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Konfessionsfreie bald absolute Mehrheit in Deutschland

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Menschen ohne Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft werden voraussichtlich in etwa 20 Jahren die absolute Bevölkerungsmehrheit in der Bundesrepublik stellen. Darauf hat der Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern nach einer neuen US-Studie hingewiesen, die bis 2050 ein Wachstum der muslimischen Minderheit in u.a. Deutschland prognostizierte.
Freitag, 1. Dezember 2017

Voraussichtlich ab etwa dem Jahr 2040 wird der größte Teil der deutschen Bevölkerung sich keiner der traditionellen Konfessionen mehr verbunden sehen. Die großen etablierten Kirchen werden in etwa zehn Jahren weniger als die Hälfte der Deutschen als Mitglieder verzeichnen können, sofern sich der Schwund der letzten Jahrzehnte fortsetzt. Gläubige Muslime werden eine relativ kleine religiöse Minderheit in Deutschland bleiben. Darauf hat heute der Vorstand des Humanistischen Verbandes Bayern anlässlich von Medienberichten zu einer aktuellen Prognose des US-amerikanischen Pew Research Center hingewiesen.

Foto: privat

Michael Bauer, Vorstand des HVD Bayern. Foto: privat

„Der mit Abstand bedeutendste Trend in der weltanschaulichen Landschaft bei uns ist das kontinuierliche Wachstum der Gruppe derjenigen Bürgerinnen und Bürger, die generell religionsdistanziert sind und keiner der religiösen Glaubensrichtungen mehr folgen. Wir erleben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Islamisierung, sondern stattdessen eine weitere Säkularisierung und Pluralisierung der Lebensauffassungen und Glaubensorientierungen. Dies ist die wesentliche Veränderung, mit der sich unsere Gesellschaft und die Politik auseinanderzusetzen hätten“, sagte Michael Bauer.

Zuvor hatte am vergangenen Mittwoch das Pew Research Center einen als demografische Studie bezeichneten Bericht veröffentlicht, dem zufolge der Bevölkerungsanteil von Menschen mit hoher Identifikation mit einer islamischen Glaubensrichtung („Muslime“) in Deutschland und Europa während der nächsten dreieinhalb Jahrzehnte signifikant zunehmen könnte. Der Anteil der Muslime könne laut der Pew-Prognose von 6,1 Prozent im vergangenen Jahr auf 8,7 bis 19,7 Prozent Anteil an der deutschen Bevölkerung im Jahr 2050 wachsen. Als mittleres Szenario wurden ein Wachstum auf 10,8 Prozent Bevölkerungsanteil prognostiziert. Ausschlaggebend für die Wachstumsraten seien eine höhere Geburtenrate in muslimischen Familien sowie die Zahl an Migranten und Asylsuchenden muslimischen Glaubens, die unter Umständen in die Bundesrepublik Deutschland kommen könnten. Laut dem Bericht könnten im Falle einer hohen Zuwanderungsrate bis zum Jahr 2050 rund 17,5 Millionen von 88,8 Millionen Einwohnern Deutschlands Muslime sein. Im Fallen einer mittleren Zuwanderungsrate wären laut der Pew-Prognose im Jahr 2050 rund 8,5 Millionen von 78,4 Millionen Einwohnern Muslime. Ohne jede weitere Zuwanderung wären im Jahr 2050 von 68,7 Millionen Einwohnern rund sechs Millionen Muslime.

Konfessionelle Etikettierung hochproblematisch

Es gibt jedoch eine Reihe von Gründen für Zweifel, dass sich diese Prognosen bewahrheiten werden, sagte Michael Bauer zu den vorgelegten Zahlen. Allein schon der vom Pew Research Center für das Jahr 2016 angesetzte Bevölkerungsanteil der sogenannten Muslime liegt mit 6,1 Prozent deutlich über der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in einer offiziellen Hochrechnung namens  „Wie viele Muslime leben in Deutschland?“ ausgewiesenen Zahl von ca. 5,5 Prozent Bevölkerungsanteil. Und selbst die von der BAMF-Hochrechnung ausgewiesene Zahl sei mit Vorsicht zu genießen, betonte Bauer. Denn diese Hochrechnung subsummiert u.a. die Minderheit der etwa 500.000 Anhänger des Alevitentums als Muslime. Die Mehrheit der humanistisch-universalistisch geprägten Alevitinnen und Aleviten verstünde sich jedoch als eigenständige Glaubensrichtung, die sich in wesentlicher Hinsicht vom traditionellen Sunniten- oder Schiitentum unterscheidet. Des Weiteren basiere auch die BAMF-Hochrechnung teilweise darauf, die Religionszugehörigkeit über Daten zur konfessionellen Zusammensetzung der Herkunftsländer zu bestimmen. Dies berücksichtige jedoch aus säkularer Perspektive nicht verlässlich genug, wie stark tatsächlich die Identifikation vieler vermeintlicher Muslime mit dem ihnen so zugeschriebenen Glauben sei, so Bauer weiter. „Die konfessionalisierende Etikettierung von Individuen ohne eingehendere Erforschung der lebensweltlichen Identitäten und Glaubenspraxen ist hochproblematisch, auch wenn sicherlich ein gewisser Teil tatsächlich als gläubig im Sinne bekannter traditioneller Islam-Verständnisse gelten kann“, sagte Michael Bauer, der auch einer der Autoren des 2015 veröffentlichten Berichts zur Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland ist. Anhand von ersten eingehenderen Untersuchungen und den Beobachtungen von religionssoziologisch und islamwissenschaftlich versierten Experten sei davon auszugehen, dass ein Drittel der auch von der BAMF-Hochrechnung als Muslime ausgewiesenen Menschen tatsächlich säkulare Lebensauffassungen hat und praktisch religionsdistanziert bzw. religiös indifferent ist. Bei der US-amerikanischen Pew-Prognose fehle des Weiteren eine ernsthafte Einbeziehung der Tatsache, dass auch in muslimisch geprägten Familien aufgewachsene Personen sich in einer freiheitlichen Gesellschaft wie unserer im Laufe des Lebens vom Glauben ihrer Eltern entfernen oder zu mindestens ein nicht-traditionelles Glaubensverständnis entwickeln.

