Ländern sehen sich derzeit „Apostaten“ Gerichtsverfahren und einem möglichen Todesurteil ausgesetzt, weil sie es gewagt hatten, als atheistisch denkend erkennbar zu werden oder sich gar religionskritisch zu äußern. Die Morde und andere Fälle von Verfolgung und Repression seien keine isolierten Ereignisse, sondern Teil eines Musters an Rückschritten in globalem Maßstab, erklärte die IHEU dazu.

 

Der erstmals zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2012 veröffentlichte Bericht dokumentiert gesetzliche und politische Rahmenbedingungen in mehr als 180 Staaten sowie konkrete Vorfälle, die das Menschenrecht auf freie Wahl der Weltanschauung bzw. Religion, freie Meinungsäußerung, Bildung sowie gleiche soziale und kulturelle Rechte betreffen. Anhand von insgesamt vier Ebenen einschließlich der staatlichen Neutralität wird die Situation im jeweiligen Land jährlich neu bewertet, an der Entstehung waren Expertinnen und Experten aus mehr als fünf Dutzend Ländern beteiligt. Der Bericht bescheinigt weiterhin lediglich Belgien, den Niederlanden und Taiwan auf allen vier Bewertungsebenen eine einwandfreie Situation. Schlusslichter bilden Afghanistan, Irak und Saudi Arabien. Diese Länder bilden ebenfalls Schlusslichter des Global Peace Index, der die Friedfertigkeit der Staaten auf der Erde jährlich neu bewertet.

Abwendung von Religion darf kein Verbrechen sein

IHEU-Präsident Andrew Copson berichtete, dass den Dachverband stetig mehr Nachrichten aus insbesondere islamisch geprägten Ländern mit der Bitte um Unterstützung, Rat und Hilfe erreichen. Die meisten würden von Betroffenen stammen, die fürchten, sich als Atheist oder Humanist zu äußern und deswegen Angriffen oder tödlicher Gewalt ausgesetzt zu sein. Der IHEU-Bericht zeige, „dass dies keine irrationale Angst ist“, so Copson. Es habe wiederholt tödliche Angriffe auf Konfessionsfreie, Atheisten und Nichtreligiöse in diversen Ländern gegeben, bei denen die Mörder ganz oder beinahe straffrei ausgegangen waren. „Die internationale Gemeinschaft darf nicht fortfahren, Staaten zu beschwichtigen, die die Abwendung von Religion als Kapitalverbrechen kriminalisieren“, so Copson weiter.

 

In Deutschland ist ein Kirchenaustritt zwar kein Kapitalverbrechen, auf Religionskritik steht nicht die Todesstrafe. Im IHEU-Ländervergleich rangiert aber auch die Bundesrepublik unverändert nur im unteren Mittelfeld. Ursachen für Minuspunkte und eine weiterhin schlechte Bewertung durch den Freedom of Thought Report sind unter anderem eine starke staatliche und einseitige Förderung von Religionsgemeinschaften, die Benachteiligung konfessionsfreier Arbeitnehmer durch kirchliche Privilegien im Arbeitsrecht und in vielen Bundesländern weiterhin fehlende Alternativen zum Religionsunterricht ab Klasse 1.

„Der Freedom-of-Thought-Report der International Humanists und die Zusammenarbeit mit Humanistinnen und Humanisten in anderen Ländern sensibilisiert uns für die brutale Wirklichkeit in einigen Teilen der Welt. Ein offenes Bekennen der eigenen Religionsfreiheit, Engagement für Humanismus und Menschenrechte oder auch nur ein Online-Kommentar können lebensgefährlich sein. Menschen, die sich dieser Gefahr aussetzen, um eine bessere Gesellschaft möglich zu machen, haben unsere Bewunderung und vollste Unterstützung verdient“, kommentierte Florian Zimmermann, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands am Dienstagnachmittag.

Die Freiheit des Denkens und der Meinung sind Menschenrechte

Nur einer der vielen von archaischen Gesetzen Betroffenen ist der Blogger und dreifache Vater Raif Badawi, der im Juni 2012 wegen „Apostasie“ inhaftiert und schließlich wegen „Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Haft sowie 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde. Badawi hatte u.a. für einen liberalen Staat plädiert und „für das Recht eines jeden, seine Religion frei zu wählen“. Sein Fall erregte internationale und andauernde Aufmerksamkeit – eine Ausnahme.

Foto: © picture alliance / empics

Ensaf Haidar neben einem Poster zu ihrem Ehemann Raif Badawi, der 2012 inhaftiert und zu zehn Jahren Gefängnis sowie 1.000 Peitschenhieben verurteilt wurde. Foto: © picture alliance / empics

Der IHEU-Bericht will darum nicht nur Einzelfälle dokumentieren, sondern das Augenmerk auf die ganze Breite der teils gravierenden Missstände lenken, von denen „Dissidenten“ gegenüber der jeweils vorherrschenden Religion(en) betroffen sind, einschließlich der vielfältigen Probleme in der Bundesrepublik Deutschland. Ensaf Haidar, die Partnerin von Raif Badawi und Mutter ihrer gemeinsamen Kinder, schreibt in einem Vorwort zum heute vorgestellten IHEU-Bericht: „Raif hat nun die schreckliche und ungewollte Ehre, einer der prominentesten Gefangenen der Welt zu sein. Doch viele Blogger, Journalisten und Aktivisten in zu vielen Ländern sind mit ähnlichen Anklagen und Bestrafungen konfrontiert.“ Der Vorwurf, ihr Ehemann sei ein Ketzer, sei zu seiner Dämonisierung benutzt worden. Er selbst habe sich als liberaler Muslim bezeichnet. „Ganz gleich, ob Du Humanist oder Muslim bist, ein Atheist oder Jude, ein Agnostiker oder Christ. Niemand sollte solch einem Prozess für die bloße Äußerung der eigenen Weltsicht begegnen. Die Freiheit des Denkens und der Meinung sind Menschenrechte. Ich lehne die Idee ab, dass jemand oder irgendein Staat das Recht haben, Menschen mit dem Tod zu bedrohen, weil sie an eine Religion glauben oder nicht. Ich lehne die Idee ab, dass nur weil jemand kritisch über irgendeinen Aspekt von Religion denkt, diese Person es verdient, dafür verfolgt zu werden, und noch weniger, dafür inhaftiert zu sein, getrennt von ihren Kindern Jahr um Jahr um Jahr“, so Ensaf Haidar.

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