Grafik: © REMID / remid.de

Grafik: © REMID / remid.de

Die beiden größten Konfessionen in Deutschland, das katholische und evangelische Christentum, sind seit langem von diesen religiösen Distanzierungs- sowie weltanschaulichen Individualisierungsprozessen betroffen. Dies ist ein Grund, weshalb der Bevölkerungsanteil der Kirchenmitglieder in der Bundesrepublik pro Jahr um durchschnittlich zwischen einem halben und ganzen Prozentpunkt zurückgeht. So zählten die beiden großen Kirchen Ende 2015 nur noch 56 Prozent der Bevölkerung als Mitglieder. Setzt sich die Entwicklung der letzten Jahrzehnte fort, und es gibt wenig Gründe von einer baldigen wesentlichen Verringerung des Schrumpfungstrends auszugehen, wird das organisierte Christentum einschließlich der Freikirchen und orthodoxen Kirchen in zehn bis 15 Jahren weniger als die Hälfte der Bevölkerung zählen.

Säkularisierung ist der Megatrend

Ende 2016 waren bereits rund 33 Prozent der Deutschen laut den Daten des unabhängigen Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdiensts (REMID) konfessionsfrei, rund vier Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Auch REMID bezieht sich jedoch bei der Erhebung der Zahl der Muslime auf die problematischen Hochrechnungen des BAMF, sodass die aktuelle Zahl tatsächlich religiös distanzierter und säkular orientierter Menschen in der Bundesrepublik noch bis zu zwei Prozentpunkte höher liegen dürfte. Bleibt es bei dem seit langem andauernden Säkularisierungstrend, wird die „Gruppe“ der Konfessionsfreien in voraussichtlich etwa 20 Jahren die absolute Mehrheit der Bevölkerung bilden.

„Auch wenn die Kirchen auf absehbare Zeit große Konfessionsgemeinschaften bleiben werden, wird unsere weltanschauliche Landschaft vor allem säkularer und vielfältiger. Muslime im Sinne traditioneller Glaubensverständnisse bleiben eine relativ kleine Minderheit. Dieses objektive Bild wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft verzerrt, weil sehr konservative oder religiös radikale Gruppen  seit Jahren große Aufmerksamkeit auf sich ziehen und weil Gewalttaten von religiös motivierten Extremisten bei vielen Bürgerinnen und Bürgern Sorgen und Ängste ausgelöst haben“, so Michael Bauer zu den Entwicklungen.

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Michael Bauer warnte vor konfessionellen Etikettierungen, die Menschen primär über eine mutmaßliche religiöse bzw. weltanschauliche Identität definieren. „Für den allergrößten Teil der Menschen in Deutschland ist ihre konfessionelle bzw. weltanschauliche Orientierung nur ein Aspekt ihres Lebens, der im Zusammenspiel mit anderen Teilen ihrer Identität gelebt wird. Plakative Etikettierungen entsprechen in vielen Fällen nicht dem komplexeren Bild der Realität“, so Bauer dazu. Dies gelte ebenso für Geflüchtete und Asylsuchende, die nach eigenen Erfahrungen aus der einschlägigen Verbandsarbeit häufig erst hierzulande die Möglichkeit entdecken, sich befreit von äußerem Druck mit früheren Glaubensvorstellungen auseinandersetzen zu können oder davon zu lösen. Pauschale religiöse bzw. weltanschauliche Etikettierungen nach Herkunftsländern seien keinesfalls hilfreich für eine besonnene Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen, betonte er.

„Sicherlich ist die religiöse Pluralisierung in Deutschland ein Thema, dem sich die Politik und die Medien weiterhin stellen müssen. Doch der eigentlich vorhandene Megatrend ist die sich fortsetzende Säkularisierung unserer Gesellschaft. Dafür fehlt es bisher an ausreichender Aufmerksamkeit an vielen Stellen, was sicher auch die stetig schrumpfenden Kirchen unterstützen. In den Diskussionen um die Bewahrung einer friedlichen und freiheitlichen Gesellschaft wird die Tatsache der großen und weiter wachsenden Zahl konfessionsfreier Menschen in Deutschland an den Rand geschoben oder verschwiegen. Dadurch werden wichtige gesellschaftliche Potenziale und Perspektiven sträflich vernachlässigt“, kommentierte Michael Bauer abschließend die US-Prognose und die Medienberichte.